9. Mai The Last Journey St. Ives

Der Wind bläst hier jeden Tag ums Haus. Wenn er nachts von der Küste heraufweht, dann könnte ich schwören, ich höre die Wellenwie sie kommen und gehen. Auch wenn die Unterkunft gewöhnungsbedürftig ist, möchte ich diese kleinen Details nicht missen. Abgesehen davon, dass es hier wirklich super relaxed und locker zugeht. Das Haus steht immer offen, wurde noch nie abgeschlossen, seit die Schwestern hier wohnen. Obwohl Zora mich nicht mehr beschützen kann, bereitet mir das vom ersten Tag an keinerlei Sorgen.

Heute scheint die Sonne und es ist blauer Himmel. Das Wetter ändert sich so nah am Meer -es sind ja keine 10 Minuten downhill zum Porthcurno Beach- oft sehr schnell. Auch das fühlt sich sehr stimmig für mich an, ich glaube, deshalb kann ich es hier noch gut eine Weile aushalten. Meine Stimmungswechsel verhalten sich gottlob nicht wirklich proportional zum Wetter.
Auf dem Weg fort von hier und egal wohin fährt man im Grunde immer dieselbe serpentinenartige Straße über Penzance. Die Straßen sind hier von riesigen blumenbewachsenen Hecken umsäumt, das ist so schön, dass es mir inzwischen beinahe heimatliche Gefühle bereitet.

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Irgendwo auf dieser Strecke taucht scheinbar mitten aus einer dieser Hecken ein selbstgemachtes Schild auf mit folgendem Hinweis :
“ Craft Works, Fresh Mushrooms, OPEN“
Ich erkundige mich bei Sam, meiner Gastgeberin, ob sie wüsste, was sich dahinter verbirgt. Sie meinte, ich solle es einmal herausfinden und ihr davon berichten.
Und als ich auf meinem Weg über Penzance Richtung St. Ives war, kam ich wieder an diesem Hinweisschild vorbei und bog kurzerhand auf die Einfahrt ab. Nachdem es aussah, als handelte sich einfach um eine Zufahrt zu verschiedenen Grundstücken parkte ich den Wagen und sah mich um. Es war kein weiterer Hinweis zu finden und so schaute ich weiter und stand vor einem sehr sympathischen kleinen Vorgarten mit einem Buddha und einem kleinen Schild, auf dem stand : „Welcome to my garden“. Und schon kam eine Frau aus der Tür heraus und begrüßte mich und ich erzählte, dass ich das Schild gesehen hatte und sie war sehr freundlich und führte mich zu einem Schuppen neben dem Haus und zeigte auf dem Weg auf große Champignons aus verschiedenen Hölzern, die geradezu als Hocker im Garten dienen konnten. Dann kam noch ein Mann mit für diese Gegend auffallend über die Schultern hinausgewachsenen gepflegten langen Haaren dazu, der etwas verschlafen aber ebenso freundlich wirkte und in den Plastikkisten im Schuppen nach weiteren, filigraneren Holzpilzen suchte. Sie kamen mir zwar nicht wie ein Ehepaar vor, doch das waren sie und nachdem ich auf ihre Fragen hin erzählte, woher ich kam und wieso ich die Reise machte und was geschehen war, hatte ich eine verwandte Seele getroffen, denn auch sie hatten vor einiger Zeit ihren Hund verloren, der einen Hirntumor hatte. Die Frau und ich vergossen ein paar Tränen zusammen – eigentlich unabsichtlich, aber das verbindet ebenso schön wie gemeinsam zu lachen – und sie erzählte von ihrer deutschen Freundin Rosie, die vor vielen Jahren aus Aachen gekommen war und kaum Englisch sprach und dass sie beide in London studierten und sie immer noch eine innige Freundschaft verbindet. Lorraine und Rob waren vor etwa 5 Jahren von London hier runter gezogen und sie fand, das müsste ich auch unbedingt tun und zeigte mir gleich den Ausblick hinterm Haus und meinte, ihr Nachbar würde verkaufen und sie würden auch etwas größeres suchen, da sie gern Meditationsworkshops geben würde mit Übernachtungsmöglichkeit.
Allein von ihren Holzarbeiten (www.craftsworkltd.co.uk), die sie auf verschiedenen Märkten im Land anboten, konnten sie nicht leben. Die Jobsituation wäre hier nicht so gut, allerdings würde man leicht etwas finden, wenn man ein Handwerk könnte und sie überlegte ein paar Minuten fieberhaft, wo man mich unterbringen könnte und dass man leider aber auch schlecht bezahlt wird.
Und ich solle mir unbedingt wieder einen Hund zulegen, die Tierärzte wären so freundlich hier unten und die Tiere hätten hier so viel Auslauf. Nur auf ‚Farmland‘ müsste ich aufpassen, da die Farmer die Hunde, sofern sie sich den Tieren dort nähern und für diese eine Gefahr darstellen konnten, von den Farmern erschossen werden. Da müsste ich sehr aufpassen.
Das war alles sehr liebenswürdig, wie sie mein Leben dort plante und es kam so von Herzen. Und nachdem sie mir noch einen sehr magischen Ort empfohlen hatten mit alten riesigen Wunschbäumen, luden sie mich ein, unbedingt wieder vorbei zu kommen und gaben mir ihre Karte. Es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten uns nach diesem langen Gespräch von gefühlten 3 Stunden (und tasächlich etwa 45 Minuten) umarmt. Stattdessen versicherten wir uns doppelt und dreifach, dass wir uns freuten, uns kennengelernt zu haben und das Gespräch sehr genossen hatten.Ich freute mich über die Wärme und ehrliche Herzlichkeit und versprach, nach dem Besuch des Wunschbaums nochmals vorbeizukommen.

Nun war es jedoch an der Zeit, schnell nach St.Ives aufzubrechen, denn wie überall hier, wurden die Bürgersteige bereits um 17.00h hochgeklappt und ab 21.h bekam man selbst im Pub nichts mehr auf den Tisch, was den Magen füllen konnte.

St. Ives ist nicht wirklich weit weg, vielleicht 30 Minuten entfernt von hier. Dort angekommen, bin ich zunächst damit beschäftigt, den Schildern zur Tate Gallery zu folgen. Es geht bergauf und bergab und irgendwann mündet die Straße direkt zur Tate Gallery und ein Schild sagt mir „Just turning point here“ – ok also wieder den ganzen Hügel steil nach oben auf der Suche nach einem Parkplatz, der vielleicht nicht so weit ist, das ich das Gefühl habe, von Penzance aus loslaufen zu müssen. Schließlich werde ich fündig und trabe einer scheinbar aus dem Nichts aufgetauchten Menge Touristen aus einem offenbar deutschen Reisebus hinterher und eine Treppe hinab in Richtung Town Centre. Ich mag kein deutsches Wort hören, merke ich und sehe zu, dass ich die Gruppe rasch überhole.

Nachdem ich die Northern Terrace erreiche, verzweigt sich downtown St.Ives ziemlich schnell in mehrere kleine Gassen, sog. Lanes und ich versuche weiter, dem auch dort vorherrschenden Touristenstrom zu entkommen, in dem ich erneut die Richtung ändere. Und da ist wieder ein Hinweisschild für die Tate Gallery und ich folge diesem und als ich nochmals abbiegen müsste, steh ich unvermittelt vor dem Barbara Hepworth Museum and Sculpture Garden, das mir von mehreren Leuten hier empfohlen wurde. Ich schaue kurz auf die Uhr und entschließe mich, zuerst die Skulpturen anzusehen bevor ich die Tate Gallery besuche. Ich entscheide mich für ein Kombiticket für beide Ausstellungen und erfahre, dass die Tate Gallery ( due to works ) bis nächsten Freitag geschlossen ist – super! In London hab ich es nicht geschafft hinzugehen und hier ist geschlossen.
Als ich eintrete, hab ich meine kurze Enttäuschung jedoch sofort vergessen und tauche ganz in die Atmosphäre des Hauses ein. Zunächst ohne zu wissen, dass dies ihr Atelier und ab 1950 bis zu ihrem Tod auch ihr Wohnhaus war. Ihre Lebensabschnitte, viele Kritiken und Bilder ihrer Werke sind dort zu sehen und am Ende ihre Todesanzeige von 1975. Sie war mit einer Zigarette eingeschlafen. http://barbarahepworth.org.uk
Sie kannte viele namhafte zeitgenössische Künstler wie Henry Moore oder Kandinski. Sie stellte auch mit Ben Nicholson, ihrem Ehemann Nr. 2 gemeinsam aus und hatte Drillinge mit ihm, die heute ungefähr 80 Jahre alt sind und die irgendwie alle Künstler geworden sein sollen ebenso wie deren Kinder und Enkel, wie mir eine Galeristin aus der benachbarten Galerie später erzählt und mir die Werke von Kate und Rachel Nicholson zeigt.

Das Haus hat eine so einnehmende offene Atmosphäre, man kann in diesem Haus atmen und hat das Gefühl, die kreative Energie dort förmlich zu spüren. Es ist unbeschreiblich schön dort zu sein und auch der Garten mit seinen Skulpturen ist überwältigend. Das Atelier ist von außen einsehbar und es wirkt so, als käme sie jeden Augenblick zurück und arbeitet weiter.
Hier ein paar Eindrücke :

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und hier noch der lebendige Ausdruck des Wohlbefindens in diesem Garten:

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Ich kehre in einen kleinen Lebensmittelladen ein und versuche meine ersten nicht von mir selbst gebackenen Original Scones with clotted cream, auch sehr gut auch wenn ich die clotted cream nicht wirklich vertrage, verstehe ich jetzt sehr gut, dass se eigentlich dazu gehört. Ich kaufe in einem anderen Geschäft noch ein Brot und mein erstes Scotch Egg

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– eine Art Frikadelle mit einem hartgekochten Ei im Bauch, das ganze von Brotkrumen ummantelt und sehr knusprig- und obwohl ich dem Fleisch vor einer Weile fast gänzlich abgeschworen habe, probiere ich es, als ich wieder am Auto bin, um doch meinen Parkschein zu verlängern – ich dachte nicht, dass ich so lange bleiben würde. Ich setze mich in den offenen Kofferraum und esse und dann ist da wieder ein kleiner Gedanke, die Erinnerung, wie ich ihre Pfote gehalten habe bis sie kalt wurde und wie sehr ich das immer geliebt habe, weil ihre Pfoten so schön groß und kuschelig waren, von klein auf an- wie sie sie jedesmal nach kurzer Zeit weggezogen hatte, weil sie das eigentlich nicht mochte. Ich breche in Tränen aus. Es ist nicht so schlimm wie am Vortag, aber ich bin einfach immer wieder geschüttelt von der Trauer auch um die Erinnerung. Den Strand wage ich später nicht entlangzugehen, einfach weil sie ihn so sehr gemocht und ich Sturzbäche zur Meereserweiterung beigetragen hätte. Erleichterung finde ich schließlich,als ich das folgende Schild später entdecke und froh bin, dass sie nicht mehr physisch dabei ist:

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Ich gehe weiter Richtung Hafen und gelange an den St. Ives‘ Arts Club (siehe Titelbild) und das sieht einladend aus und ich entdecke ein Schild, dass Kurzfilme gezeigt werden und gehe hinauf in die erste Etage. Ein schöner alter Raum mit einer Bühne zeigt sich mir, der mich an das Magazin-Kino in Hamburg erinnert. Einige Leute sitzen herum und füllen Zettel aus. Ein wenig wie früher beim Kurzfilmfestival der Berlinale.
Unten ist eine Galerie und freundliches Gelächter dringt an meine Ohren, ich sehe bunte Farben und nette grauhaarige Ladies, die nicht so alt sind wie sie allein aufgrund ihrer Haarfarbe scheinen. Der Raum ist vielleicht 25qm groß und es sind Kunst aus Keramik und aus Filz sowie Bilder befinden sich darin. Es ist in einzelne Abschnitte unterteilt, jeder Abschnitt enthält eine Seite mit einem Foto der jeweiligen Künstlerin und ihrem persönlichen Statement zu ihrer Kunst – äußerst sympathisch und feinsinnig, was ich da lese. Und ich nehme die angenehmen Stimmen der angeregten und doch leichten Unterhaltungen der Frauen wahr und es ist schön und ich fühle mich auch dort sehr wohl. Ich schleiche eine Weile um eine wunderschöne Keramikschüssel von Serena Gwynn, die ein symmetrisches eher archaisches Muster in sich trägt. ich frage mich, ob ma dieses wunderschöne Stück auch auch benutzen kann – leider nicht wie ich später von ihr erfahre. Dann sehe ich mir die Bilder an und erfreue mich sehr an den Farben und lese interessiert, was Jenny für einen Hintergrund hat und erfahre, dass sie eigentlich immer Galeristin war und irgendwann selbst begann, mit Farben zu experimentieren und dass ihre Bilder ihr die Möglichkeit geben, ihre Lebensreise besser zu begreifen. Das spricht mich sehr an und nicht dass ich wirklich malen könnte, aber wenn ich den Pinsel in die Hand nehme und genau wie sie dieses Gefühl bekomme, dass ich ruhig werde und hier bin und jetzt – dann spricht mir das Gesagte dort sehr aus der Seele und ich bedauere, dass ich wirklich alles im Überfluss nur keine Malsachen mitgenommen habe.
Irgendwie komme ich mit den Damen ins Gespräch und die eine, die Pat heisst fragt mich, woher ich komme. Und sie erwidert auf meine Antwort, dass sie sich dachte, dass ich von weiter weg käme. Und wir sprechen alle eine Weile und ich sage ihnen, wie ansprechend ihre Kunst sei und die persönlichen Statements dazu und ihre Anwesenheit die Ausstellung zu einem sehr familiären Event machen. Das nehmen sie dankend an und eröffnen mir, dass es ihre Finnissage sei und ich quasi die letzte, die ihre gemeinsame Ausstellung gesehen hätte. Ob ich über Nacht in St.Ives bliebe und ich erkläre, dass ich nicht weit weg wohne in Porthcurno und die Frau , die sich Pat nennt, freut sich und sagt, sie würde direkt gegenüber wohnen.

Als ich am Abend zuhause esse, kommen neue Gäste, ein Pärchen aus Paris; sie sind freundlich, er fragt mich aus, als wäre das ganz normal. Sie hat ein Lächeln ins Gesicht gemeißelt wie Sandra Bullock, man lächelt automatisch zurück auch wenn es glaube ich mehr freundliche Fassade ist- sie hat das Lächeln auch am nächsten Morgen direkt nach dem Aufstehen auf dem Weg ins Bad, so etwas irritiert mich immer etwas, auch wenn ich sofort animiert fühle, das Lächeln zu erwidern. Manche Menschen haben das einfach, sie lächeln einfach immer.

Meine Gastgeberin kommt sehr spät, als ich noch mit den Parisienne zusammensitze und ich erzähle von meinem Ausflug und den Begegnungen und der Galerie und den Frauen dort und plötzlich reißt sie die Augen auf und sagt, das seien Freunde von ihr und dass sie eine Einladung bekommen , es aber nicht geschafft hätte. Auch hier – what a small world it can be sometimes!

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