10. Mai The last Journey St.Buryan, Porthgwarra und die Seehunde

Heute ist Farmersmarket im Nachbardorf. Ich frage Sam, ob es sich lohnt. Eigentlich redet sie es mir beinahe aus und als ich sage, ich fahr da kurz vorbei, um nach Käse zu schauen, will sie plötzlich auch mit. Wir kommen in ein kleines Gemeindehaus, man begrüßt sich sehr freundlich schon am Eingang. Alle lächeln einen an, ein sehr angenehmer Empfang. Gleich neben dem Eingang befindet sich ein Stand mit englischen Delikatessen, natürlich auch Scotch Eggs, diversen Pies mit Fleisch und Fisch. Der Käsestand ist gleich daneben -kein Vergleich zu meinem Lieblingskäsestand in der Markthalle am Marheinekeplatz- aber der Herr mit pinkfarbenem Hut und kleiner Blume daran ist irgendwie witzig und verhält sich eigentlich überhaupt nicht wie ein Verkäufer. Nachdem ich alle Sorten – vielleicht 5 an der Zahl – probiert habe, entscheide ich mich für den einzigen Ziegenkäse. Tatsächlich schmeckt er mit Brot wirklich gut, wie sich später herausstellt.

In einem hinteren Raum ist ein Stand mit Wolle und einem wirklich kruden älteren Ehepaar. Ihm fehlen die mittleren Schneidezähne im Oberkiefer, als er mir die verschiedenen Strickvarianten der synthetischen Wollarten präsentiert und ich mir die schrillsten Färben an verdrehten Schals ansehen darf. Leider sind sie alle so gar nicht nach meinem Geschmack, so dass ich Ihnen nicht einmal aus Nächstenliebe ein Modell abkaufen möchte.
Dennoch frage ich, ob ich das herrlich bunte Bild verewigen darf und so ergibt sich natürlich gleich die Frage, woher ich komme und ob ich schon in St.Ives war. Und die Frau empfiehlt mir mit nur noch verbliebenen zwei Schneidezähnen im Unterkiefer in aller Freundlichkeit eine Route von einem Park and Ride Parkplatz aus, da man dort einen wunderbaren Bummelzug nehmen kann und eine wunderbare Aussicht auf die Küste haben soll. Und dann beginnt sie zu erzählen, dass sie aus St.Ives kommt, aber dort nichts mehr sei wie früher und sie wegziehen mussten, weil sie sich dort kein Haus mehr leisten konnten. Und sie beschwert sich über den zunehmenden Tourismus dort und klagt, dass es ursprünglich ein so wunderschönes kleines Fischerdorf gewesen sei und durch die Neubauten um die Tate Gallery herum und die ganzen Touristen alles völlig verdorben sei. Sie sei kürzlich mal dort gewesen und sie würde niemanden mehr kennen, obwohl sie dort ihr ganzes Leben verbracht hätte und da hätte ihr doch jemand gesagt, er sei von dort und sie erwiderte nur „. Ach tatsächlich?Wielange Leben Sie denn schon hier?“ und die andere Person:“ schon seit 10 Jahren..“ Ich kenne diese Art der Dialoge aus eigener Erfahrung in Berlin und sie hat mein Mitgefühl. Wir reden ein bisschen über Globalisierung und ich versuche ihr die Vorzüge aufzuzeigen. Als sie so spricht und ich sie beobachte beim Sprechen, nehme ich die unerwartete Würde wahr, mit der sie alles erzählt. Ich bin sehr berührt. Sam kommt noch zum Gespräch dazu und nach einer Weile verabschiede ich uns nicht ohne meinen aufrichtigen Dank für alle ihre Empfehlungen auszusprechen und gehe mit Sam wieder in den Hauptraum zurück. Dort sehe ich mir die Ringe an einem Schmuckstand an und die Silberschmiedin spricht mich an und erinnert mich so sehr an eine Bekannte, dass sie mir gleich sympathisch ist.
Überhaupt stelle ich mit zunehmendem Alter fest, dass ich häufiger auf Menschen treffe, die mich manches Mal an angenehme frühere Begegnungen oder Bekannte, Freunde ja sogar Verwandte erinnern und somit von vornherein gleich mein Herz öffnen – sicher ist das nicht immer ungefährlich, wenn ich dieses dann auch noch auf der Zunge trage . Doch glücklicherweise bin ich mit dieser dann unbegründeten Vertrauensseligkeit auch meistens gut gefahren.

Ich frage sie nach einer Art Kettenanhänger, in den man etwas einfüllen könnte- und denke an einen Teil von Zoras Asche. Wir kommen natürlich irgendwie doch auf dieses Thema und Chris, die Silberschmiedin erzählt von ihrer Tochter und dass sie ihr als deren Pferd gestorben ist, einen speziellen Ring angefertigt hat, einen Teil der Asche dort eingefüllt und die Öffnung mit einem Schmuckstein versiegelt hätte. Das klingt sehr interessant und da sie wirklich einige außergewöhnlichen Schmuckstücke dabei hat, schlage ich ihr vor, dass wir uns verabreden und ich mir ein paar Vorschläge von ihr machen lassen würde. Wer selbst mal schauen möchte: http://www.millstonesilverworks.co.uk

Wir verabschieden uns und der Markt ist vorbei und so helfen wir noch ein paar Leuten beim Abbauen und Einladen, weil Sam manche kennt und weil das hier einfach so funktioniert – wie eine Gemeinschaft eben, das macht es hier so attraktiv für mich, dieses Gefühl des Miteinanders kommt hier irgendwie stärker durch als in der Großstadt.

Wir halten noch in Treen, dem Nachbardorf, in dem nicht nur das Künstlerpaar aus St. Ives ( die Ausstellung der 4 Frauen in St.Ives) lebt, sondern wie sich gleich herausstellt, auch ein Komponist (Graham Fitkin) und eine Harfenistin (Ruth Wall). Wir gehen kurz ins Cafe zu Adele ein Brot kaufen und ich trinke dort kurz einen Kaffee und lausche dem Klatsch und Tratsch- es ist einfach wie überall nur alles in Englisch, aber ansonsten kein Unterschied. Sam holt vom einen Hof noch Milch, vom anderen die Möhren und nachdem wir Scott, der auch dort wohnt, beim Abladen des Kajaks geholfen haben, fahren wir zurück und waren ganz plötzlich 3 Stunden unterwegs, ohne es bemerkt zu haben. Das macht alles sehr viel Spaß with a local at my side.

Das Wetter schlägt Kapriolen wie im April: es wechselt zwischen Regen und Sonne und ist unglaublich stürmisch und kalt. Aber dieses wilde Wetter ist eben auch schön mit seiner Dynamik und Kraft und ich mag es sehr.

Irgendwann am Nachmittag schlägt Sam einen Spaziergang vor und ich gehe kurzentschlossen mit. Sie führt mich über Hügel und Felder auf Pfaden, die ich nicht kenne und entlang der Küste und das Licht ist so schön und die See so rau. Es ist einfach nur herrlich hier zu sein. Wir blicken über Porthcurno Beach, wo ich am ersten Tag war, lassen Porthcurno Chapel links unter uns liegen und wandern weiter durch unendlich viele Blue Bells up and down Richtung Pothgwarra. In dieser Bucht werden häufig Seehunde gesehen und Sam bleibt einen Moment stehen und beobachtet das Meer und dann die Bucht und plötzlich zeigt sie auf die Seals – die Seehunde unten im Meer in Strandnähe. Ich jauchze auf vor Freude, denn ich habe noch nie welche gesehen und wir gehen noch weiter runter und klettern bei absolut hohen Windstärken über Felsen und Steine und gelangen so nah heran, dass uns nicht nur der Wind sondern auch die Wellen beinahe umzuwerfen drohen. Und ich bin so glücklich über die Seehunde und wir machen Geräusche, weil sie dann neugierig werden, sagt Sam und dann strecken sie ihre Köpfe aus dem Wasser und ich mache Fotos und freu mich wie ein Kind das erste Mal über einen Weihnachtsbaum.

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Wir versuchen es trotz des Sturms fast eine halbe Stunde und es ist zwar etwas weniger Wind in der Bucht als oben auf dem Hügel, aber dennoch gehts weiter dem Wind und der bald untergehenden Sonne entgegen.
Es gibt so viele schöne Dinge neben den Blumen und dem Meer zu sehen, der Wind ist so stark, dass wir uns an einigen Stellen einfach mit dem Rücken zu ihm hinstellen und uns ihm entgegenlehnen. Wir sehen Höhlen mit in Felsen, Kraterförmige Öffnungen mitten auf einer Wiese, die wiederum ins Meer führen und hören das Meer und die Gischt, wie sie gegen die Felsen peitscht.

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Dazwischen taucht am Himmel weit draußen auf dem Meer im Wechsel zwischen Wolken und Sonne sich stets wiederholend die Ahnung eines Regenbogens auf und verschwindet im nächsten Moment wieder.
Alles zusammen genommen, der Weg, die verschiedenen Küstenabschnitte, die Wellen, die in jeder Bucht anders aussehen, der stürmische Wind – all das ist ein Naturerlebnis ohnegleichen.

Auf dem Rückweg gehen wir einen etwas anderen Küstenweg entlang und wir sehen Lands End in der Ferne, die hintere Landzunge auf dem Titelbild oben stellt den wirklich westlichsten Zipfel Cornwalls und somit Englands dar.
Und irgendwo da auf dem Weg durch den Sturm an der See entlang auf einer Klippe ist sie wieder da bei mir und ich muss gegen den Wind und den Lärm der brechenden Wellen kurz ganz bitterlich weinen und bin froh, dass Sam schon weiter weg ist und mich nicht hört.
Und dann geht es wieder weiter – wie jeden Tag.

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3 Kommentare zu „10. Mai The last Journey St.Buryan, Porthgwarra und die Seehunde“

  1. und ich danke Dir, daß Du diese Erfahrung mit mir teilst, mitteilst..
    Kannst Du bitte ein Buch daraus machen?
    Ich wünsche mir sehr, in diesen Geschichten lesen, blättern und schauen zu können – immer mal wieder…
    …Du weißt ja, jetzt über die Lebensmitte drüber ist Abschied ein starkes Thema für mich – ich halte es für DAS zentrale Thema des Älter-werdens und wende mich dem auch immer wieder bewußt zu…. Dein Buch wäre eine wunderbare Form und Hilfe.

    Big hug
    Birgit

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