11.Mai The Last Journey The Lizard – Cadgwith

Heute geht es zu den Eltern von Sam nach Cadgwith auf der im Südwesten liegenden Halbinsel The Lizard – der Name stammt aus dem Kornischen (Cornish english in Cornwall) „Lys Ardh“ und bedeutet so viel wie Hohes Gericht. Das Interessante an dieser Halbinsel ist, dass sie überwiegend aus Serpentingestein besteht, welches offenbar eine Art Granitgestein ist und vor allem in Architektur und auch bei der Fertigung von Skulpturen und Gefäßen Anwendung findet.
The Lizard liegt ungefähr eine Autostunde entfernt und wir nehmen das Auto von Sams Nachbarn, der offenbar verreist ist. Eigentlich bin ich eine eher miserable Beifahrerin, aber ich bin so neugierig, einmal in einem britischen Wagen mitzufahren, dass ich einfach einsteige. Das Witzige ist, dass es ein VW Golf ist und eben in britischer Ausführung mit dem Lenkrad auf der rechten statt wie bei uns auf der linken Seite. Ich war wirklich neugierig,ob die Schaltung und die Pedalführung wohl auch seitenverkehrt sein würde, aber es ist wirklich nur das Lenkrad, das irgendwie vertauscht wirkt, wenn man daneben sitzt. Es ist auch nur am Anfang ein komisches Gefühl, nach einigen Kilometern fühlt es sich beinahe gewohnt an.
Wie bei jeder bisherigen Fahrt hält Sam auch dieses Mal wieder auf der Strecke an, um irgendwo Bioprodukte mitten an der Landstraße zu kaufen. Wenn sie auch sonst eher unglaublich chaotisch ist, ist sie dennoch sehr bemüht,alles ‚organic‘ zu besorgen, auch wenn der Kühlschrank und das Haus an sich schon ein ‚real organic‘ Eigenleben haben, aber das fällt offenbar nur mir auf.
Wir erreichen den Ort Cadgwith bzw. die Zufahrt zum Haus der Eltern eher unerwartet, fahren plötzlich auf einem schier endlosen Grünstreifen entlang, als Sam plötzlich mitten im Nirgendwo meint ’so here is my parents‘ place‘ . Ich seh mich um und außer wildem Grün kann ich nichts entdecken. Noch bevor wir um eine Biegung fahren, rumpelt der Wagen plötzlich unter uns und Sam ist aufgeregt und sagt, die Bremse funktioniert nicht mehr. Wir stehen aber bereits. Und sie versucht und tritt und sagt, sie fährt keinen Meter weiter mit dem Auto, wenn die Bremse defekt ist – absolut verständlich. Ich kann leider nicht aussteigen, da wir neben einer Hecke stehen und zwar so nah, dass sich meine Tür nicht öffnen lässt. Und so rutsche ich rüber und frage, ob ich es nochmal versuchen darf und einmal starten und vorwärts fahren zeigt mir, die Bremse funktioniert doch einwandfrei. Sie hatte einfach den Wagen abgewürgt und dann funktioniert der Bremskraftverstärker nicht mehr. Aber das musste ihr Freund Scott später nochmal versuchen, sonst hätte sie es nicht glauben können.

Es ist nicht so, dass Sam eine typische Frau wäre, die Männer alles checken lässt. Sie ist eher der sportliche Typ Frau, der sich so gar nicht ums Äußere kümmernd stets wenn nicht barfuß in jedem Fall mit zwei verschiedenen Socken rumläuft, sie könnte auch ein bißchen die Schwester von Pippi Langstrumpf sein. Aber worum ich sie wirklich auf eine Art beneide, ist ihre extreme Gelassenheit, dass sie sich um keinerlei Haushaltsdinge oder unnötige Verpflichtungen gesellschaftlicher Natur zu kümmern scheint, sondern nur um das, was ihr gerade wichtig erscheint oder was sie erledigen will.

Wie dem auch sei, ich fahre den Wagen vor nun wirklich bis zum Haus der Eltern und da steht eine Frau mit einem Gesicht ein bißchen vom Typ Jeanne Moreau allerdings mit unglaublich tiefen Furchen und scheinbar schlecht gelaunt, denn ich kann nicht einmal eine Spur von einem Lächeln entdecken, als sie mich sieht. Eine kleine Staffordshire-Hündin kommt mir entgegen und begrüßt mich aufs Freundlichste und läuft dann an uns vorbei den Weg hinunter und Jeanne Moreau ruft Sam über den Zaun hinweg zu, wo denn Pearl (offensichtlich der Hund) wäre und Sam läuft den ganzen Weg zurück,bis sie ihn wiedergefunden hat. In der Zwischenzeit und da Jeanne Moreau, obwohl sie inzwischen auch zu uns rüber gekommen ist, keinerlei britische Anstalten einer Vorstellungszeremonie unternimmt, gehe ich ihr freundlich lächelnd in der Absicht, den Bann zu brechen, mit ausgestreckter Hand entgegen und sage ihr meinen Namen und das mir bekannte obligatorische ‚Nice to meet you‘ und sie erwidert mit verrauchter eher genervter Stimme, dass Sam doch eigentlich einen Freund mitbringen wollte und zwar Scott. Trotz der nahenden 49 steige ich immer noch auf die Eltern-Kind-Nummer ein und erkläre sogleich entschuldigend, dass er zusammen mit dem Enkelsohn nachkäme , und dann gibt sie mir doch die Hand und ich erfahre, dass sie Margret heisst.
Das fängt ja schon mal gut an, aber irgendwoher muss ja diese unendliche Gelassenheit herrühren. Also gehen alle in den Vorgarten und dann ins Haus. Plötzlich tritt ein älterer Herr mit gebrochenem Deutsch ein und sagt: ‚Guten Tag, ich bin Charlie, ein bißchen dumm und ein bißchen taub‘ und strahlt mich freundlich an, während er mir die Hand reicht. Ein sehr sympathischer alter Mann steht da, der wesentlich jünger aussieht als sein Pendant. Er verwickelt mich indes sofort ins Gespräch und wir gehen in den Garten und er beginnt zu erzählen, wie er als Ingenieur der AirForce in Fallingbostel stationiert war und dort mit seiner Frau 2 Jahre 1964 lebte. Und da falle ich gleich ein und lache, weil ich in Erdkunde in der 10.Klasse ein Planspiel machen musste, bei dem wir Argumente aufbringen mussten, warum Fallingbostel ein Schwimmbad braucht. Und er pflichtet mir lachend bei, denn tatsächlich brauchte Fallingbostel ein Schwimmbad damals, da es nur eine Grube hatte, in die Wasser aus dem benachbarten Fluss eingeleitet wurde und das war alles eher wie ein Tümpel. Und so machte er sich eines Tages mit ein paar anderen an die Arbeit und trommelte die Leute zusammen, dass sie ein echtes Schwimmbad bauen sollten. Und tatsächlich kriegten sie genug zusammen und bauten einen riesigen Pool, der bis vor 2 Jahren dort auch noch stand und inzwischen durch ein riesiges Spaßbad ersetzt wurde. Inzwischen kommt Scott mit dem Enkelsohn von Charlie und Margret an. Die 3 Schwestern und 2 Brüder, also die Kinder von Charlie und Margret haben bis auf die eine Tochter alle keine Kinder. Obwohl sie alle eine tolle Kindheit hatten, wollte offenbar niemand von ihnen eine Familie gründen. Und die eine Schwester ist offenbar sehr jung von einem Portugiesen schwanger geworden und bekam eben Claudio, den einzigen Enkelsohn. Da taut selbst Margret etwas auf und kommt mit einer Zigarette in den Garten und lächelt ihren Enkel an. Und irgendwann, während Charlie so erzählt, kommt sie rüber und bremst ihn etwas, was sicher freundlich gemeint ist und doch für mich unnötig, weil ich seine Art, die Geschichten zu erzählen, so angenehm finde. Er sprüht trotz seines Alters so vor Lebensfreude und an irgendeiner Stelle frage ich mich, was er wohl für ein Sternzeichen sein könnte und tippe so gefühlt auf Zwilling. Er plappert nämlich offensichtlich genauso gern wie ich. Und Sam meinte außerdem gleich zu Beginn, dass ihr Vater gern Gesellschaft hat.
Wir gehen schon bald auf unsere erste kleine Runde zu dem Grünstreifen, auf dem wir herkamen. Und er beginnt noch im Garten, mir Schnittlauch zu zeigen, dass ich nicht erkannt hätte, weil er mir die Blume daran zeigte. Dann ging es weiter mit einer Pflanze namens ‚Campion‘, der Licht- oder auch Feuernelke genannt, die es in rosa und weiss gibt und am Meer die sogenannte Sea Campion, die aufgrund der Wetterverhältnisse am Meer ihre Stengel entsprechend verkürzt hätte, wie er mir erklärt.

Charlie führte mich noch in den Garten hinter dem Haus, als Margret ihm gleich zurief, wir sollten nicht zu lange bleiben, ‚dinner will be ready in a minute‘ . Er führte mich über einen kleine Stile in einen viel größeren Garten als den Vorgarten, ehrlich gesagt, konnte ich überhaupt nicht einschätzen, wo er beginnt und wo er endet. Ich hatte ihn schon auf dem Grünstreifen vor dem Haus gefragt, ob das zu seinem Garten gehört und er sagte, das sei nur der Anfang, sie hätten 1 Hektar. Und auch das, was ich oberhalb des Weges sehen würde, gehört dazu. Da waren überall Bäume und Sträucher und alles sah herrlich wild und überhaupt nicht nach gepflegter britischer Gartenkultur aus.

Wir passieren Salatbeete, noch etwas mickrige Rhabarberbeete,diverse Apfelbäume, Walnuss-und Kastanienbäume u Eichen und Birken-alle Bäume haben sie selbst vor 20 Jahren gepflanzt . Und dann ertönt die Glocke, mit der uns Margret zu Tisch ruft.

Nach dem wirklich überraschend leckeren britischen Essen mit Yorkshire Pudding, diesen kleinen runden Blätterteigförmchen, die aussehen, als würde ihnen die Füllung fehlen, gibts noch einen Tee und Margret schaltet den Fernseher ein , weil sie das Autorennen sehen will. Ich bin angenehm überrascht , denn sie ist die erste Frau in dem Alter, die ich treffe, die auf Car-Racing steht, das macht sie schon wieder etwas sympathischer und sie scheint sich auch ein wenig daran gewöhnt zu haben , dass ich da bin.
Denn bevor wir alle zusammen losgehen , sehe ich mir noch ein Bild der Familie aus der Zeit an, als Sam und ihre Schwestern und Brüder noch Kinder waren, als Margret die Treppe herunterkommt und mir unvermittelt ihr Beileid ausspricht über den Verlust von Zora und ich verliere beinahe die Fassung und fange mich dann jedoch rasch wieder u bedanke mich für ihre Anteilnahme. Und sie fragt mich nach Zoras Rasse und ich zeige ihr ein Foto und als sie erklärt, dass es jedesmal furchtbar ist,wenn man sie gehen lassen muss, erkläre ich ihr, dass es mein erstes Mal war und dass ich Zora kannte, seit sie 5 Tage war bis zu ihrem Ende und sie schaut mich kurz betroffen an.

Wir gehen dann alle zusammen mit dem Hund spazieren und runter ins Dorf und Charlie erzählt und wir halten hier und dort und er weiß so viel über die Geschichte des Ortes, das es überaus spannend ist, ihm zuzuhören. Er erzählt von den Lotsenbooten, die die großen Schiffe sicher in den Hafen geleiten-ich erinnere das gut aus Hamburg-und er fährt fort, dass die Lotsen sehr viel früher im 19. Jh um diesen Job sehr stark konkurrieren mussten. Es verhielt sich folgendermaßen: oben auf der Klippe befindet sich eine Hütte. Von dort hielt eine Art Späher mit einem Fernrohr Ausschau nach sich nähernden Schiffen und sobald er eins sah, rief er hinunter zum Hafen und die Lotsen brachten in aller Eile ihre Boote zu Wasser, denn wer das eintreffende Schiff zuerst erreichte, bekam den Job und verdiente so manches Mal vielleicht das Geld für die nächsten Tage, um die Familie zu ernähren. Und Charlie’s Augen strahlen und er lächelt so schön bei jeder einzelnen Geschichte und bei allen Pflanzen, die er mir zeigt und es macht solch einen Spaß, einfach weil es ihm auch so eine Freude bereitet, dass ich mich für ihn und für mich freue, dass ich an dieser sehr persönlichen Führung teilhaben darf.
Unser Pfad führt uns weiter bergauf zu ‚The Devil’s Frying Pan‘ und oberhalb der Küste entlang, wo sich uns ein abermals wunderschönes Panorama eröffnet. Und Charlie zeigt auf die alte Satellitenstation der British Telecom, die 1962 als eine der größten der Welt dort installiert wurde. Und weiter vor uns sieht man auf der nächsten Klippe eine Art Wärterhäuschen, dass in 1990 er Jahren wieder in Betrieb genommen wurde von Freiwilligen – auch Margret hat dort schon ihre 4 Stunden-Schicht auf Beobachtungsposten geschoben. Die Bevölkerung hatte diese Initiative zur Reaktivierung der Lifeboats Services ins Leben gerufen, nachdem zwei Fischerboote gekentert und ihre Mannschaft ertrunken waren. Die Regierung hatte diese Lifeboats schon vor Jahren eingespart, da alle Boote inzwischen mit Funk ausgestattet waren. Aber manche von den kleinen Booten eben nicht und so kam es zu dem Unglück.
Wir kehrten landeinwärts ein und kamen an eine mittelalterliche Kirche, zu der kein richtiger Weg führte. Sie stand quasi mitten auf der Wiese und niemand hat je herausgefunden, warum das so ist. Und er erzählte mir von der Erdstrahlung und dass ein Freund von Sam das mit einer Wünschelroute abgelaufen wäre und herausgefunden habe, dass diese Kirche und eine kleine Kapelle und auch Charlie’s und Margret’s Grundstück auf dieser Linie gebaut wäre und auch dafür gäbe es bis heute keine wirkliche Erklärung.

Ich werde jetzt nicht alle Pflanzen wiedergeben können, aber nur so viel dazu. ich habe etwa 20 englische Pflanzennamen bzw. auch Unkrautarten kennengelernt und auf so eine charmante und nette Art und Weise, dass ich sie mir alle von Charlie habe aufschreiben lassen und sie mir auch gleich übersetzt habe. Ich fand das einfach so schön, wieviel Zeit sich Charlie genommen und wieviel Mühe er sich gemacht hat und immer noch ein kleines Blumenbuch bei sich hatte und auch noch Margret nach der einen oder anderen fragte, dass ich mich ihm gegenüber einfach gern verpflichtet fühle, mir die Namen einzuprägen.

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Inzwischen begann ich nun zu frieren, ich hatte mich ja schon am Tag zuvor am Meer etwas verkühlt und so drängte ich auf unsere Rückkehr.

Die anderen sind auch grad zurück, als wir ankommen und wir trinken noch einen Tee und Margret macht ein Feuer , während die Familie eine TV Show ansieht, was irgendwie zu dem ganzen Procedere vorher gar nicht richtig passen will. Wieder streichle ich den Hund und spreche lieb mit ihr und lobe sie und frage Margret, wie es denn mit den Spaziergängen mit Pearl so geht, seit sie ihr Bein verloren hat. Bei Pearl wurde vor zwei Monaten Knochenkrebs festgestellt und so mussten sie das linke Hinterbein komplett amputieren.

Eine Weile später brechen Sam und ich auf und als wir uns verabschieden und ich mich zum dritten Mal bei Charlie für seine Mühe und die schöne Führung bedanke, will ich Margret die Hand geben und sie zieht mich etwas näher und gibt mir einen Kuss auf die Wange und wünscht mir einen schönen Aufenthalt und wir fahren davon.

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