12. Mai The Last Journey The Silversmith and Newlyn Art Gallery

Heute ist der Termin bei Chris, der Silberschmiedin ( Silversmith). Wir sind zwischen 11h und 12h verabredet und ich trödel ein wenig herum, unterhalte mich freundlich mit den Gästen aus Neuseeland, die erst vor 6 Monaten mit Mitte 50 von Auckland nach Wakefield gezogen sind, um Farmer zu werden. Ich glaube, er war so etwas wie ein Konstrukteur am Bau oder Statiker und sie ist eine pensionierte Lehrerin. Sie sind beide sehr freundlich und sie strahlt die ganze Zeit, ich bin inzwischen ein bisschen vorsichtig mit den Leuten hier, die immer strahlen.
La Parisienne Aurelie hat auch immer gestrahlt wie Sandra Bullock und dann haben sie außer meinen Scones, die ich ihnen freundlichst vermacht habe, auch meinen Ziegenfrischkäse noch aus Berlin und meinen sündhaft teuren Goats-Cheese vom Farmers Market verputzt. Wie das in einer temporären Wohngemeinschaft so passieren kann. Die Neuseeländer haben nur meine Dinkelflocken genommen und die Butter, sie wussten ja nicht, was zum Haus gehört und die Dinkelflocken vom Alnatura sind deutsch beschriftet und waren auch separat in einem Schrank – was soll ich sagen? Andere Länder, andere Sitten!
Dennoch finde ich es mutig, dass sie ihr gesamtes soziales Umfeld verlassen haben, um eine Farm mit Kühen zu führen. Sie sagen, es ist befriedigender und das glaube ich ihnen zweifellos.
Natürlich bin ich wieder spät dran und muss mich beeilen, denn ich weiß noch nicht einmal genau, wo Chris wohnt. Sam hat mir den Weg so ungefähr beschrieben.

Da das Licht grad so schön ist und da ich nur eine 3/4 Meile vor Lands End abbiegen muss, nutze ich die Gelegenheit, noch ein paar Fotos zu machen.

Ich erreiche Chris‘ Haus gegen kurz vor zwölf und ein freundlicher Herr kommt aus dem Haus und weist mir den Weg in eine Art ehemaligen Schuppen. Chris bietet mir einen Tee an und wir reden erstmal über dies und jenes und sie erzählt mir davon, wie sie hier nach Cornwall gezogen sind und dass sie früher in South oder North London gelebt haben und selbständig waren und irgendwann alles verkauft und sich hier niedergelassen haben. Mir fällt auf, dass ich eigentlich überhaupt nur Menschen treffe, die von irgendwo anders kommen und die sind alle sehr freundlich. Sie haben zwei Töchter und eine Enkeltochter. Die ältere Tochter ist mit einem Farmer aus der Gegend verheiratet, dessen Familie seit Generationen hier als Farmer lebt. Die jüngere Tochter lebt mit ihrem Partner auf dem Grundstück. Sie vermieten die alten Schweineställe, die sie zu wirklich wunderschönen Cottages umgebaut haben, wie ich finde.
Ich erzähle von Berlin und von meinem Job und dass alle gekündigt haben, weil sie sich mit der Chefin nicht wohlfühlen und von Airbnb und von der Situation mit den Immobilien in Deutschland, speziell in Berlin. Und es ist wirklich egal, mit wem ich bisher darüber spreche, ob es Mitfahrer waren oder andere, jeder bestätigt die gleiche Entwicklung aus den großen Städten Europas. Auch eine große Auswirkung der Globalisierung nach meiner Auffassung.
Plötzlich schauen wir auf die Uhr und es sind schon 3 Stunden vergangen und wir haben noch nicht einmal überlegt, was für ein Ring es werden könnte, sie zeigt mir den Ring, den sie für ihre Tochter gemacht hat. Er ist bezaubernd schön, aber wäre für mich einfach nicht erschwinglich , weil so viel Gold darin verarbeitet ist.
Nach einer weiteren halben Stunde einigen wir uns auf ein sehr schönes Modell und besprechen noch einige Details. Sie fragt mich auch nach der Größe der Asche, ob es feiner Staub ist oder eher grob. Überrascht sage ich, dass ich keine Ahnung hätte, ich fahre ja nur mit der roten Kiste spazieren bzw. hierher, geöffnet hätte ich sie noch nicht. Doch natürlich leuchtet mir ein, dass in so einen Ring keine großen Krümel eingearbeitet werden können. Womöglich muss die Asche noch mit einem Mörser bearbeitet werden, mir wird ganz anders, als wir darüber reden. Sie ist sehr einfühlsam und bietet mir an, dass wir das alles zusammen machen könnten oder dass ich ihr die Asche einfach bringe und sie das dann tun würde. Zora hierherbringen und hier lassen? Der Gedanke scheint mir unvorstellbar. Wir entscheiden, dass ich am Donnerstag mit der Asche wiederkomme und wir dann sehen, wie es sein wird. Ich befürchte, ich könnte dann weinen und sie beruhigt mich und sagt, dass sie dann einfach auch weinen muss, das wäre alles ok.
Chris Wells Silversmith

Wir verabschieden uns sehr freundlich und ich fahre los in Richtung Penzance, denn gleich daneben liegt Newlyn und eine Galerie, die ich mir ansehen möchte.
Ich fahr ohne Navi und finde die Gegend so schön und verfahre mich offenbar doch etwas und lande dann kurz nach 16h erstmal bei einem Lidl. Sam hat mir versichert, dass man hier keine Plastikflaschen zurückgeben kann – ich hatte für die Fahrt einen Sixpack Wasserflaschen dabei und fahre diese seitdem spazieren. Der Lidl sieht aus wie in Deutschland, die Teesorten sind andere und die Kekse auch, ansonsten gibt es auch gleich am Eingang Croissants und andere Brötchen, nur dass diese offen herumliegen. Am Ende meines Einkaufs stelle ich fest, dass es tatsächlich keine Möglichkeit der Rückgabe gibt und dass ich die Flaschen wohl einfach in einem entsprechenden Recycling-Container entsorgen muss.

Ich fahre wieder nach Newlyn rein und finde einen Parkplatz vor einem Haus mit Hinweis auf eine Parkdauer von 20 Minuten und darunter steht
‚ no return within an hour‘ und ich verstehe nicht wirklich, was das bedeutet und lege einfach die Parkscheibe ins Fenster und hoffe das beste.
Die Galerie ist nur wenige Meter entfernt und ich habe Glück, denn sie schließen zwar um 17h aber ich darf noch hinein, nur das Cafe hätte schon geschlossen.
Es ist eine Ausstellung von jungen Künstlern – überwiegend Kunststudenten oder gerade fertigen Absolventen-, die entweder aus Cornwall kommen und ihr Gefühl und ihre Erfahrungen in Cornwall künstlerisch darzustellen versuchen.
Gleich im Erdgeschoss finde ich einige beeindruckende Arbeiten und bleibe fasziniert vor einer Videoinstallation stehen, deren Künstlerin Ellie Swingler heisst und sich von Daphne du Mauriers historischem Roman “ Frenchmans Creek“(1941) inspirieren ließ.
Dieser handelt von dem überraschenden Besuch von Dona, Lady St.Columb, mit ihren Töchtern auf dem Landsitz ihres Mannes in Cornwall. Sie findet heraus, dass dort ein französischer Pirat sein Unwesen treibt und mischt sich als Mann verkleidet unter die Piraten und findet heraus, dass dieser Pirat kein verzweifelter Räuber sondern stattdessen ein sehr gebildeter und kultivierter Mann ist- ganz im Gegensatz zu ihrem Ehemann – und verliebt sich in ihn. Das habe ich alles erst später nachgelesen, als ich Scott und Sam von der Ausstellung erzählte und Scott meinte, dass unglaublich sei, wie die Deutschen auf Daphne du Mauriers Romane fliegen und dass sie die englische Ausgabe unserer Rosamunde Pilcher ist, was allem Anschein nach nicht ganz so abwegig scheint.
Auf die Installation zurückkommend: die junge Künstlerin hat diverse Dias auf unterschiedliche Gegenstände projiziert und dazu aus dem Off passende Sätze aus dem Roman mit geheimnisvoll wispernder Stimme gesprochen.

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Auch in der oberen Etage finden sich einige interessante Arbeiten, doch am meisten beeindruckt mich das geschlossene Café, deren Rollos leider schon unten sind, aber das dennoch eine sehr schöne Sicht aufs Meer bietet.

Vor dem Café liegt ein Block und ein paar Filzstifte stehen in einem Glas bereit. Ich bin neugierig. Da steht ein offenes Buch und man sieht ein Foto von Elton John in jungen Jahren und daneben ist ein Brief abgedruckt. Ich begreife es zunächst nicht, doch dann sehe ich den Hinweis, einen Brief an sein 16jähriges ICH zu schreiben und den Umschlag zu tun und wenn man möchte, diesen offen zu lassen, damit auch andere ihn lesen könnten.
Das spricht mich sehr an und ich lese zunächst den Brief von Sir Elton John an sich selbst und dann die con anderen Besuchern und ich schaue auf die Uhr und habe noch 5 Minuten. Nach kurzem Zögern schnapp ich mir ein Blatt Papier und einen orangenen Filzstift und schreibe mir einen kurzen Brief. Und ich schreibe das, von dem ich gebraucht hätte damals, das es mir jemand sagt und ich freue mich, während ich mir in die Vergangenheit hinein diesen Gefallen tun kann und lese noch einmal nach und dann falte ich den Brief und lege ihn in den offenen Umschlag und tue es den anderen gleich und beschrifte diesen mit : Dear Patricia….

Newlyn Art Gallery

Beschwingt von der schönen Ausstellung und dem Gebäude verlasse ich die Galerie und spaziere noch ein bisschen herum, mache einige Fotos, esse ein original Cornish Ice und entdecke einen freistehenden Laden. Und der ist etwas heruntergekommen, total verglast, daneben verläuft ein kleiner Bach und es erinnert mich etwas an Hamburg an den Pölchaukamp, wo es auch wunderbares Eis gibt und ich glaube ein kleines Stück eines Seitenarms der Binnenalster verläuft. Und ich schaue durchs Fenster, sehe die ziemlich mitgenommene Küchenzeile und fange an zu träumen, was ich daraus machen könnte. Vielleicht ein kleines Cafe mit Galerie.Ich könnte Scones und Suppen anbieten. Könnte man den Raum vielleicht unterteilen und ich wohne einfach darin und werde Künstlerin und stelle meine Fotos aus? Und ich lese nochmal das Schild, auf dem steht „for sale“ und denke, schade, dass ich es nicht kaufen kann.

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