16. Mai The Last Journey St. Just The CookBookShop and the Minack

Gegen 7h am Morgen wache ich auf, Gedanken um Zora quälen mich etwas und lassen mich nicht wieder einschlafen. Um 8h gebe ich auf , ziehe die Vorhänge zurück und lasse die Sonne herein. Was für ein Wetter!
Ich rufe meine Emails ab und kriege wie jeden Morgen eine SMS von der besten Freundin von allen, über die ich mich sehr freue und beschließe aufzustehen und zu frühstücken.
Sam und Tiffany sind schon unten und begrüßen mich und Sam muss gleich los zur Arbeit. Als sie weg ist, erzählt Tiffany von dem unglaublich großen und roten Mond, den sie im Minack über dem Meer gesehen haben und sie holt ihre Kamera, um mir die Bilder zu zeigen. Das letzte Mal, als ich einen so großen roten Mond gesehen habe, war ich auf der Autobahn auf dem Rückweg aus dem Saarland letztes Jahr um diese Zeit. Das war beeindruckend. Tiffany erzählt, dass sie das Foto auf Facebook gepostet hätte und dass man ihn angeblich in Berlin auch sehen konnte.
Dann steht plötzlich ein zurückhaltender junger Mann in der Küche, er heisst David, hat gepflegtes, dunkles weit über die Schultern hinausgewachsenen Haaren und reicht mir die Hand. Er ist sehr gross und wirkt etwas linkisch und ist irgendwie seltsam aber sehr liebenswürdig.

Ich mache mein Frühstück und höre den beiden zu. David kommt aus Gillingham in Kent, wie ich erfahre und das ist etwa 50 km östlich von London entfernt. Er scheint sehr interessiert daran zu sein, einen amerikanischen Akzent zu haben, auf jeden Fall fragt er Tiffany danach und sie bestätigt ihm, dass er doch einige Worte ein wenig amerikanisch aussprechen würde. In meinen Ohren klingt er sehr britisch und sehr aus der Umgebung von London, weil er diese etwas abgehackte Aussprache hat, wie ich sie von dort aus der Umgebung zu kennen meine.
Nach einer Weile geht es um seine Pläne für den Tag und ich höre etwas von der Zinn-Mine, die er gern sehen möchte und da er kein Auto hat, schlage ich vor, dass ich ihn mitnehmen könnte auf meinem Weg nach St.Just. Chris, the silversmith hatte mir am Vorabend vorgeschlagen, doch mal etwas kürzer zu treten und empfahl mir den CookBookShop in St. Just zur Entspannung.

So fuhren wir gegen 11h gemeinsam los und plauderten ein bisschen und er erzählte, dass er gerade in der vergangenen Woche sein erstes Staatsexamen in Jura gemacht hätte, doch eigentlich lieber Krankenpfleger werden würde.
Als wir ankommen und auf dem großen Dorfparkplatz das Auto abstellen, entdeckt er zunächst eine alte Kirche. Schon beim Eintreten bin ich überwältigt und habe den Eindruck, in eine andere Zeit eingetaucht zu sein. Mächtige Mauern aus vielen kleinen runden Steinen gebaut, die in der typischen gotischen Bauweise der Zeit um 1200 üblich war. An den Wänden Überreste von zwei alten Wandmalereien mit Drachen und einem Ritter. In einer Ecke hängt an der Wand ein großes rot-weisses Tuch herab und ich habe noch bevor ich die Wandmalereien entdecke das Gefühl, als würde gleich irgendwo ein echter Ritter auftauchen.
Im Hintergrund spielt ein Organist vielleicht nicht die ausgewähltesten Stücke und im Mittelschiff arrangiert eine Frau sehr engagiert die Blumen für den Altar. Es freut mich, dass ich dies einmal beobachten kann, obwohl es dem ganzen auch ein wenig die Mystik, den Zauber nimmt.
David versucht noch ein wenig das ursprüngliche Datum des Kirchenbaus zu ergründen, dass um 1250 zu liegen scheint und nachdem wir noch eine Runde in dieser wirklich alten Kirche machen, gehen wir wieder nach draußen und suchen den CookBookSchop auf.
Dort gibt es sehr alte und jüngere gebrauchte Bücher, die man bei Kaffee oder Tee oder einer Kleinigkeit zu Essen in Ruhe studieren kann oder man stöbert sich einfach durch die Unmengen von Büchern in der oberen Etage so wie wir es tun. Trotz des fabelhaften Wetter draußen schaffe ich es kaum, mich von all den interessanten Werken loszueisen und vertiefe mich in den Briefwechsel von Jane Austen mit ihrer Tante Cassandra, anhand dessen wie ich lesen kann seit Jahrzehnten Biographen versuchen, Jane Austens alltägliches Leben nachzuempfinden. Im Grunde sieht es so aus, dass diese Art des Briefwechsels, der sich über einen Zeitraum von fast 30 Jahren erstreckt, auch eine wichtige Form der Nachrichtenübermittlung beinhaltete, da es durchaus üblich war, dass nicht nur der Adressat selbst sondern auch die restlichen Familienmitglieder oder teils auch Gäste die Briefe selbst zum lesen oder diese Laut vorgelesen wurden. Das mag vielleicht auch der Grund sein, weshalb Jane Austen vor ihrem Tod große Teile des Briefwechsels verbrannt hat, bevor sie die Überreste ihrer Nichte übergab.
Ich muss mich zwingen, mit dem Lesen noch weiterer Bücher z.B. von Oscar Wilde, dessen Ausdrucksweise im Original wirklich bezwingend ist, aufzuhören und doch wenigstens einen Kaffee in der Sonne zu trinken. Und so gehen David, der sich ebenfalls kaum losreißen kann, und ich nach unten ins Café und bestellen uns ein Stück Kuchen zum Kaffee dazu und setzen uns in den Hof, denn dort ist am meisten Sonne.
Als wir den CookBookShop verlassen und eigentlich loswollen,entdecken wir direkt nebenan eine Art Galerie mit schönen großen Fenstern, die uns beide neugierig macht. Als wir eintreten, habe ich ein Gefühl von Weite und Durchatmen einer Frühlingsbrise gleich und finde es fabelhaft dort.
Es gibt Vitrinen mit Silberschmuck, Filztaschen, Bilder an den Wänden und vier freundliche Damen um die Fünfzig begrüßen uns. Wir sehen uns alles an und als ich frage, ob ich einige Fotos machen dürfte, heißt es erst ja und dann aber bestimmte Dinge doch nicht, weil sie fürchten, ich würde was kopieren wollen und ich erkläre ihnen, dass ich einen Blog schreiben würde und so reichen sie mir gleich eine Visitenkarte. Es ist eine Kooperative von 16 Künstlerinnen aus der Gegend um Penzance und St. Just, die dieses Atelier mit Geschäft zusammen eröffnet haben. Zwei der Frauen ziehen los, um ihre Hunde auszuführen und David kommt mit der dritten Dame an der Kasse ins Gespräch über Masken aus Venedig, wie ich am Rande mitbekomme, während ich mich mit der filzenden Künstlerin über das Leben hier unten unterhalte. Sie sei mit ihrem Mann erst letzten Juli nach Penzance gezogen und sie hätten hier so viele Freunde jetzt und die Leute seien so nett und hilfsbereit. Das erlebe ich auch selbst, dennoch bin ich etwas argwöhnisch, ob es sich dann wirklich um Freunde oder eher gute Bekannte handelt.
Inzwischen ist es schon nach 15h und eigentlich ist es zu kurz für einen Besuch in des Minenmuseums und das Wetter ist zu schön. Und David ist einverstanden, dass wir nachdem wir noch einen Rundgang durchs Dorf machen und das Amphitheater durchqueren und es für einen kleinen Park halten und in der Touristeninformation neben dem Parkplatz noch ein paar Flyer mitnehmen bevor wie wieder losfahren.

Im Haus angekommen, spielt mir David wie versprochen ein paar Titel der Sängerin Nerina Pallot, die am Abend im Minack theatre auftreten wird und für deren Konzert er bereits eine Karte hätte. Obwohl ich die Musik zunächst als etwas durchschnittlich empfinde, ist da doch das eine oder andere Stück dabei, das mir gut gefällt wie etwa Idaho . Und am Abend und obwohl ich total erschöpft bin und mich wieder einmal zerrissen fühle und denke, ich sollte besser zu Bett gehen oder mich ausruhen, fahre ich David kurzerhand hinterher und treffe ihn unterwegs und nehm ihn mit bis oben zum Minack, dass eigentlich fussläufig sehr gut erreichbar ist, doch da ich schon so spät dran bin…..
Es gibt noch Tickets und er trifft dort eine Bekannte vom Vorabend, die schon einen Platz für ihnen freigehalten hat und mit einigen anderen dort verabredet ist.
Ein unglaublicher Ausblick eröffnet sich mir mit diesem in die Felsen gebauten Amphitheater und dem Blick aufs Meer. es geht allerdings so steil nach unten, dass mir ziemlich mulmig wird beim Abstieg, denn die Plätze werden hier im Aufrückverfahren zugewiesen

Es ist nicht wirklich genug Platz für uns alle, also entschließe ich mich, weiter oben am Rand zu sitzen, so dass ich freie Sicht aufs Meer habe und auf die Bühne. Es geht ziemlich steil nach unten und das bereitet mir ein wenig Schwindelgefühle und so fühle ich mich an meinem Panoramaplatz ganz wunderbar. Ich habe alle warmen Jacken mit und Kissen, weil man dort auf grasbewachsenen Treppen sitzt und der Wind am Abend am Meer einfach sehr kalt werden kann.
Und dann geht es auch schon los und Nerina Pallot kommt im dunkelroten Samtrock und grauen Highheels auf die Bühne, das Meer im Rücken. Sie macht einen äußerst bodenständigen Eindruck und spricht, als wären wir alte Bekannte und dann spielt und singt sie los und es ist ein solcher Genuss , denn sie spielt nicht nur sehr gut Gitarre und Keyboard sondern hat darüberhinaus eine wirklich hervorragende Stimme und ich bin so froh, dass ich doch ins Minack gegangen bin.
Nach ein paar Songs entdecke ich auf den Klippen unterhalb der Bühne einen Mann in Bermudas und barfuß, wie er sich dort hinsetzt und lauscht. Da ruft auch schon bald eine Besucherin : Nerina, da sitzt ein Fan auf den Klippen, der offensichtlich keine Lust hat zu zahlen. Und sie ruft dem Mann zu, er solle hochkommen und auch seine 17,50£ bezahlen wie wir alle. Und dann geht Nerina selbst nachsehen und winkt ihm ebenfalls zu und lädt ihn ein, nach oben zu kommen. Nach einigem Hin und Her klettert er nach oben und wird von einem der Angestellten vom Minack hereingelassen. Sie begrüßt ihn freundlich und stellt uns den halbnackten Kerl als Paul vor und er umarmt sie, als wären sie alte Bekannte. Und dann soll er sich einen Platz suchen und dem Konzert beiwohnen und er setzt sich direkt neben mich. Wieder so ein Zufall, denke ich, egal wo ich hingehe, es passiert immer etwas besonderes. Und so sage ich zu ihm, er sei ganz schön mutig gewesen und erfahre, dass er ein kleines Baby zuhause hat und daher nur auf einen Sprung vorbeikommen, ein paar Lieder hören und dann wieder zu seiner Frau zurückfahren wollte. Und er spricht einen schwer verständlichen Akzent und er sagt, er kommt aus Liverpool und lebt aber schon eine Weile in Penzance und das alles ist irgendwie aberwitzig und freundlich. In der Pause kommt David nach oben zu mir, um sich zu erkundigen, ob es mir gefällt und dass jetzt noch ein Platz bei ihnen freigewordenen wäre und dann kommt noch seine Bekannte und der Dialog wiederholt sich irgendwie und ich lehne erneut dankend ab, denn ich fühle mich hier oben mit Paul ganz wohl. Es ist etwas kalt und eigentlich könnte ich noch eine Mütze und Handschuhe gebrauchen. Die anderen Leute haben noch Decken mit und Wein und ich hab mir Tee mitgenommen und bin ganz froh drüber und sitze da mit meinem Winteranorak und meiner Fleecejacke über den Beinen und zwei Kissen unter mir und friere trotzdem ein bisschen.
Und nach der Pause plaudern Paul und ich immer mal ein bisschen, weil ich ihn sehe barfuß in seinen Shorts und im TShirt und ihn frage, ob ihm nicht kalt sei, und die Frau, die zwei Reihen unter mir sitzt mit ihrem kleinen Sohn und offensichtlich ihrer Mutter,sieht mich aus unverschämt schönen braunen Augen an und sagt lakonisch, die Leute von der Küste laufen selbst im Winter im Bikini und in Badehose herum, und Paul pflichtet ihr bei, dass er noch nicht mal einen Mantel zu besitzen glaubt.
Das Konzert geht noch eine Weile weiter, aber Nerina kündigt schon an, dass ihr so kalt sei, dass sie leider nicht mehr lange spielen könnte.Da kommt eine Frau nach oben zu Paul und drückt ihm ein paar Pulswärmer in die Hand und bittet ihn, diese zu Nerina zu bringen. Er springt auch sofort auf und läuft nach unten und sie sieht ihn und sagt, ‚ach Paul, da bist du ja wieder‘ . Er übergibt ihr die Pulswärmer, sagt er wüsste nicht, von wem aber eine Frau hätte sie ihm eben gegeben.Und sie ist begeistert und ruft übers Mikrofon ihrem Mann zu, dass es mal an der Zeit wäre, dass er auch Berge hinaufklettert, um sie zu hören und ihr Handschuh bringt und dann bedankt sie sich bei Paul und der Frau im Publikum. Dann singt sie noch ein paar Lieder und schafft es den Abend über tatsächlich das Gefühl zu erwecken, als säßen wir alle wie ein paar Freunde zusammen und würden ein bisschen Musik machen. Paul und ich tauschen noch ein paar Meinungen aus und er sagt, er möchte den Blog sehen, den ich schreibe und ob ihn. Ich auf Facebook kontaktieren könnte und wir verabschieden uns und ich freue mich über den erfüllten Abend.
Als ich nach Hause zurückkehre – David verschwand noch backstage – sitzen da Wayne und seine Tochter Bracken, die am Folgetag mit Freunden aus Falmouth dem Konzert der Coverband von Fleetwood Mac called Fleetwood Bac im Minack beiwohnen werden. Es ist leider schon ausverkauft , sonst würde ich auch hingehen. Es kommt noch das Studentenpaar aus Plymouth, das schon bei meiner Ankunft hier war am nächsten Tag und andere Freunde und das Haus ist voll und ich ziehe mich ins Bett zurück und denke, das kann alles sehr lustig werden.

St.Just Parish Church

20140519-135322-50002071.jpg

20140519-135323-50003493.jpg

Makers Emporium

20140519-192813-70093312.jpg

20140519-202053-73253907.jpg

20140519-202052-73252526.jpg

The Minack Theatre
20140519-135842-50322473.jpg

Nerina Pallot

20140519-135844-50324263.jpg

20140519-141215-51135182.jpg

Paul Bridgewater, the Climbing Fan

20140519-141213-51133852.jpg

2 Kommentare zu „16. Mai The Last Journey St. Just The CookBookShop and the Minack“

  1. Meine tapfere Freundin!
    Mir geht es wie sorpri… Es ist zum täglichen Ritual geworden, Deine Reiseerlebnisse zu verfolgen. Spannend! Und tolle Fotos! Ich kann manchmal gar nicht glauben, dass Du noch in Great Britain bist, und nicht im Süden Europas.
    Gruß von Deiner Freundin aus Berlin

    1. liebe kate wallander, my best friendin wahrheit bin ich natürlich längst mit dem nächsten Schiff nach Italien gereist und habe cornwall längst hinter mir gelassen-haha.ja es ist umwerfend schön hier landschaftlich:wann kommst du endlich selbst vorbei um zu schauen ;.))

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s