17. Mai The Last Journey Der Blog, Penzance und der Ring

Seit 9.00h sitze ich auf Hugh’s Terrasse -das ist der Nachbar, der verreist ist- schreibe meinen Blog. Ich bin infolge der Ereignisse der letzten Tage total in Verzug geraten und auf der Terrasse ist es nicht nur etwas abgelegener, sondern auch herrlich sonnig und ich bin ob der Umgebung nicht so abgelenkt. Ich genieße es hier oben mit meinem Tee und ein paar Broten, alles sind entspannt – Samstagmorgen auf dem Land.

Ich schreibe und schreibe und eigentlich wollte ich mit David nach Carn Euny und ihm das Dorf aus der Eisenzeit zeigen, aber ich bin so im Fluss und schlage ihm vor, er könne doch an der Küste entlanglaufen, da ich um 14.00h den Termin bei Chris hätte, könne ich ihn in Lands End abholen und dann nach Carn Euny bringen. Er ist einverstanden und ich schreibe weiter und die Zeit vergeht und ich habe es weder ins Penlee House Museum geschafft, wo an Samstagen der Eintritt frei wäre und ich eine wunderbare Ausstellung um Penzance ‚ 400 jähriges Bestehen hätte sehen können noch bin ich wenigstens mal bis an Meer unten gelaufen.

Jetzt ist es schon gleich zwei und ich muss mich beeilen und packe wieder Zoras Asche ein und fahre rüber zu Chris, the silversmith.
Wir sprechen kurz und ich trinke einen Tee und dann versucht sie, die rote Kiste mit Zoras Asche u öffnen. Ich helfe ihr, doch sie muss ins Haus und eine Klinge holen, der Kleber lässt sich schwer lösen. Irgendwie verspüre ich den Drang, es selbst zu tun und nehme ein Messer und mit etwas Kraftaufwand bekomme ich den Deckel ab und halte die Tüte mit der Asche in Händen, als sie zurückkommt. Sie ist überrascht und wir sehen beide auf die Tüte und finden, es sieht irgendwie aus wie Sand mit zerbrochenen Muscheln darin. Ich warte innerlich ein wenig, ob sich etwas in mir regt, doch es ist eher eine Art Freude und ich habe Zoras Foto mitgenommen und sag ab und zu was erheiterndes zu ihr, als wäre sie dabei-ist sie ja irgendwie auch, so oder so.
Und dann wird es spannend: wie kommt die Asche oder ein kleiner Teil davon in den Ring? Chris hat sich eine Spritze besorgt und glaubt, dass sie den feinen Teil der Asche damit in den Ring quasi injizieren kann. Das klappt natürlich nicht, denn es ist nicht flüssig und staut sich darin. Damit nichts verloren geht von der Asche, lege ich vorsichtshalber ein Heft auf ihren Arbeitsplatz.
Chris schüttet vorsichtig die Asche aus der Spritze darauf und beginnt, sie mit der Kanüle vorsichtig in den Ring hinein zu schaufeln. Das dauert eine ganze Weile, denn sie muss den feinsten Staub herauspicken. Ich mache ein paar Fotos, um das wichtige Ereignis zu dokumentieren. Dann ist der Moment erreicht, als nichts mehr hineinpasst und sie fügt den kleinen Verschluss aus Rotgold ein, dreht den Ring um und muss ihn von der Innenseite her nun verschließen. Das funktioniert, indem sie das untere Ende des Stifts durch Druck und mit speziellen Werkzeugen verbreitert, so dass der Stift nicht mehr nach oben austreten kann. Doch es geht irgendwie schief und ein kleines Silberkügelchen hat sich auf der Oberseite bereits gelöst, sie wirkt gestresst und sagt, dass sie nichts verderben will, weil das so wichtig ist mit dem Ring und der Asche.
Mir wird plötzlich klar, dass es das erste Mal ist, dass sie so ein Schmuckstück mit Asche füllt und das ist tatsächlich ihre Premiere, wie es sich herausstellt.
Ich schlage ihr vor, dass ich meine Sachen erledige und dass sie in Ruhe weitermachen solle ohne mich, dann hätte sie vielleicht weniger inneren Stress. Sie bittet mich, um 21h wiederzukommen, bis dahin wäre sie fertig.

Ich fahre nach Penzance, obwohl es für die Ausstellung schon zu spät wird, denn inzwischen ist es 16h und ich habe auch etwas Hunger und mache einen Stop beim Supermarkt. Nachdem ich alle Besorgungen gemacht habe, fahre ich trotz fortgeschrittener Zeit weiter zum Penlee House, einfach um es mal von außen gesehen zu haben. Es gibt einen großen Parkplatz und direkt von dort geht es durch den Penlee Park direkt vorbei an einem Amphitheater zum Penlee House, was praktisch fünf Minuten später schließt. Der Park ist so wunderschön, dass ich überall stehen bleibe und Fotos machen möchte. An der kleinen Orangerie des Penlee House angelangt, schließt dieses tatsächlich unmittelbar. Also spaziere ich weiter durch den Garten und staune und freue mich und sehe plötzlich ein graues Tier auf dem Weg und es sieht ein bißchen aus wie eine zu helle Ratte und ist auch zu flauschig und dann geht es auf den Baum und ich frage mich, ob das eine Art Eichhörnchen ist und frage eine Frau, die mit ihrem Hund vorbei spaziert. Sie erklärt mir, dass dies ein Eichhörnchen ist, dass sie grau sind hier unten und dass sie wohl die braunen und roten vertrieben hätte über die Jahre.
Ich spaziere weiter und entdecke wilden Rosmarin mit blauen Blüten, wie ich ihn nur aus der Toskana kenne und freue mich über die vielen mediterranen Einflüsse hier. Ich gehe die Straßen entlang, sehe mir Penzance an, finde den Morab Garden ein kleiner sehr blumiger Park gleich in der Nähe und treffe dort die Katze wieder, die ich schon auf einer Baustelle im Penlee Garden entdeckt hatte. Ein Pavillon ziert den Park, der Rhododendron ist in den schönsten Farben erblüht, unendliche viel Pflanzen, die ich gar nicht kenne, begegnen mir auf meinem kleinen Spaziergang durch den Park und ich freue mich, als ich durch die Gassen gehe und denke, ich schreibe einen Reiseführer mit dem Titel ‚Penzance von hinten‘ gleich dem gleichnamigen Reiseführer über Berlin.
An jeder zweiten Ecke bleibe ich stehen,weil ich etwas interessantes entdecke oder ein Foto machen möchte. Dann erreiche ich ein Geschäft mit Bettwäsche und Bettdecken und sie haben diese echt britischen Überdecken reduziert. Begeistert bleibe ich stehen und staune, als ein Lieferwagen vor dem Geschäft anhält. Ein Mann um die fünfzig mit grauen Haaren und rötlich braunen Sonnengläsern steigt aus und lädt diverse Kartons aus und er schließt den Laden auf, der eigentlich geschlossen ist und ich staune weiter und spreche ihn dann an wegen der Maße etc. und er bittet mich ins Geschäft und wir beginnen zu plaudern und er fragt mich nach meinen Bettmaßen und erklärt, ich hätte ein KingSize Bett, was mir bis dato noch gar nicht klar war. Und er erklärt, ich bräuchte die größere Variante, weil sonst würde das nicht funktionieren da die Decke dann ja nur ein kleines Stück über die Bettkante hinausginge, Das ist ein sehr lustiges Gespräch weil er wirklich völlig unaufdringlich verkaufen möchte und ich es mir die ganze Zeit ausrede. Er ist so ein Typ, der dauernd Kosenamen verwendet und sagt immer ‚my love‘ oder ‚my dear‘ zu mir. Ich kann mich nicht durchringen, ob und welche Decke ich denn kaufen möchte, also mache ich Fotos und sage, ich überlege es mir nochmal und er erklärt, er sei nur samstags hier, er lebt in Devon mit seiner Frau, etwa 2 Stunden mit dem Auto entfernt. Wir verabschieden uns sehr herzlich und er sagt zum dritten Mal, wie lovely ich sei und drückt mir die Hand und küsst mich auf die Wange.

Ich schlendre noch ein wenig durch die Fußgängerzone und schau mir die alten Häuser an und gelange langsam aber sicher zum Penlee Park und damit zum Auto zurück und fahre zurück. Alle sind ausgeflogen zum Minack außer Sam und nachdem ich gegessen habe, ist Sam ganz eilig unterwegs und sagt, sie müsste nach Treen und ich bin interessiert, ob sie Freunde trifft, ja genau das würde sie und falls sie Pat und Jenny , die beiden Künstlerinnen treffen sollte, würde sie sie fragen, ob ich mir deren kleines Studio ansehen dürfe. Und ich sage, ich müsste nochmal zu Chris und würde vielleicht noch in Treen in den Pub gehen. Sie ist kaum weg, da muss ich auch schon wieder losfahren und bin um kurz nach neun bei Chris.

Sie kommt aus dem Haus und geht mit mir zusammen in ihre Werkstatt und präsentiert mir das Ergebnis. Sie erklärt, dass sie am Verschluss nichts weiter verarbeitet habe, da sie befürchtete, dass noch mehr von den Silberkügelchen verlustig gingen und dass sie die kleinen Kügelchen jetzt verkleben musste, da ein weiteres Erhitzen nicht mehr möglich war. Und sie fragt unzählige Male, ob er mir auch gefällt und dass ich keine Scheu haben solle, falls etwas nicht in Ordnung sei oder etwas kaputt ginge , ich ihn ihr jederzeit schicken könnte. Und wir unterhalten uns noch eine Weile über die verschiedensten Dinge und sie erzählt von ihrer Schwester und dass diese so krank sei seit Jahren und immer sehr ernste Dinge hätte. Dann sprechen wir über das National Health System und über Zuwanderer, über die sich die Briten mehr und mehr ärgern, ohne rassistisch sein zu wollen, denn sie würden seit Jahren einzahlen in die Krankenkassen und die Leute kämen her und würden die kostenlosen Behandlung missbrauchen und müssten nichts dafür bezahlen und das würde sich auf die Europawahlen auswirken und dass die britische Regierung mal einen Dämpfer bräuchte. Und dass die Leute hier unten genervt seien ob der stetig wachsenden Anzahl an Zugezogenen und ich sage, dass es dann wohl keine gute Idee wäre, wenn ich herzöge, weil ich ja auch eine Zugereiste sei. Doch Chris wehrt das ab, nein nein, so sei das nicht, sie meinte eher die Leute, die das Gesundheitssystem so ausnutzen würden. Wir sprechen noch eine Weile und ich erkläre ihr, dass es bei uns nicht viel anders wäre, was die Sozialleistungen betreffe und der Unmut in der Bevölkerung wachsen würde. Und als ich gehe, denke ich, dass ich hätte sagen sollen, was ich wirklich denke über verschiedene Länder und wie wir damit umgehen und ob nicht für alle Platz sein sollte überall und wir mehr teilen sollten. Doch stattdessen habe ich mich mehr hinreißen lassen die Krankheitsgeschichte ihrer Schwester zu analysieren. Gegen 22.15h gehen wir auseinander und verspreche, nochmal vorbeizukommen, bevor ich abreisen würde und bedanke mich nochmal für all ihre Mühe und fahre los.
Plötzlich ist mir doch etwas mulmig mit dem Ring und es hat etwas gespenstisches an sich, doch das scheinen auch eher kindliche Ängste zu sein, die ich da verarbeite.
Mir fällt ein, dass David noch nicht zurück war aber angerufen hatte und sam bescheid gegeben, dass er ok sei und seine Wanderung sehr genießt und sich niemand Sorgen machen müsste. Doch in der Dunkelheit frage ich mich besorgt, ob David von seinem Fußmarsch eigentlich schon zurückgekehrt ist, als ich die kurvenreiche Straße abbiege und er plötzlich vor mir herläuft. Ich hupe und er ist erleichtert, dass ich grad vorbeigekommen bin, denn sein Handy sei auch leer inzwischen und er total k.o. und er erzählt mir von seinen Erlebnissen und ich bin froh, dass ich ihn mitnehmen konnte und erleichtert, weil ich abgelenkt bin von weiteren Gedanken über Asche und Zora und Geister.

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Einige Einrücke von meinem Spaziergang:

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