18. Mai The Last Journey Terrasse, Blog und Treen

Es ist wieder herrliches Wetter draußen und ich eile mit meinem Ipad, Tee und Frühstück bewaffnet auf die Terrasse von Hugh. Die Stühle stehen anders und auf dem einen sind Krümel und ich denke so bei mir, es wirkt so, als hätte noch jemand die Terrasse genutzt und setze mich an den Tisch in die Sonne und beginne zu schreiben.

Nach etwa 20 Minuten geht die Haustür auf und der Nachbar steht im-Bademantel da, ich springe auf und entschuldige mich, dass ich nicht gewusst hätte, dass er zurück sei und er beruhigt mich gleich,und meint, dass wäre alles in Ordnung, er wäre gestern Abend wiedergekommen und ich soll einfach sitzen bleiben und weiter machen. Ich bin dankbar und schreibe weiter.

Seit ich den Ring abgeholt habe und diesen nun trage, fühlt es sich an, als habe sich der Kreis geschlossen und meine Mission sei erfüllt. Ich kann es nicht begründen, es ist einfach nur ein Gefühl, das mir eine gewisse Ruhe vermittelt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht vor Bestürzung über den Anblick der Asche in Tränen ausgebrochen bin, vielleicht habe ich einfach ein wenig mehr abgeschlossen, auch wenn ich weiterhin immer wieder Tränen vergieße um Zora, um unser Zusammensein, mit ihr spreche, sie mal hier und da sehe. Es wird etwas weniger und verläuft nun ein wenig in die Befürchtung, sie plötzlich zu vergessen. Das ist natürlich Unsinn, denn allein beim Anblick der Fotos ist sie so real und einfach immer wieder präsent, dass ich die Fotos häufig weglegen muss, da ich sonst das Gefühl habe, sie springt mir gleich entgegen. Es ist nicht vorstellbar, sie jemals aus meinem Leben wegzudenken und ich bin überzeugt, das wird auch nicht passieren. Doch ich glaube, das Leben geht tatsächlich einfach weiter und auch, wenn das keine besondere Erkenntnis ist, erneuert sie sich nach einem großen Verlust auf der emotionalen Ebene scheinbar wieder und wieder. Ich glaube, genau das beinhaltet der Verarbeitungsprozess an sich und ich fühle mich ein weiteres Stück gereift bei diesem Gedanken.
Es gibt heute nicht so viel zu berichten, denn ich habe die vergangenen Tage stundenlang damit verbracht, den Blog auf einen möglichst aktuellen Stand zu bringen und habe entschieden, bewusst weniger neue Aufregung hineinzubringen.
Die Gäste brechen alle Zug um Zug auf und gehen entweder noch am Strand spazieren oder surfen und brechen von dort auf weiter auf.
Ich plaudere noch mit den Studenten, bevor sie gehen, probiere einen Bagel mit Ziegenfrischkäse und es schmeckt ein wenig komisch. Keine Stunde später hab ich heftige Bauchschmerzen und kann das Bad für eine Weile nicht verlassen. Eigentlich hatte Sam mich gebeten, sie nach Penzance zu fahren und dann nimmt sie aber doch der Nachbar mit. Sie fährt zu einer Art Tagung über Birmingham in den Norden und wird erst am Mittwoch Abend zurück sein.
Ich bin froh, dass ich keinen Zeitdruck habe und als es mir besser geht, breche ich zu Fuss nach Treen auf, um Pat und Jenny zu treffen und mir deren kleine Werkstatt anzusehen. Tiffany zeichnet mir den Weg über die Felder auf ein Blatt Papier und ich finde mich einigermaßen zurecht und nachdem ich offenbar einen falschen Weg genommen habe und durch matschige Wiesen laufe und einsinke, schaffe ich es dann doch bis nach Treen.
Vor dem Haus von Pat und Jenny lädt eine etwas mollige Frau mit Brille und grauem Haar einen Wagen aus und ich halte sie für Sheila , die aber in meiner Erinnerung größer und weniger untersetzt schien. Ich laufe ein paar Schritte weiter, weil ich nicht sicher bin, welcher Hauseingang es ist und dann spricht sie mich an und ich sage ihr, wer ich bin und dass ich Pat und Jenny suche. Sie sagt, sie wäre Jenny und dass sie aber grad erst zurückgekommen sind und dass sie noch ausladen müssten und ich erwidere, dass sie sich Zeit nehmen kann, ich hätte es nicht eilig.
An einer Übersichtskarte neben dem Cafe, das leider schon geschlossen hat, bleibe ich stehen und lese die verschiedenen Geschichten zu den Aussichtspunkten nach.
Heute morgen erst habe ich noch von Wayne die Geschichte um Logan Rock erfahren, den ich inmitten der Felsenformation, die ich für die alte Burg aus der Eisenzeit in den Klippen halte, gesehen habe und dort aber umgedreht bin.
Der Logan Rock ist ein achtzig Tonnen-Granitblock und thront am Rand der Klippen mit Blick auf den Atlantik auf einer Landzunge eine Meile südlich des Dorfes Treen.Der ursprüngliche Name ist cornish: men omborth und bedeutet:ausgewogener Stein, den angeblich ein Mann alleine zum Schaukeln bringen kann. Und so ereignete es sich in 1824 , dass einige hochmütige Seeleute unter dem Kommando von Lieutenant Goldsmith meinten beweisen zu müssen, was die Marine so leisten kann und so schafften sie es, den Felsen aus seiner Position und ihn zum Kippen zu bringen. Er landete in einer Felsspalte und sie prahlten mit ihrer Tat. Die Bevölkerung war empört und so schafften es die Anwohner, die britische Admiralität davon zu überzeugen, den Felsen wieder aufstellen zu lassen. Es wurde angeordnet, dass Lieutenant Goldsmith, welcher übrigens der Neffe des berühmten Dichters Oliver Goldsmith war, die Kosten für den Transport des Felsens an Ort und Stelle übernehmen müsse. Und so geschah es, dass mithilfe von sechzig Mann und einem Flaschenzug unter den Blicken von tausenden Zuschauern an einem Dienstag, den 2. November 1824 um 16.20h der Logan Rock wieder an Ort und Stelle stand. Für eine Weile wurde der Ort angeblich mit Ketten befestigt und die Ketten wurden mit einem Schloss verriegelt.Doch schon nach kurzer Zeit soll diese Maßnahme wieder aufgehoben worden sein.

Plötzlich begrüsst mich Pat, eine der Künstlerinnen, die ich in St.Ives schon gesprochen hatte und wir erinnern uns beide an unser freundliches kurzes Gespräch, dass wir nicht fortsetzen konnten, da die Galerie gerade geschlossen wurde.
Sie geht mit mir nur weniger Meter entfernt zu der ehemaligen Kapelle, die sie erst seit Anfang des Jahres gemietet haben, da sie im vergangenen Herbst mangels Besuchern geschlossen wurde. Direkt gegenüber hängt ein großes Holzkreuz an der Wand und der darunter liegende Altar ist noch zu erkennen. Gleich links davor steht eine Staffelei und darauf ein großes blaues Bild und daneben ein kleineres. Rechts von mir befindet sich ein Spinnrad und ein großer Webstuhl, den sie erst ausprobieren müssten, wie sie sagt, da sie ihn gerade erst bekommen hätten und seine Bauart anders wäre als die von dem kleineren und sie deutet auf den näher an der Wand befindlichen kleineren Webstuhl, auf dem schon eine Arbeit begonnen wurde. Wie sie sagt, zur Demonstration für Workshops, die sie in naher Zukunft planen. Ein kleiner Tisch mit Prospekten folgt und sie erklärt auf meine Frage, dass sie nicht offiziell an den Tagen der offenen Ateliers teilnehmen würden, aber ihre Werkstatt an diesem Tag öffnen würden.
Sie fragt mich, was ich denn so machen würde und meint auf der kreativen Ebene, wie ich schnell begreife. Ich würde seit einigen Jahren mit Farben experimentieren und ansonsten seit meinem 13 Lebensjahr fotografieren. Sie sagt, das sei auch ihr Hobby und Schreiben würde sie auch und dass sie beide ihre künstlerische Seite auch erst seitdem sie im Ruhestand sind, praktizieren würden. Ich erzähle ein bißchen von mir und von Zora, die ich zwar nicht mehr persönlich vorstellen kann, doch die Menschen gerne wissen lassen möchte, dass ich eine tollen Hund hatte, den ich sehr vermisse. Und wir sprechen über meinen Aufenthalt im Bodellan Farmhouse bei Sam und Tiffany, dass es ziemlich relaxed hier zugeht und ich überlege, einen Job zu suchen und etwas zu bleiben, weil es mir so gut gefällt. Und Jenny ist inzwischen auch da und bittet mich um meine Emailadresse, weil sie ab und an etwas hören würden und an mich weitergeben könnten. Pat erzählt von einem befreundeten deutschen Frauenpaar, dass aus München vor 17 Jahren auf Empfehlung in die Gegend gekommen sei und nicht mehr zurückgekehrt sei und inzwischen auf der anderen Seite der Küste-also vermutlich um St.Ives – Bed & Breakfast für Frauen anbieten. Pat und Jenny seien vor etwa 7 Jahren nach Treen gekommen; sie hätten eine Charity Organisation mit Eltern von behinderten Kindern gegründet vor 20 Jahren und würden jetzt Leute für die Telefonseelsorge ausbilden. Sie haben auch Familien und waren früher verheiratet, wie sie berichten und inzwischen sind sie seit 29 Jahren ein Paar. Als ich vom Tango erzähle, sind sie ganz begeistert und Pat erzählt, dass Jennys Ostheopathin Claire auch begeisterte Tangotänzerin sei. Am Donnerstag ist hier eine Milonga, mal sehen, ob sie auch da sein wird.
In der Zwischenzeit ist noch ein Dorfbewohner gekommen, auch ein ziemlicher betagter Mann in Latschen und britischem Humor, wie ich schnell feststellen kann. Und ich erzähle Pat und Jenny grad von Joan, der 91jährigen alten Frau von vor ein paar Tagen. Und der Mann sagt, dass sie eine ziemlich berühmt Malerin gewesen und in der Royal Academy gewesen sei. Überhaupt leben hier viele Künstler, sagt Pat und der Mann pflichtet ihr bei und sagt, dass auch John Le Carre ein Stück weiter unten an den Klippen wohnt. Dann gibts da noch einen Filmproduzenten, den Komponisten Graham Fitkin und die Harfinistin Ruth Wall. Joans Familienname sei Edwards, sagt der Mann und dass man sie googeln könne – tu ich später auch, aber da tauchen so viele Joans auf.
Pat und Jenny sagen noch, dass ich mich melden solle, falls ich in der Gegend sei und wünschen mir alles gute.
Ich gehe noch ins Logan Rock Inn und esse Tagliatelle british mit Tomatensoße, Rucola und Kichererbsennd entdecke dort ein Foto von dem festgeketteten Logan Rock. Ein Herr an der Bar sitzend, weist auf eine andere Säule an der Bar und das dort die Aufstellung der Ausgaben aufgelistet sei. Das liest sich sehr witzig und nachdem ich bezahlt habe, gehe ich los.
Auf dem Weg zurück verlaufe ich mich und lande auf dem Coast Path, während vorher ein scheinbar ebenfalls verirrtes Fasan-Weibchen vor mir davonhüpft und sehr witzige Laute von sich gibt.
Zuhause angekommen, spreche ich ein bißchen mit Tiffany übers Reisen und Fernweh und sie erzählt mir die Einzelheiten rer vor 17 Jahren ersten Motorradtour, die sie und ihre beste Freundin völlig unerfahren im Motorradfahren nach Indien bringen und zwei Monate dauern sollte und schließlich über Australien nach Afrika führte und sie erst zweieinhalb Jahre später wieder nach Hause zurückkehren ließ.
Und ich merke, wie mein Fernweh bei diesen Erzählungen erwacht und gehe bald zu Bett, um von meinen zukünftigen Reisen zu träumen.

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