20. Mai The Last Journey Porthgwarra und die Cottages

Heute morgen nach dem Aufwachen habe ich das dringende Bedürfnis, umgehend zu verlassen und nach London zu fahren. Es ist so ein Gefühl, als sei ich hier einfach fertig und müsste jetzt gehen. Ich sehne mich auch sehr nach meiner Wohnung, nach geschütztem Raum, nach Ruhe in der Unruhe.

Ich stehe auf, gehe in die Küche und fange schon an, ein paar Brote für die Reise vorzubereiten, als Tiffany nach unten kommt. Nach dem üblichen morgendlichen Geplänkel, stoße ich heraus, dass ich glaube, dass ich gleich fahren werde. ‚ No way! sagt Tiffany. ‚ We will block your car‘ und lacht mich an. Ich seufze. Ja ich möchte gerne wieder flüchten, alles fühlt sich irgendwie nach Flucht an und ich weiss einfach nicht wohin, sprudelt es aus mir heraus und ich vermisse Zora so und da fang ich auch schon an zu heulen. Tiffany nimmt mich in den Arm und ihre Augen werden auch nass und sie sagt, sie könne das mit dem Hund so gut verstehen. Sam wäre nicht so der Tierfan, doch sie und Abigail seien da ganz anders. Naja und dann erzähl ich von dem Job und da müsste ich auf jeden Fall hingehen und Bescheid sagen.

Nach dem Frühstück bin ich etwas ruhiger doch genauso unentschlossen, ich lasse mich treiben und dann schreibe ich wieder bis die Zeit soweit ist, dass ich nach Porthgwarra fahre. Es gießt in Strömen, passend zu meiner Stimmung.

Dort angekommen begrüsst mich Kerry freundlich mit den Worten, dass Lesley jeden Moment eintreffen würde. Ich parke noch rasch meinen Wagen um und sehe auf dem Rückweg eine blonde schlanke Frau mit spitzem Gesicht aus dem Auto steigen, eher der strenge, korrekte Typ – innerlich wappne ich mich schon mal.
Und dann kommt Lesley und ich bin beeindruckt : da begrüßt mich eine sehr attraktive Brünette, äußerst gepflegte Erscheinung, sehr britisch in der Ausdrucksweise und Habitus mit rotblonden langen leicht gewellten Haaren, leider völlig gruseligem Nagellack in einem Rot ähnlich roter Grütze und wie es grad modern ist mit Strass-Steinchen. Dazu ist sie barfuß mit Badelatschen unterwegs und jeder Zehnagel ist in einer anderen Farbe und mit schwarzen Punkten versehen. Vielleicht ist die Ähnlichkeit absichtlich und ich muss unweigerlich an Marienkäfer denken. Wie dem auch sei, eine ansonsten angenehme Erscheinung mit sehr schöner Ausstrahlung. Sie erklärt mir ein wenig sie Einzelheiten und erläutert, dass sie ein Team von sechs Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen und alle im Alter von 50 und 68 Jahren. Ich bin überzeugt, sie ist die jüngste aus dem Team. Nach einem Tee und einem ausführlichen Gespräch fährt sie mit mir zu dem zweitgrößten Objekt, das sie nicht mehr als Cottage bezeichnet. Es hat drei Schlafzimmer, drei Bäder, zwei Wohnzimmer – beide mit offenem Feuer – und eine Küche.
Als wir eintreffen, bin ich von außen noch wenig beeindruckt, was sich schlagartig ändert, nachdem wir den Eingang und die Küche hinter uns lassen. Wir betreten ein Wohnzimmer, wie man es vermutlich aus Rosamunde Pilcher Filmen kennt und tatsächlich bestätigt sie auch, dass hier vor kurzem gedreht wurde. Der Blick durchs Fenster eröffnet einen immens großen Garten eingesäumt von den landesüblichen stonewalls. Der ganze Raum wirkt so belassen wir vor Hunderten von Jahren, natürlich ein wenig modernisiert und so gepflegt, dass man vermutlich vom Fußboden essen könnte.
Der Eindruck entsteht bei mir allein dadurch, wie Lesley mit Adleraugen durch die Räume geht und hier und da einen Fussel einsammelt oder eine Spinnwebe entfernt, während sie von den Mounts – den Besitzern Lord St. Levan und Lady Mary erzählt. Es sind zwar auch Royals, sollen aber ganz bodenständig und ganz approachable, was so viel bedeuten soll wie ganz normale Leute, die einfach zufällig einen Adelstitel haben und einfach durch den Verwandtschaftsgrad unglaublich große Ländereien und Häuser besitzen, die sie für Unsummen vermieten. Allein dieses alte Farmhouse kostet jetzt im Mai 900£/Woche – es könnten ja zwei Paare oder eine Familie mit Kindern nutzen und ich höre heraus, dass sie solche Summen nicht für außergewöhnlich hält. Tiffany erzählt mir später, dass diese Häuser im Sommer ein Vermögen von mindestens 2000£/Woche kosten, da sie als sie noch Kinder waren mit ihren Eltern auch da unten gemietet hätten.
Während wir durch das große Wohnzimmer wandern, erklärt sie, dass man Lady Mary am besten immer fernhält von den Cottages, da sie stets und ständig kleine neue Staubfänger aufzustellen pflegt, die die Arbeit nur unnötig erschweren, da man hier und da wieder eine Vase oder eine kleine Dose anheben muss, um darunter Staub zu wischen.
Wir reden noch eine Weile über putzen und über Hunde und ich erzähle und sie erzählt von ihrem ersten Schäferhund und dass sie zehn Jahre gewartet hat, bevor sie einen neuen Hund nehmen konnte, weil sie den Schmerz nicht verwinden konnte.Und ihr jetziger Hund wäre jetzt 10 Jahre und sie sei sich dessen sehr gewahr, dass sie einfach nicht mehr so viel Zeit zusammen hätten. Viele Leute verstünden es nicht, dass man über den Verlust eines Tieres so traurig sein kann. Als ihr erster Hund gestorben sei, habe sie sich zwei Wochen frei genommen. Sie wäre wirklich zu nichts in der Lage gewesen und hätte ununterbrochen weinen müssen.
Sie hat auch zwei Söhne und sei auch bereits zweifach Großmutter, ihre Enkel seien schon Teenager. Ihr jüngster Sohn ist 20 Jahre jung und Model in der Türkei, seine Freundin auch, so leben sie beide dort. Man solle kein Lieblingskind haben, doch der Jüngere wäre einfach so herzlich – ganz anders als ihr ältester Sohn.
Und als ich sie danach frage, sagt sie mir, sie sei bereits 59 und ich total überrascht, denn ehrlich gesagt sieht sie noch jünger aus als ich.

Wir fahren zum Café nach Porthgwarra zurück und Lesley fragt mich zum zweiten Mal, ob ich am Samstag kommen kann. Ich bitte Lesley, mir bis zum Abend Zeit zu geben. Da es so wenige Stunden sind und das Geld eigentlich nicht reicht und ich vielleicht abhängig von der Wetterlage an Sonntagen vereinzelt auch im Café arbeiten könnte, bin ich mir unsicher und möchte einfach etwas Bedenkzeit haben. Ich verspreche, mich bis zum Abend zu melden. Sie sind einverstanden und ich sehe es Lesley an, dass sie ahnt, dass ich große Zweifel habe.

Im Bodellan Farmhouse wieder angekommen, ist es bereits nach 13.00h und ich mache mir erstmal einen Tee und ein zweites Frühstück. Während ich darüber nachdenke, ob das alles Sinn macht, den Putzjob womöglich als Einstieg zu nehmen und womöglich darauf aufzubauen, google ich im Internet schon mal nach der zuständigen Stelle für eine National Insurance Number. Die ist für eine Arbeitsaufnahme in England zwingend notwendig und ich muss bei der Fährgesellschaft erfragen, ob die Aufhebung meiner Buchung ohne neuen Termin möglich wäre ohne dass sie verfällt. Und wie mache ich das mit meinem Job in Berlin? Ich ahne, dass ich mit einer provisorischen Krankschreibung nicht weit kommen werde und womöglich kein Gehalt für diesen Monat bekomme, so wie die Personalsituation aussieht. Das beunruhigt mich natürlich und die große Frage, ob das alles richtig ist, denn es fühlt sich noch nicht wirklich danach an.

Ich erledige also alle Details und lasse mir vorsichtshalber einen Termin beim JobCenter in Truro geben, um dort meine National Insurance Number zu bekommen und der Termin ist erst in einer Woche, also genügend Zeit, um diesen nötigenfalls wieder zu stornieren.

Es ist schon Nachmittag und ich möchte wenigstens nochmal das Haus verlassen und so fahre ich kurz nach Penzance, ein paar Lebensmittel besorgen und koche mir wie zur Zeit sehr häufig frischen Spinat mit Kartoffeln und Ei. In diesem Haushalt kann man nicht wirklich von Esskultur sprechen, nicht dass sich die Mahlzeiten nicht wirklich verbessert hätten. Natürlich ist der Bio-Boom auch hier nicht vorbeigerauscht und inzwischen wird auch etwas besser gewürzt. Doch beim Anblick mancher Jugendlicher fühle ich mich sehr an meinen einzigen Besuch in den USA 1978 erinnert, was den Körperumfang angeht und beim Blick in die Supermarktregale, in denen sehr viel britisches Fastfood und sehr viel Weißbrot angeboten wird, bin ich nicht überrascht, denn offenbar wird der Zucker- und Weißmehlkonsum hier noch immer sehr stark gefördert.

Bei meiner Rückkehr ist Ian schon zuhause, ich erzähle ein wenig von dem Putzjob und dass ich von Tiffany und Sam eine Bestätigung brauche, dass ich hier wohne, sonst würde ich keine National Insurance Number erhalten. Er ist sicher, dass Tifanny das machen wird und bevor sie kommt und auch um noch etwas mehr Zeit zu gewinnen, rufe ich Lesley gegen 20.30h an und sage ihr, dass ich leider die Eigentümerin heute mittag verpasst hätte und von ihr noch die Informationen bräuchte wegen der National ID und dass ich mich gleich am Vormittag melden würde.

Als Tiffany kommt, ist sie überrascht und etwas irritiert – das merke ich inzwischen daran, dass ihr Lächeln dann stets erhalten bleibt. ich wähle hier bewusst nicht das Wort ‚Einfrieren‘, das würde die Wirkung nicht wiedergeben. Sie lächelt einfach weiter, so wie das manche Menschen tun, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich wünschte manchmal, ich hätte auch diese Gabe, mein Gesicht zu einer freundlichen Maske werden zu lassen. Am Morgen hatte ich noch gesagt, mir scheint der Putzjob nicht ganz ok zu sein, weil ich das Gefühl hatte, Kerry weicht meiner Frage nach der vorgesehenen Stundenzahl aus. Dann erfuhr ich jedoch von Lesley, dass mindestens 6 Stunden bezahlt würden, was mich etwas beruhigt hatte.

Tiffany ist weiterhin freundlich und ermutigt mich, es zu versuchen, obwohl mir schon bei dem Gedanken, 6 Stunden zu putzen, jeder Knochen wehtut. Und eigentlich möchte ich nicht mehr putzen, wozu hab ich studiert und noch eine weitere Ausbildung gemacht? Doch natürlich führt auch hier der Weg zum Ziel und Tiffany schließt mit den Worten, ich solle es versuchen und dann herum erzählen, dass ich einen Job suche, mir Zeit verschaffen.

Eine gute Idee und so gehe ich mit dem weiterhin flauen Gefühl ins Bett und schlafe ein.

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