21. Mai The Last Journey Kalte Füsse und Heimweh

Meine Nacht war viel zu kurz und das flaue Gefühl ist immer noch nicht weg. Gestern Abend nach meinem Einkauf war ich noch bei der Silberschmiedin und habe ihr Blumen und eine Falsche Merlot vorbeigebracht. Wir habe uns wie immer festgequatscht bei einer Tasse Tee und sie hat sich beinahe aufgeregt, dass ich einen Putzjob annehmen möchte. Sie meinte, allein mit meinen Fremdsprachenkenntnissen könnte ich doch viel mehr anfangen – das war einmal vor vielen Jahren mein Plan, doch mein persönliches Self-Marketing reicht dafür nicht wirklich aus. Sie ruft ihre jüngere Tochter an, die auch auf dem Gelände wohnt, weil in deren Krankenhausverwaltung gerade Aushilfen gesucht würden und so will sie mir gleich am folgenden Tag die entsprechenden Informationen weiterleiten.

Nach dem Frühstück versuche ich zunächst Lesley zu erreichen und sage schließlich ihrem Mann bescheid, dass ich am Samstag um 8.30h da wäre.
Dann schreibe ich weiter am Blog, als David aufsteht und auch frühstückt. Inzwischen ist die Email von Chris‘ Tochter Lottie eingetroffen und ich lese mir die Anforderungen durch. Im Grunde alles Anforderungen, denen mein Profil entsprechen könnte. Und ich versuche, online eine Bewerbung abzuschicken, was jedoch aus technischen Gründen mit dem Ipad nicht zu funktionieren scheint. David ist so freundlich und bietet mir sein Laptop an und ich schicke ihm meinen Lebenslauf per Email. Er schaut ihn sich an und als er mir seine Unterlagen zeigt, um die Form einmal zu vergleichen, stellen wir fest, dass mein Lebenslauf quasi nach englischem Vorbild voller Lücken ist. David macht sich die Mühe und stylt und formuliert ihn entsprechend um und dann laden wir ihn hoch. Und dann wird auch noch ein Anschreiben verlangt, eine Art Motivationsschreiben. Draußen scheint inzwischen wieder die Sonne und wir vertrödeln hier drinnen unseren Tag mit blödsinniger Bürokratie – ich glaube, ich hab mich in meinem Leben nur dreimal irgendwo beworben und hatte meine Jobs entweder lange oder hab mich telefonisch beworben und einfach einen Lebenslauf abgeschickt. Ich strebe keine weitere Karriere an, mir geht es lediglich um einen Job, um meine Zeit hier eventuell noch etwas zu strecken.
David ist total lieb, er zaubert ein hervorragendes Motivationsschreiben aufs Display und auf meinen überschwänglichen Dank hin, erklärt er ganz lakonisch, dass er wenigstens das gründlich in der Uni gelernt hätte.

Und obwohl wir so viel Zeit darauf verwendet haben, erzähle ich ihm,dass ich unsicher sei und am Vorabend eine Email von einer Bekannten erhalten hätte, die mich sehr nachdenklich gestimmt habe. Unter anderem stand darin, ob ich nicht meine Familie in Berlin bzw. meine Freunde vermissen würde und dass sie eine Freundin habe, die auch in ein anderes Land gegangen sei, dort auch alles schön fände, jedoch nie wirklich ganz aufgenommen worden sei und daher ihre alten gewachsenen sozialen Kontakte sehr vermissen würde. Das arbeitet sehr in mir nach und ich frage David, ob er noch Lust hätte, mit mir eine Entscheidungsfindung zu machen, bei der ich seine Hilfe bräuchte.
Es ist eine ganz einfache Methode, bei der man jeweils auf einen Zettel eine Option schreibt. Dann legt man die Zettel auf den Boden und stellt sich darauf und spürt einfach, wie es sich anfühlt und das spricht man dann laut aus und die andere Person im Raum hört sich das ohne Kommentar an. In diesem Fall habe ich vier verschiedene Zettel benötigt und David hat zu jedem Zettel einige Stichpunkte notiert von meinen Worten.
Das Ergebnis war eigentlich ganz klar: Berlin und ein weiteres Studium fühlte sich am besten an und schon fühlte ich mich besser und nicht mehr flau und dachte, dass ist jetzt zwar alles blöd mit meinem Hin und Her, aber ich muss das tun, wonach mir ist. Er ist sehr angetan von dieser Form der Entscheidungsfindung und irgendwie bindet das auch ein wenig.

Jetzt ist es schon gleich 14.30h und ich schlage ihm vor, dass wir doch jetzt vielleicht noch in Treen einen Kaffee trinken könnten und wir fahren mit dem Auto rüber, da ich anschließend noch ein paar Dinge in Penzance erledigen muss.
Wir treffen auch nochmal Pat und Jenny, deren kleine Werkstatt direkt gegenüber vom Cafe liegt. Sie wirken allerdings sehr geschäftig und eher etwas verschlossen und Pat schaut nochmal etwas später aus ihrem Vorgarten einige Male neugierig zu mir und David herüber, da wir noch Kaffee trinken. Ich registriere das eigentlich nur nebenbei und finde das im Nachhinein sehr merkwürdig und es erinnert mich ungemein an diese typische Art von Menschen in einem Dorf, in dem nicht viel geschieht – doch eigentlich sind in Treen ständig Touristen zu dieser Jahreszeit.
David erzählt von seinem Studium und dass er nach seinem 3 jährigen Jurastudium erstmalig nochmals 1 ganzes Jahr an die Uni soll, um eine Art Aufbaustudium zu machen, das seit neuestem Pflicht ist vor den Praxisjahren in einer Anwaltskanzlei. Dieses eine Jahr soll zusätzlich nochmal 12.000£ kosten. Das Geld habe er nicht und er wäre jetzt schon so hoch verschuldet durch sein dreijähriges Studium, dass er den Sinn nicht sehen würde.
Gegen 15.30h tritt er den Rückweg zu Fuss über die Felder an und ich fahre mit dem Auto los in die ‚Stadt‘. Ich laufe nach meinen Erledigungen noch etwas herum, sehe mir die verschiedenen Maklerangebote und die Preise an. Ich bin erstaunt, wie hochpreisig selbst völlig verwahrlost wirkende Häuser noch durchgehen.
Als ich zurückkehre, ist David noch da und macht sich ein paar Sandwiches, weil er gleich zum dritten Mal ins Mick will und mich fragt, ob ich auch mitmöchte, doch mir ist es zu kalt und ich möchte lieber packen und schreibe Lesley noch schnell eine Email, die sehr verständnisvoll reagiert.

Später am Abend, als alle wieder da sind, eröffne ich meine neueste Entscheidung und dass ich am nächsten Tag nach London und von dort aus am Samstag weiter nach Berlin reisen würde.Tiffany trägt wieder ihr irritiertes Lächeln im Gesicht und ich sehe, dass sie angesichts so vieler Umentscheidungen das Verständnis verliert – verständlicherweise. Aber alle sind nett und niemand macht mir Vorwürfe oder drängt mich. Sam ist total lieb und sagt, dass sie sich doch irgendwie schon an mich gewöhnt hätten und ich erwidere nur, dass ich sicher wiederkäme und einfach erstmal mein Leben zuhause regeln müsste.
Ich rede noch eine Weile mit David nach dem Minack und er erzählt von de interessanten Theaterstück über die Seele eines verstorbenen Königs, die ein tapferer Ritter sucht, um sie zu vernichten und selbst König zu werden. Dann gehen wir beiden als letzte zu Bett.

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