22. Mai The Last Journey Leaving Cornwall

In der Nacht habe ich furchtbare Alpträume und fühle mich mit allen Traumbildern von Berlin unendlich deprimiert. Ich stehe rasch auf und dusche als erste noch ehe die anderen aufgestanden sind. Dann packe ich meine Sachen in aller Ruhe, als es an der Tür klopft und Tiffany verabredungsgemäß ruft, dass sie jetzt zum Yoga geht und wir verabschieden uns und sie lacht und sagt, dass sie heute morgen beim Aufwachen dachte, ach es regnet wieder und als ich vor zwei Tagen schon fahren wollte,hätte es auch geregnet. In meinem Gedächtnis lasse ich die Küchenszene von vor zwei Tagen Revue passieren und erinnere die Regentropfen auf dem Fenster nun auch.
Dann bedanke ich mich bei ihr und entschuldige mich für das Hin und Her mit der Situation, obwohl ich es gar nicht müsste. Doch ich schäme mich für meine Unentschlossenheit, in der ich gerade stecke und sie wirkt nach wie vor irritiert und ich kann es nicht ändern und will es auch nicht. Wir verabschieden und umarmen uns kurz.
Dann geh ich runter und mache mir Brote und bereite alles für die Abreise vor, während Ian und Sam in Ruhe frühstücken und sam irgendwelche Dinge vorbereitet. Am Abend zuvor hatte ich David schon zugesagt, ihn nach Penzance zum Zug mitzunehmen, denn auch er reist heute ab.
Es ist dann doch noch viel mehr zu tun und die Zeit dehnt sich aus. Sam muss los zur Arbeit, verabschiedet sich von uns beiden sehr herzlich und drückt mir einen Umschlag in die Hand und umarmt mich und sagt: ‚So ist das Wetter im Übrigen normalerweise hier‘ und lächelt mich an.
Ian verabschiedet sich einige Minuten später auch und David und ich bleiben allein zurück und trinken noch in Ruhe Tee. Ich muss noch einige Telefonate erledigen, z.B. den Termin beim Jobcenter absagen, die Fähre umbuchen und ich möchte unbedingt noch bei Chris vorbei und mich persönlich verabschieden und schicke ihr eine SMS, ob sie denn zuhause sei. David ist so nett und sagt den Termin beim Jobcenter für mich ab. Die Reservierungsnummer solle ich jedoch aufbewahren für den Fall, dass ich doch noch eine National Insurance Number benötigen würde.
Ich schreibe noch einen Zettel für Sam und Tiffany und bedanke mich bei ihnen für ihre Gastfreundschaft und lege Ihnen passend zum Ambiente eine Tafel Organic Dark Chocolate und mein letztes Glas vegetarischen Brotaufstrich dazu.
Im Umschlag von Sam war eine hübsche Karte mit einer Blumenwiese darauf, in der sie mir alles Gute wünscht für den Rest meiner Reise und zur Erinnerung hat sie mir die kleine Landkarte der direkten Umgebung beigefügt. Ich bin sehr berührt von der Geste, denn mit dieser kleinen Karte begann mein erster Schritt in die Umgebung.
David und ich brechen auf, es regnet noch immer in Strömen, was mir den Abschied ehrlich gesagt erleichtert. Auf dem Weg zu Chris stelle ich fest, dass ich einige von den Silberkügelchen aus dem Ring verloren habe und zeige es David und versuche ihm in Ermangelung entsprechender englischer Fachbegriffe das physikalische Problem zu erklären, das sich durch die Verkleinerung des Rings ergeben hat. Ich bin frustriert, dass sich der Ring äusserlich aufzulösen beginnt. Ich weiss, ich sollte nicht so symbolisch denken, aber es fühlt sich einfach nach erneutem Verlust, nach zwangsläufig dem nächsten Schritt – nach Loslassen müssen, aber nicht wollen an. Ich habe einmal in einem Film den Satz gehört: Nicht das Loslassen, das Festhalten tut so weh Und das stimmt, dennoch scheint es so schwer zu fallen.
Wir erreichen das Haus von Chris nach zwanzig Minuten und sie bittet uns hinein und bietet uns Tee an, während ihr Hund und der ihrer Tochter um uns herumspringen und um die Gunst unserer streichelnden Hände buhlen.
Wir setzen uns und ich erzähle, weshalb ich nun doch früher weg müsste und zeige ihr meinen englischen Lebenslauf, den David für mich aufpoliert hat und sie findet ihn sehr gut.
Ich zeige ihr den Ring mit der Frage, ob eine erneute Reparatur noch möglich sei. Sie wirkt bestürzt und ich höre, wie sehr es ihr leid tut als sie sagt, dass sie das befürchtet habe, dass alles aufbricht dadurch, dass sie den Ring kleiner machen musste. Sie fragt, ob ich ihn dalassen könnte und ich schüttle traurig den Kopf und sage, ich würde ihn lieber mitnehmen wollen. Ich möchte doch Zora bei mir haben, denke ich und die Erschaffung dieses besonderen Schmuckstücks war schon sehr besonders für uns beide. Alternativ könnte ich etwas Asche hier lassen, damit sie einen neuen Ring anfertigen kann, denn dieser hier ließe sich nicht mehr reparieren. Ich hole die rote Kiste mit der Asche aus dem Auto, während Chris ihren Mann Keith bittet, diese noch einmal zu öffnen und etwas Asche zu entnehmen in ihrer Werkstatt. Für mich ist das ok, ich habe den Eindruck, Zora würde sich hier wohlfühlen und so überlasse ich Keith vertrauensvoll die Asche.
Indes sitzen wir drei weiter zusammen inzwischen mit Olivia, der Enkelin, die sich dazugesellt hat.
Chris hört David aufmerksam zu, den sie nach seinem Studium gefragt hat.
Und dann zeigt uns Chris das Fotoalbum, in dem die Fotos sind von ihrer Tochter und dem Schwiegersohn und Olivia, die der Queen die Hand schüttelt sowie dem Prinz of Whales. Die Fotos sind gestochen scharf, obwohl sie sie mit dem Iphone aufgenommen habe, wie sie stolz erklärt. Und ganz ehrlich bin auch ich beeindruckt von der Queen so nah und persönlich auf dem Foto mit der kleinen Olivia. Wenn ich es nicht gewusst hätte, würde ich vermutet haben, es sei eine sehr gute Fotomontage.
Die Zeit ist nun sehr fortgeschritten und Keith kommt auch mit der Asche zurück, als ich David bedeute, dass wir langsam losfahren müssten, um seinen Zug pünktlich zu erreichen.
Chris gibt mir erneut mit auf den Weg, dass ich nicht vergessen solle, dass ich nun hier eine Familie hätte und jederzeit willkommen sei. Ich bedanke mich und umarme sie herzlich, wenngleich ich nicht wage, in diesen Abschied hineinzuspüren aus Angst, wieder weinen zu müssen.
Nun sind wir wirklich spät dran und ich hetze die schmale serpentinenartige Strasse gefährlich schnell nach unten, um David pünktlich zum Zug zu bringen und ärgere mich über unsere Trödelei, weil ich lieber entspannt nach Penzance fahren wollte. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig und verabschieden uns eher nüchtern, obwohl wir doch einige Dinge miteinander geteilt haben in den vergangenen Tagen. Merkwürdig, denke ich, man weiss einfach niemals, was ein anderer Mensch wirklich denken mag.

Es regnet noch immer und ich fahre schnell zur Tankstelle und noch in den Supermarkt, um Dominique in London eine Flasche Merlot mitzubringen. Dann geht die Reise wirklich los und nun muss ich doch weinen, zusammen mit dem Regen, der immer stärker auf die Autoscheiben peitscht.

BBC 2 ist mein neuer Lieblingssender, denn er schickt mich wieder zurück in meine Jugend mit all den Titeln, die ich noch heute mitsingen kann. Der Regen ist teilweise so heftig, dass ich kaum mehr als 70/80 kmh fahren kann. Und dann kurz hinter Exeter reist die Wolkendecke auf, als hätte ein heftiger Wind sie einfach weggeblasen und ich sehe die Sonne und den blauen Himmel und freue mich über das Wechselspiel zwischen tiefhängenden dunkelgrauen Regenwolken und der Sonne, die weit dahinter wie ein Lichtstrahl einen schmalen Streifen am Horizont unter den Wolken erhellt. Die Landschaft erlangt durch dieses intensive Licht eine Tiefe wie bei einem Gewitter und ich muss an die Bilder Friedrich Schinkels denken und stelle mir vor, wie er hier inspiriert von der Landschaft und dem Wetter gemalt hat. Ich erinnere mich an die Bilder in der Schinkelausstellung im vorletzten Jahr im Kulturforum, die ich mindestens fünfmal besuchte und jedes Mal wieder neue Details entdecken konnte.

Gegen kurz vor fünf erreiche ich Stonehenge, wieder zu spät für einen Einlass, der noch lohnen würde, denn der Fussweg beträgt 30 Minuten und ich müsste mich schnell entschließen und könnte für insgesamt fast 15 £ Eintritt ich mit der letzten Minibahn rüberfahren und eine Stunde später käme ich zurück, doch ich bin viel zu müde und entscheide, lieber weiterzufahren und endlich anzukommen.

Ich habe den Eindruck quer durch Somerset zu fahren durch diese wunderschöne hügelige Landschaft mit kleinen englischen Farmen. Alles wirkt so ordentlich und gemütlich aber weniger bürgerlich. Bis London verfahre ich mich noch einmal, als Schloss Windsor ausgeschildert ist und ich dem Schild neugierig folge und am Bedford College lande nach einer weiteren Umgehung und das Gefühl habe, noch lange hierbleiben zu wollen, um alles ansehen zu können.

Nach einer weiteren Stunde erreiche ich London und bis ich Hampstead Heath erreiche, ist es bereits fast 21.00h und ich bin nach beinahe 8 stündiger Reisezeit total erschöpft.

Dieser nördliche Teil von Camden Town ist sehr schön, alte Häuser, nette Läden, es wirkt sehr ansprechend Ich freu mich auf den nächsten Tag, um die Gegend zu erkunden und muss früh aufstehen, um den Wagen aus der Anwohnerzone rechtzeitig zu entfernen. Und so geh ich lieber zu Bett, anstatt mit Dominique zu einer Milonga aufzubrechen, wie er mir bei meiner Ankunft vorschlägt.
Kurz vor Mitternacht schlafe ich traumlos ein.

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