23. Mai The Last Journey London calling

Am Morgen erwache ich von erneuten Alpträumen geplagt und von Dominiques Gepolter im benachbarten Badezimmer. Wenige Minuten später klopft er an die Tür und kaum dass ich mich rege, steht er auch schon in der Tür und ich fühl mich alles andere als ansehnlich ohne Morgentoilette.
Dominique, der im Übrigen mit viel Wohlwollen allerhöchstens 1,70m misst , kenne ihn praktisch nicht und da ist es mir zu intim, wenn er mich noch im Schlafkostüm und so direkt nach dem Aufwachen sieht. Dann fragt er mich gut gelaunt, ob ich einen Tee möchte und da ich ein umständliches Frühstücksprocedere vollziehe, umgehe ich mit dem Hinweis, dass ich kurz ins Bad müsste und danach zu ihm in die Küche käme, eine klare Antwort. Zu viele Erklärungen!
Wir treffen uns also in der Küche und nachdem ich meine für andere eher umständlichen Frühstücksgewohnheiten erledigt habe, erinnert mich Dominique, dass ich mein Auto um 9.00h aus der Anwohnerparkzone entfernt haben muss. Er ist heut viel freundlicher als gestern und wieder eher so, wie ich ihn beim Tango kennengelernt habe -eher charmant und französisch. Als ich gestern eintraf, hatte ich buchstäblich das Gefühl, er müsse besonders maskulin auftreten und das hat mich etwas irritiert. Nach meiner Erfahrung lernt man Menschen oft erst richtig in ihrer eigenen Umgebung kennen Bei Dominique ist es nur das Auftreten, die Wohnung zeigt mir im Grunde nur, dass er hier nicht wirklich zuhause ist, denn es fühlt sich leer und kalt an.
Wir plaudern und plaudern und irgendwann erhält er einen Anruf und legt etwas entnervt auf, während er sich über die unterschiedlichen Geschäftsgebaren verschiedener Länder amüsiert. Außer in England würde nirgendwo ein Geschäftspartner so kurzfristig einen Termin absagen. Er erinnert mich an die Uhrzeit und statt dessen ich einfach schnell ungewaschen rausgehe und den Wagen wegfahre, trödel ich noch im Bad herum und komme um fünf Minuten verspätet am Auto an, als ich schon einen uniformierten Mann an meinem Auto stehen und irgendwelche Notizen machen sehe. Ich rufe laut ‚Hello!‘ und nocheinmal ‚Hello‘ , dann hebt er den Kopf. Es ist ein älterer Mann mit Brille, der etwas zerknautscht aussieht und maulfaul scheint, denn er reagiert nicht. Ich sehe die kleine Plastiktüte unter meinem Scheibenwischer und deute auf seine Armbanduhr und frage ihn, wie spät es ist und er schaut drauf und sagt: 9.05h und ich halte ihm die kleine gelbe Tüte entgegen und frage ihn, was das soll, ich wäre nur fünf Minuten zu spät und was ich jetzt damit machen soll und er nimmt mir die Tüte ab und holt einen langen Zettel heraus und ich frage ihn, was ich damit machen soll und ob das wirklich sein Ernst sei. Und er erzählt mir etwas von einer Frist und nuschelt dann etwas in seinen Bart. Als ich den Betrag von 130£ höre, flippe ich aus und werde etwas lauter und frage ihn nochmal, ob das wirklich nötig war und ob das der übliche Umgang mit Touristen sei. Und ihm fällt gar nichts ein und dann sagt er ärgerlich, ‚This is the UK!‘ und ich sitze schon im Auto und fahre den Wagen weg.
Ich fahre im Kreis und finde keinen Parkplatz mit Parkuhr; eigentlich hatte ich vor, schon fertig vorbereitet zu sein und den Wagen nach Plumstead zum Haus meiner Gastgeberin Tricia zu bringen weil dort keine Parkgebühren anfallen und er außerdem sicher steht. Und jetzt der ganze Ärger, weil ich mit Dominique geplaudert habe statt mich vorzubereiten. Am liebsten würde ich sofort meine Sachen packen und abreisen, ich bin ohnehin nicht in Sight-Seeing Laune und meine Stimmung ist einfach mit jedem Kilometer näher an Berlin weiter in den Keller gesunken. Ich fühle mich nicht nur deprimiert und verzweifelt, sondern auch halt- und ziellos. Es ist, als würde ich einer unbekannten Mission folgen und einfach mechanisch alle notwendigen Arbeiten und Details bewältigen, um an das Ziel mit unbekanntem Namen zu gelangen und ohne zu ahnen, was ich dort soll und wohin es mich zieht. Alles scheint mir in den letzten zwei Tagen fremdgesteuert zu sein, ich fühle mich nicht bei mir, ich stehe neben mir.
Nachdem ich eine Weile im Kreis gefahren bin, finde ich einen Parkplatz an einem Eingang des Hampstead Heath, dem großen Park gleich eine Minute von meinem vorübergehenden Domizil entfern. Parken ist dort erlaubt von 10-12.0h, die maximale Parkdauer beträgt 1,5 Stunden. Es ist 9.30h und der Parkschein gilt bis 11.30h und ich laufe durch den Park und nehme mein Navi mit, da ich nicht ganz sicher bin, ob ich tatsächlich auf der anderen Seite wieder bei Dominique ankommen werde. Das Navi hat natürlich plötzlich kein Signal mehr und mein Handy kann sich hier nicht ins Netz einloggen. Als der Weg durch den Park immer länger zu werden droht und ich an einen Abzweig gelange, wo ich gefühlt lieber nach links über eine kleine Brücke gehen würde, frage ich vorsichtshalber eine junge Mutter nach der Agincourt Road und tatsächlich war mein Instinkt richtig und ich muss über die Brücke gehen und dann bin ich nach ein paar Minuten auch schon da. Vorher treffe ich jedoch noch so einen Ordnungshüter, der Strafzettel verteilt und ich frage ihn ganz freundlich, ob er mir das mit dem Strafzettel erklären könne. Und wir kommen gleich etwas länger ins Gespräch, als ich ihm sage, dass wir nicht solche teuren Strafzettel in Berlin bekommen, wenn wir falsch parken, das müsste dann schon eine Feuerwehreinfahrt sein. Beim Stichwort Berlin leuchten seine Augen und wieder habe ich eine Eintrittskarte zu einem freundlichen und vor allem respektvollen Lächeln bekommen, als wäre ich Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. In solchen Momenten hätte ich dann gern Visitenkarten, um so jemanden einfach einzuladen, mich zu besuchen, denn diese Art vermittelt mir stets den Eindruck, ich würde im New York Europas leben und dass das etwas besonderes sei, weshalb ich dann häufig das Bedürfnis habe, ihnen das echte Berlin einmal näher zu bringen – als Urberlinerin und eingesessene Kreuzbergerin, die noch zu Zeiten der Hausbesetzungen in den 1980ern hingezogen ist, fühle ich mich diesbezüglich äusserst kompetent.
Der Ordnungsmann ist wirklich sehr nett, lässt sich den Zettel zeigen und fragt, ob ich die Tüte noch hätte und ich schüttle den Kopf, woraufhin er mir eine neue gibt und erklärt, dass ich den Wagen nicht hätte umparken müssen. Ich soll ihn wieder in Agincourt Road abstellen, es gäbe heute keinen zweiten Strafzettel mehr, wenn ich diesen in der Tüte unter den Scheibenwischer klemmen würde. Ich müsste nur unbedingt in derselben Strasse parken. Außerdem erfahre ich, dass mein Strafzettel innerhalb von 14 Tagen bezahlt werden muss und dann nur 65£ kosten würde und das steigert meine Stimmung schon erheblich neben dem wirklich netten Gespräch.
Ich bedanke mich und geh erstmal zu Dominique zurück und mache mir einen neuen Tee und esse ein paar Brote, während ich ihm das Dilemma des Tages erzähle und er lacht und sagt, die Engländer seien die einzigen, die ein internationales europäisches Abkommen (angeblich als einziges EU-Land ) nicht unterzeichnet hätten, wonach Verkehrssünder über das Kennzeichen in deren jeweiligen Heimatländern strafrechtlich verfolgt werden würden. Seine Freunde aus Frankreich würden das nie bezahlen und es wäre noch nie etwas passiert. Ich bezweifle das zwar, aber sage nichts. Für mich sind das einige Stunden Arbeit, um so einen unnötigen Strafzettel zu bezahlen. Wir unterhalten uns noch eine Weile auch wegen der für den Abend anstehenden Milongas, zu denen er gehen wird und ob ich zu beiden mitkomme. Und ich weiss es einfach nicht, denn ich möchte in beide Tate Galerien gehen und habe keine Ahnung, wie kaputt ich am Abend sein werde. Und so beschließen wir, dass er mir eine Email schicken will mit der Adresse von der späteren Milonga und ich bin schon müde, wenn ich daran denke.
Nachdem ich den Wagen wieder in die Straße zurückgebracht habe, steige ich in den nächsten ankommenden Bus 24 und erinnere mich im letzten Augenblick daran, dass man hier ja den Bussen winken muss, damit sie anhalten. Die Route des Bus 24 ist so ähnlich wie unser Bus 100 oder der 200, der auch viele der Sehenswürdigkeiten in Berlin anfährt auf seiner Route. So kommen wir nochmal direkt Camden Town entlang, kreuze ich Trafalgar Square und sehe ein Stück vom Piccadilly Circus und steige kurz vor Pimlico aus und laufe zur Themse und gelange zur Tate Britain, der ursprünglichen Tate Gallery, bevor deren Ausstellungsgelände aufgrund des Umfangs der Sammlung auf ein weiteres Gebäude auf der anderen Seite der Themse hinter der South Bank ausgedehnt wurde.
Die Ausstellungen darin sind kostenfrei und das Gebäude schlicht umwerfend schön von innen wie außen. Ich genieße den Aufenthalt sehr und mache mich nach knapp zwei Stunden auf den Weg zur Tate Modern. Gleich gegenüber der Tate Britain ist eine Anlegestelle für eine Fähre die Themse entlang bis eben zur Tate Modern und obwohl ich die Überfahrt mit 6,80£ nicht billig finde, möchte ich mir dennoch diese Freude gönnen, einmal auf der Themse geschippert zu sein.
An der Tate Modern angekommen zu sein, strömen dort Menschenmassen am Ufer entlang, als wäre da ein Jahrmarkt beheimatet. Strassenkünstler versuchen ein paar Pfund zu verdienen mit Musik, akrobatischen Tänzen oder ausgefallenen Kostümen. Ich bin immer wieder überrascht, was für Ideen Menschen haben, um sich darzustellen und staune über jemanden in knallgelbem Roboteroutfit, der mir direkt aus der neueren Ausgabe des Raumschiff Enterprise entstiegen scheint.
Die Tate Modern ist übervoll mit Touristen, die Leute stapeln sich auf Sitzbänken, Schüler und Studenten scheinen in Bussen angereist und eilen emsigen Bienen gleich in kleinen Schwärmen um und im Gebäude herum und von Etage zu Etage und von Raum zu Raum zu den Kunstwerken und bestaunen diese scheinbar verständnislos wie Sehenswürdigkeiten, die man einmal sieht und dann weitergeht. Der Strom der Menschen riecht ein wenig nach Konsum und dabei gewesen sein, an anderen Stellen jedoch sitzen Menschen und scheinen tatsächlich auch die Atmosphäre zu genießen und das erinnert mich an die Stimmung bei der Reichstagsverhüllung von Christo.
Das Gebäude an sich wirkt auf mich in architektonischer Hinsicht wie eine Mischung aus den Deichtorhallen in Hamburg und der Eingangshalle des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Der Unterschied besteht zum einen in der Größe und zum anderen darin, dass man von jeder der oberen Ebenen durch verglaste Barrieren die unterste Ebene noch sehen kann und quasi stets geneigt ist, die untere Eingangshalle mit jeder höheren Etage aus der Vogelperspektive zu betrachten, was nicht nur mir gut zu gefallen scheint. Auf der obersten Ebene kann man gleichfalls nach draußen gehen und sich die Themse ansehen und sich am Anblick der gegenüberliegenden Uferkulisse erfreuen. Wenn man nach Osten blickt, wirkt diese tatsächlich ein wenig wie Kulisse und erinnert mich sehr an die für mich eher künstlich belebte Hafencity in Hamburg, die auf stets kühl und trostlos wirkt ebenso wie hier das Themsenufer zur meiner Rechten trotz der unvergleichbaren Menge an Menschen. Beinahe direkt am Ende der Fußgängerbrücke, die zur gegenüberliegenden Seite der Themse führt, befindet sich zwischen den modernen Häuserblöcken hindurch die St. Paul’s Cathedral , wie ich gleich beim Überqueren herausfinden werde und mich freue, nach so vielen Jahren einmal wieder hier zu stehen. Leider ist sie schon geschlossen, und ich bin übersättigt von den Menschenmengen und eile zur nächsten UBahn Station , um zurück nach Camden Town zu fahren und mich für den Tangoabend vorzubereiten.
Nach einigen Umwegen und einem Imbiss erreiche ich erschöpft das Domizil von Dominique, der gottlob schon unterwegs ist und mir wie besprochen eine Email mit den Koordinaten der möglichen Milonga geschickt hat, falls ich denn nicht zu erschöpft wäre. Obwohl ich tatsächlich viel zu müde bin, mache ich mich mit dem Bus auf den Weg ins La Negracha , der – wie ich später erfahre- größten Milonga der Stadt. Die südamerikanischen Männer am Eingang sind mir als unbekannter Besucherin gegenüber eher indifferent bis unfreundlich und der Eintritt mit 12£ macht mich bereits missmutig, auch wenn es zwei Tanzflächen gibt, auf denen ich kaum gute Tänzer entdecken kann und mich frage, mit welcher Berechtigung die Leute hier eher etwas abgehoben daher zu kommen scheinen.
Nach einer halben Stunde sehe ich Dominique in Anzug mit suchendem Blick eintreten. Er trägt den Anzug vom Vorabend und mit offener Jacke und beiden Hände in den Hosentaschen läuft er Kaugummi kauend wie seinerzeit Robert Redford als der große Gatsby an der Tanzfläche entlang und einige Stufen die mir gegenüberliegende kleine Tribüne hinauf und schaut weiterhin suchend über die Tanzfläche. Ich vermeide es zu winken, weil mir das alles wie eine alberne Farce erscheint und ich innerlich lachen und nach außen lächeln muss über diesen Auftritt, mit dem ich nicht wirklich in Zusammenhang gebracht werden möchte. Ich stehe weiter an der kleinen Bär, wo ich mein wirklich überteuertes alkoholfreies Bier trinke und abwarte ,was passiert und sehe, wie er eine Frau auffordert und mich dann nach einer halben Runde entdeckt und mir eine Begrüßung von weitem mit den Augen andeutet. Ich merke, ich fühle mich nicht wohl hier und sehne mich nach dem schönen Tangonachmittag in so wirklich freundlicher Umgebung meines ersten Besuchs zurück.
Wenig später kommt Dominique zu mir herüber und wir gehen gemeinsam hinunter zu der Tanzfläche mit den modernen Tangos und er führt mich einige Tänze und dann plaudern wir noch etwas und da es schon spät ist, breche ich ein wenig zu seinem Unverständnis bald auf. Ich werde am nächsten Tag schon um 9.30h losfahren und geschätzt 12 Stunden unterwegs sein und bin schon jetzt erschöpft vom Schlafmangel und viel zu späten Zubettgehen. Ich laufe nach seiner Beschreibung zum Leicestersquare und steige dort in den Bus, der mich fast ganz bis in die Agincourt Road bringt und schlafe gegen 1.00h endlich ein.

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Camden Town

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Skulptur an der Themse

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Tate Britain

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Ansicht gegenüberliegendes Ufer Themse (von Tate Britain aus)

Eindrücke aus der Tate Britain

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