Ein Jahr danach oder wie mich Agnes Obel rettete

Seit meiner Kindheit habe ich ein kleines Handicap : Ich leide unter Panikattacken oder besser gesagt ich litt darunter, bis ich vor etwa 13 Jahren eine Verhaltenstherapie machte.

Ich konnte keinen Fahrstuhl fahren, S- oder U- Bahntunnel bereiteten mir unendliche Probleme. Regelmäßig blieb die U 7 im Tunnel zwischen Mehringdamm und Möckernbrücke mit mir stecken. Vornehmlich, wenn die Wagen eh schon zum Bersten  mit Schulklassen gefüllt oder Kitas mit kleinen Schreihälsen unterwegs waren. Als hätte die U-Bahn nur auf mich gewartet. “ Siehst du , da ist sie wieder, du entkommst ihr nicht – dieser verflixten Angst.

Einmal fuhr ich mit einer früheren Freundin auf der Linie 1 und die Bahn blieb kurz vorm Kotti einfach stehen und bewegte sich gefühlt 30 Minuten(es waren nicht mal 10) keinen Millimeter – keine Ansage – nichts, was mich hätte beruhigen können. Ich starrte auf die kleinen Klappfenster, als boten sie mir die ersehnte Fluchtmöglichkeit . Mein Kehle fühlte sich merklich enger an und ich wurde immer unruhiger.

Meine Freundin  blieb gelassen, fragte mich, was denn schon passieren solle. “ keine Ahnung „erwiderte ich etwas ungehalten, als sie in betont ruppigem Berliner Jargon erwiderte: “ ja meinste, du stirbst jetz inna Ubahn oder was?“ Ich brach in Lachen aus,mein kurzes befreiendes lachen. So hatte ich mir das noch gar nicht überlegt. Aber die Vorstellung vor dem Kottbusser Tor stehend in der U-Bahn eingeschlossen zu sterben, fand ich so dermaßen absurd, dass ich meine Panik in dem Moment selbst nicht mehr ernst nehmen konnte.
Kurz darauf setzte sich der Zug in Bewegung und ich stieg trotzdem aus, ich fühlte mich gestresst.

Mit zunehmendem Alter machten mir die Panikattacken körperlich mehr zu schaffen.

Irgendwann musste ich dann doch aus verschiedenen Gründen zu einem Therapeuten , den mir meine damalige Ärztin empfahl. Innerhalb von zwei Wochen fuhr ich wieder S- und  U-Bahn und auch Fahrstuhl – den im Steglitzer Kreisel so oft hoch und runter, bis mir schlecht wurde. Dann den Fernsehturm – in der Nacht davor konnte ich nicht schlafen. Ich durchforstete stundenlang das Internet nach einem Fluchtweg aus dem Gebäude, sollte der Fahrstuhl ausfallen. Je länger ich recherchierte, desto mehr erschien mir der Fernsehturm wie ein riesiger Phallus aus Stein. Oh Mann, gab’s da noch ein anderes Problem? Doch davon wollte ich gar nicht wissen.

Ich meisterte auch diesen Ausflug und galt als weitgehend geheilt. Natürlich vermied ich es weiterhin, OFT mit der Bahn zu fahren. Ich hatte Zora stets und ständig dabei und somit auch als Ausrede, mit dem Auto fahren zu müssen.

Bis sie letztes Jahr starb. Und ich einfach losfuhr mit ihrer Asche im Gepäck, mit meinen Ängsten und meinem Schmerz. Mich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang begab.
Ich glaub, es gab einige, die Angst um mich hatten. Ich hatte keine Angst mehr, mir war alles egal. Was sollte noch schlimmeres passieren Ich war so unendlich traurig und fühlte mich doch unabhängig und stark zugleich.
Es hat sich nicht so sehr viel an diesen Gefühlen geändert. Die Trauer dauert an- wie sollte es anders sein nach der langen Zeit mit ihr. Die Intervalle zwischen den  wiederkehrenden Weinanfällen haben sich vergrößert.

Vorgestern war es ein Jahr her, dass Zora gestorben ist. Kalendarisch.
Zora wurde an einem Montag eingeschläfert. Die Süssnase. Ich vermisse sie sehr.
Vorgestern war Dienstag. Meine beste Freundin von allen machte einen sehr liebevollen Vorschlag: wir wollten uns im Garten treffen, wo Zora ihre letzten Tage mit mir verbracht hatte. Ich fand es rührend.
Ich hatte schon am Montag um sie getrauert und auch im Beisein einiger Menschen, die ich regelmäßig sehe, um auch solche Themen zu besprechen.
Am Dienstag war ich wieder ganz in Funktion, ich hatte am Morgen beim Meditieren um sie geweint. Ihre Asche steht mit einem Foto auf meinem Fensterbrett im Schlafzimmer. Manchmal nehme ich das Foto in die Hand und halte es an meine Nase, um sie zu riechen. Manchmal streichel ich ihre Ohren. So als wäre sie noch da und das Verrückte ist, ich kann diese Berührungen immer noch spüren und habe ihren Geruch in der Nase.
An diesem Dienstag im Garten mit meiner Freundin war ich ungefähr 15 und fast 50 zugleich. Ich war tapfer. Auch meine Freundin durfte meine Trauer nicht spüren. Niemand darf so nah an mich heran seitdem. Es ist, als würde ich dann zerbrechen. Mein kleines Glashaus. Ich muss und möchte ihr noch eine Weile treu bleiben.
Es geht um weit mehr als diesen wunderbaren Hund. Es geht auch ums Erwachsenwerden. Um das Loslassen alter Ängste, von denen ich mich viel zu lange habe in einem Käfig gefangen halten lassen.

Ich sitze in der Bahn auf dem Weg zu einem Tangofefstival im Rheinland. Ich treffe dort eine Freundin, und ich freue mich aufs tanzen.
Als ich in den Zug einstieg, schreckten mich schon die vielen Menschen auf dem Bahnsteig.Überhaupt schien mir heute alles ein wenig eng zu sein, die Jeans, der Schal, die Jacke. Ich hatte nicht reserviert. Und fand einen Platz an einem Vierertisch – entgegen der Fahrtrichtung.
Ich kann nicht entgegen der Fahrtrichtung sitzen, schiesst es mir sofort durch den Kopf. Ich mag aber nicht weiter suchen und entscheide, sitzen zu bleiben. Spandau kommt näher und es fühlt sich alles immer enger an. Neben mir ein junger Typ mit Kopfhörer und Spiegelbrille. Er nimmt seine Sachen genervt vom Sitz. Als wir Spandau verlassen und meine Gedanken ständig um die ununterbrochene 90minütige Weiterfahrt kreisen,merke ich, wie sie wieder da ist- diese beschissene Angst, die mir den Hals zuschnürt. Ich spüre in mich hinein und überlege, welcher Anteil da grad Angst hat. Meine Nase fühlt sich verstopft an, mein Hals wird eng. Gleich muss ich hier raus und kann nicht.
Es ist nur in meinem Kopf, sage ich mir die ganze Zeit. Tränen schießen mir in die Augen , als ich den Kopfhörer aufsetze. Ich suche nach Musik, die mich woanders hinträgt. Agnes Obel….ganz neu, aus meinem neuen Leben mit neuer Freiheit und anderen Menschen.
Einen kleinen Moment noch und dann kann ich atmen und fühle die Musik. Fühle den ganzen Schmerz, die Trauer. Ich denke an den Todestag, ich denke an meine beste Freundin von allen, ich denke an all die lieben Menschen um mich herum, an das unendliche Glück über diese unglaubliche Freiheit, die ich habe.
ich kann jetzt reisen- ohne Angst.
Etwas später  lese ich die Todesanzeigen in einem alten Tagesspiegel. 55 Jahre, Gisela …Lehrerin. 64 Jahre, Dr. soundso, Spezialist für….,zu früh aus dem Leben geschieden usw….
ich lege die Zeitung weg. Ich werde 50 in ein paar Wochen. Jeder Tag ist ein Geschenk – so oder so.
wieder laufen mir Tränen übers Gesicht. Es ist mir jetzt egal, ob die anderen Reisenden das sehen.
Ich bin glücklich und dankbar. Und alles nur wegen der schönen Musik von Agnes Obel, die mir gerade hilft, wieder in das Leben verliebt zu sein. Und das ist schön!

P.S. Ich habe vorgestern einen Flug zu einem Tangofestival gebucht -Oslo! Ich bin aufgeregt und freu mich wie verrückt.

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