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28. September – Wann hört es auf so weh zu tun

Es ist Sonntag, die Marathonläufer sind bereits gestartet. Ich liege in meinem Bett und genieße die Sonne, die mir direkt ins Gesicht scheint und trinke Tee.

Irgendwann komme ich auf die Idee, meinen Ipod an die Lautsprecherkabel anzudocken und wähle eines meiner Lieblingsstücke von Mozart aus, gesungen von einer Sopranistin. Nicht, dass ich es nicht hätte ahnen können, denn die Musik berührt mich sehr viel tiefer als es irgend ein Mensch in meiner Umgebung zur Zeit überhaupt annähernd könnte. Und so öffnen sich die Schleusen und ich sehe wieder die Bilder vor mir: Vor zwei Jahren stand ich mit meiner Freundin und Zora auf dem Mittelstreifen am Yorckschlösschen und applaudierte den Marathonläufern, während ich immer wieder nach Zora sah und sie zwischen in die Hände klatschen und anfeuern mit Kastanien bespaßte. Seit ein paar Wochen liegen wieder überall die Kastanien auf den Wegen. Normalerweise liebe ich Kastanien und freu mich über diese kleinen braunen, nackten Kugeln, wenn sie wie frisch geschlüpft am Boden glänzend herumliegen. Doch seit Zoras Tod treiben mir alle Dinge, die ich auf der Straße so entdecke und mit denen sie gespielt hat, einfach nur die Tränen in die Augen und oft geh oder fahre ich rasch weiter und schüttle die Erinnerung ab.

Sie konnte das wirklich gut: egal wie es ihr ging, egal welches Wetter, egal welche Uhrzeit , sie fand immer etwas zum Spielen und machte aus allen Situationen wirklich das Beste. Es war ein ständiges Lernerlebnis für mich, zu staunen und mich zu freuen, wie sie eine von den türkischen Nüssen in der Gneisenaustraße am Baum fand und abwechselnd dieses kleine Gestrüpp und mich anblickte und auf mein ‚Ok‘ wartete. Wenn ich nicht zustimmte, blieb sie oft einfach stehen und bellte irgendwann fordernd meine Zustimmung ein, weil das einfach so war zwischen uns – das war das Spiel und es war schön, wir waren ein Team.

Zora hatte eine ganze Kastanien- und Walnusssammlung in meiner Wohnung. Wenn jemand zu Besuch kam, wusste sie, dass sie nicht bellen oder heulen sollte und das erste, was sie dann tat, war sich eine Walnuss oder eine Kastanie zu holen und wie eine heiße Kartoffel im Maul zu behalten und ein halb verschlucktes ‚huuuuuuu‘ auszustoßen. Meine Freunde kannten das schon und oft, wenn sie schon zum Bellen oder Heulen anhob, fragte einer von uns: ‚Zora, wo ist die Nuss?‘ und schon begann sie hektisch zu suchen und war hin- und hergerissen zwischen begrüßen wollen und zunächst ihre einstudierte Vorbereitung mit der Nuss zu erledigen.

Auf dem Weg zum Park versteckte ich einige an Gebüschen oder in diesen hässlichen runden Blumenkübeln am Mehringdamm. Und sie erinnerte sich immer, wo sie waren, auch wenn ich manches Versteck schon längst vergessen hatte. Ich war immer verwundert, dass sie als Stadthund diese Urinstinkte trotzdem so verinnerlicht hatte.

Neulich war ich das erste Mal allein – ohne Hund – in der Hasenheide. Ich lief an dem Hundeauslauf vorbei, freute mich über die spielenden Vierbeiner, doch stellte wie immer fest, dass ich keinen Hund mehr möchte. Ich will nur Zora zurückhaben, merke ich dann in meinem kindlichen Gemüt, wie ich es empfinde und gehe weiter. Der Streichelzoo war eine schöne Ablenkung und ich blieb lange in der Sonne bei den Rehen sitzen, von denen einige sogar ganz handzahm waren und sich berühren ließen. Das hab ich sehr genossen.
Auf dem Rückweg fuhr ich dann allerdings noch übers Tempelhofer Feld, wo wir auch oft waren, um dem Kreuzberger Lärm einfach mal kurz zu entfliehen. Das war dann doch etwas zu viel an Selbstüberwindung, denn als ich am Minigolfplatz vorbeikam, sah ich sie wieder dort lang trotten und schon wieder musste ich heulen.

Dieser Hund war überall mit mir, egal wohin ich ging, ob zum Tango im Monbijoupark oder an den See oder einkaufen. Sie war einfach überall und stets bei mir. In diesen Momenten wie heute morgen, wo ich diese Musik höre und mir die Szenen ihrer letzten paar Stunden wieder in den Sinn kommen und ich so bitterlich weinen muss, denke ich manchmal, ich halte diesen Schmerz nicht aus. Inzwischen hab ich aber begriffen, dass es einfach zu meiner Trauer dazu gehört und erinnere mich in diesen wirklich kaum erträglichen Momenten, wenn es gar nicht aufhören will, dass es irgendwann immer vorbeigeht und ich mich wieder besser fühle und etwas anderes tun kann.

Trotzdem frag ich mich dann stets, wann hört es auf, so weh  zu tun?

Und dann schalte ich die Musik nach dem so berührenden Lied aus und steh auf, um den Marathonläufern zu winken und sie anzufeuern und davon berührt zu sein, wie sie diesen langen, anstrengenden Weg meistern. Und mich dann wieder zu freuen, dass ich Zora hatte und so wie die Läufer weitermache – trotz alledem.

Calias-Dover-London

Kennt Ihr noch Fred Feuerstein, wenn er YappaDappaDuh rief? So in etwa ging es mir heute auf der Fähre. Einfach nur große Freude und eine sehr entspannte Überfahrt. Die erwartete Angst blieb einfach aus -Juhuu!!! Angstfreies Reisen ist jetzt auch möglich!!!! Für manche mag das albern klingen, aber für die, die mich besser kennen sicher ein nachvollziehbarer Grund zum Feiern.
Ich bin so sehr stolz auf mich, dass ich die Reise trotzdem mache. Vielleicht ist das auch einfach bitter nötig, um mir zu beweisen, dass ich es kann, dass es weiter geht.
Wie oft habe ich gedacht, wenn Zora geht, geh ich gleich hinterher.
Für manchen Nicht-Tierbesitzer sicher absurd – doch Zora war ja einfach überall dabei. Wie oft hat sie die Herzen der Menschen geöffnet, die sie sahen? Die Fahrt nach Calais an Oostende und Brügge vorbei und der Blick auf die schönen saftigen Wiesen Belgiens trieb mir immer wieder die Tränen in die Augen, denn vor fast genau einem Jahr war ich mit Zora in Oostende im Urlaub. Ich hab mich heute auf der Fahrt nach Calais dabei ertappt, wie meine Hand nach hinten zur Rückbank wandert, wo Zora immer saß oder lag und ich sie entweder streichelte und sie ihren Kopf in meine Hand legte oder meine Hand ableckte – nicht nur wenn ich ihr von meinem guten Ziegenkäsebrot ein Stück abriss.
Es ist immer wieder wie eine Trennung von einem geliebten Menschen, einer innigen Liebesbeziehung, die zu Ende gegangen ist – nur hier absolut ohne Chance eines in diesem Fall ersehnten Wiedersehens.

Vorhin lief ich noch durch meine Weekend Umgebung in Greater London. Ich wohne hier in Plumstead , einem Arbeiterviertel. Ich bin nun schon fast 33 Jahre Kreuzbergerin und vor allem Berlinerin , aber hier hatte ich heute zum ersten Mal ein wenig Angst. Dabei wurde mir natürlich auch wieder klar, dass mir Zoras beeindruckendes Auftreten an meiner Seite sehr fehlt und so hatte ich plötzlich wieder das Bedürfnis, schnell in meine Unterkunft zurück zu eilen,um bei ihr zu sein-aber sie ist ja gar nicht da:weder zum Anfassen noch zumB eschützen. Meine Kamera half mir, diesen Moment zu überwinden und so fotografierte ich, denn die Leute, die hier leben, haben so eine Ausstrahlung von unglaublicher Würde.
Ich musste Zora jetzt auch wieder aus dem Auto holen – es fühlt sich einfach stimmiger an, wenn sie hier bei mir ist-in ihrer Urne.

Und bei all der immer wieder durchwachsenden Trauer ist da auch dieses starke Gefühl, dass das Leben noch andere Überraschungen und Wege für mich bereithält und dass ich einfach nur losgehen muss und dann werde ich schon sehen, wohin es mich führt….
In diesem Sinne hier noch einige Eindrücke vom heutigen Tage:

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2.Mai the Last Journey noch Gent kurz vor Calais

Am Morgen ist es am schlimmsten.Jeder Tag beginnt mit diesem flauen Gefühl und der stetigen Selbstversicherung, dass sie nicht greifbar da ist, mich nicht gleich diese schönen braunen Augen ansehen werden und kein Seufzen oder ein freudiges Hmpf mein Ohr erreichen wird. Ich öffne die Terrassentür und sehe sie freudig rauslaufen, schnuppern und pieseln. Es ist so unfassbar, dass jetzt jeder Tag ohne sie sein wird.
Ute hat geschrieben,die viele Anteilnahme tut mir gut.

Die Fähre steht mir bevor-auweia. Das letzte Mal vor über 20 Jahren mit Gabi in meinem roten Fiat Panda. Unmittelbar auf dem Fährplatz steig ich aus dem Auto aus und sage, sie möchte allein übersetzen, ich hätte zuviel Angst. Es war damals noch eins von diesen beeindruckenden Luftkissenbooten, eine Hoverspeed, deren Verkehr leider eingestellt wurde. Und es waren ja „nur“ 30 Minuten mit einer Selter in der einen und Gabis Hand in meiner anderen. Das der Körper und der Geist den unangenehmen Teil der Aufgeregtheit speichern, finde ich gerade lästig. Aber das letzte Mal hab ich es ja auch geschafft und London soll doch einige nette Milongas bieten…also los gehts.

Noch kurz am Rande: die WLAN Verbindung ist etwas knauserig hier, also muss ich sehr häufig zum erneuten Verbinden in den Flur des Hotels gehen. Das sieht dann etwa so aus wie oben…

1.Mai 2014 the last journey – GENT

Heute morgen fast pünktliche Abfahrt (7.30 statt geplant 7.00h, mein Zeitmanangement möchte ich gern verbessern,aber so früh am Morgen nach diesen anstrengenden Tagen…..)Mehringdamm Richtung Antwerpen und Gent. Habe zwei sehr nette verständnisvolle Mitfahrer: Jens aus Antwerpen und Stefanie aus Neuwied/Bogota – beide Mitte 20. Sympathisch, mutig,-machen das, was Ihnen Spaß macht scheinbar ohne Existenzängste. Warum habe ich immer welche und wozu, frage ich mich laut. Er ist Philosoph, sie angehende Tänzerin – ein junges Paar aus einer WG in Neukölln.
Die Gespräche sind sympathisch, erfrischend – endlich mal wieder jemand, der Elias Canettis „Das Gewissen der Worte“ kennt. Oops – aber dann gleich auch noch seine Autobiografie…“von der geräderten Zunge“..wir erfreuen uns beide an der Wortschöpfung, wobei ich inhaltlich sofort passen muss. Er erinnert mich an Stefan Neumann, meinen ersten „Freund“, ein vergleichender Literaturwissenschaftler, der mich mit Zitaten aus einer Bücherwand total beeindrucken konnte.
Irgendwann fragt Stefanie, wo ist eigentlich Dein Hund? Und deutet auf meine Stapel hinter dem Fahrersitz. Jens und ich sind uns nicht sicher , ob sie es richtig verstanden hat.
„Na, in dem Karton ist eine rote Holz-Urne, da ist sie drin“ und zeige ihr ein Foto von Zora. Sie staunt und ist beeindruckt von Zoras intensivem Blick. Ich erzähle die eine oder andere Anekdote von ihr, wie gut sie auf meine Kommandos hörte und auf Bestellung ‚Pipi‘ machen konnte. Ich kannte sie , seit sie 5 Tage auf der Welt war…
Nach fast 8 Std Fahrt erreichen wir Antwerpen und die beiden steigen an einer Bushaltestelle aus. Vorbei die schöne Ablenkung. Und meine Gedanken holen mich wieder ein. Hab ich vielleicht doch Schuld an Zoras Tod? Hätte ich früher zum Tierarzt gehen sollen?
Tränenströme überfluten mich – passend zum ebenfalls plötzlich einsetzenden Platzregen – meine Freundinnen beruhigen mich telefonisch. Ich kann mich wieder fangen und erreiche mein schickes kleines Hotel in Gent….Hier ein paar Eindrücke

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