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15. Mai The Last Journey Silversmith and St. Ives

Am Morgen sind alle schon ausgeflogen, als ich mir Frühstück mache, doch Sam kommt kurz zurück, da sie etwas vergessen hat. Wir begrüßen uns und dann nimmt Sam ihre gekochten Eier und tritt an mich heran und sagt: Patricia, könntest Du bitte versuchen, heute zu Tiffany nicht grob zu sein? Und ich frage, ob es Tiffany nicht gut ginge oder ob etwas passiert sei und sie erklärt, nein es ginge nur darum, dass Tiffany sie heute morgen aufgeregt angesprochen hätte, ob sie (Sam) mir alles richtig erklärt habe und dass ich nicht sofort ausziehen müsste und dass es doch nur darum ginge, dass ich den ganzen Sommer über dort bliebe. Und ich sage, dass ich mir auch Gedanken gemacht hätte, ob ich vielleicht am Vortag zu scharf gewesen sei und wir redeten und mir kommen mal wieder die Tränen – sonst bin ich ja nicht so nahe am Wasser gebaut, doch das große Weinen begann ja schon vor einem Jahr in meinem Urlaub an Belgiens Küste, als Zoras Gesundheitszustand sich zusehends verschlechterte , und mich schmerzlich die Erkenntnis traf, dass ich wohl nun mehr auf sie denn sie auf mich aufpassen müsste.
Wir reden und ich sage ihr, dass mich das traurig macht, dass ihre Schwester und ich nicht so gut miteinander können aber dass das eben vorkommt und Sam drückt mich mal kurz und sagt, es wäre doch schade, wenn ich jetzt einfach fahre, weil ich doch bisher eine gute Zeit dort hatte und das stimmt.
Ich schlage vor, sie solle doch besser mit Tiffany sprechen. Sam hatte ihr wohl auch schon meine zur Zeit schwierige Situation erklärt und richtig erkannt und weitergegeben, dass diese Information vom Vortag einfach ein Tröpfchen zu viel war für mich. Nicht dass mir das nicht ähnlich sähe, dass ich vielleicht eine kleine Spitze werfe, wenn ich eigentlich zutiefst verletzt bin, doch ich hatte nach wie vor das Gefühl, dass am Vortag nicht wirklich mit offenen Karten gespielt worden war.Und da ich oft ein Gespür für die verborgenen Dinge habe, die Menschen nicht gern preisgeben, blieb ich innerlich dabei. Es wäre für mich völlig ok gewesen, wenn sie es wegen des Geldes lieber an Airbnb Gäste vermieten; ganz ehrlich könnten sie, wenn sie es für die Restaurierung und Reparatur des Hauses nutzen würden, Hunderte von Gästen gut gebrauchen. Doch selbst wenn sie es für etwas anderes verwendeten, wäre es mir egal.
Es geht mir nur um Ehrlichkeit und dass es nicht so ein Gefühl des hinterm Rücken ist, doch es ist vielleicht nicht jedermanns Sache, so offen wie ich zu sein, auch das habe ich inzwischen begriffen, wenngleich ich oft nicht nachvollziehen kann, weshalb anderen Menschen ihre ursprünglichen Motivationen nicht so klar sind wie ich es selbst oft bei mir erkennen kann. So wie ich gestern schon dachte, hoffentlich ist es kein Stellvertreterdrama, das ich innerlich und irgendwie dann auch ein bißchen im Außen austrage und so dann eben auf meiner Pilgerstrecke -so nenne ich das manchmal bei mir, wenn ich die Trauer ablaufe – meine innersten Bewegungen nach außen tragen konnte .
Als Sam das Haus verließ, muss ich trotzdem laut auflachen bei der Erinnerung, dass sie mich bittet, zu ihrer Schwester nicht grob zu sein – ich fand, ich hatte auch so eine Schwester verdient, die Tiffany sagt, dass sie etwas netter sein sollte.

Ich mache ich also auf den Weg zu Chris, denn heute ist der große Tag: ein kleiner Teil Zoras Asche soll in den Ring gefüllt werden. Wie aufregend! Ich halte eine Art Zwiesprache mit ihr und ich glaube, sie ist mal wieder recht entspannt und denkt sich, was diese ganze Angelegenheit wohl soll, doch sie fühlt sich wohl, habe ich das Gefühl als wir auf dem Weg sind.
Auch als ich sie bei Chris auf den Tisch stelle, habe ich ein gutes Gefühl und finde alles stimmig. Ich erzähle ein wenig von den kleinen Differenzen und meiner Bewerbung und Chris bietet mir sofort ihr kleines Cottage um selben Preis an wie ich mein Zimmer hier gemietet habe. Wie lieb und ich muss sie umarmen. Natürlich sehe ich auch, dass es zur Zeit eh nicht vermietet ist und dass die Lage strategisch ungünstig ist, um beispielsweise durchfahrende Urlauber anzuziehen. Aber ich weiss auch, dass sie es nicht wirklich nötig haben, dass sie gut versorgt sind. Und ich bin sehr dankbar für das freibleibende Angebot.
Wir machen uns an den Ring; dieser ist wunderschön aber sehr wuchtig geworden und leider auch zu groß. Doch das ist wirklich meine Schuld, denn ich habe sie überredet, ihn größer zu machen, nachdem ich den „Rohentwurf“ anprobiert hatte. Und so muss sie ihn aufsägen und ihn kleiner machen. Ich entschuldige mich, sie entschuldigt sich. Sie zeigt mir noch das Cottage und sagte, dass sie es noch putzen müsste und ich lehne das dankend ab und es geht eine Weile hin und her, bis ich sie überzeugt habe, dass ich es lieber selbst putzen würde, weil mich das immer gedanklich etwas befreit. Und sie überlässt es mir, ob ich dort einziehe oder nicht. ich finde das alles sehr großzügig und bedanke mich abermals und mach mich auf den Weg zum Poetry Slam nach St. Ives und versprechen gegen 18h wiederzukommen und die Ringfüllung mit ihr zusammen zu machen.

Auf dem Weg nach St.Ives nehme ich einen Umweg über St.Just, einem Anfang des 19. Jh den seinerzeit umliegenden Bergbauminen als Ballungszentrum dienenden Ort etwas oberhalb von Lands End und mehr oder weniger auf gleicher Höhe mit Cape Cornwall, das früher als westlichster Punkt auf der Landkarte galt und das einzige Kap, an dem zwei Ozeane aufeinandertreffen.
Es ist ein schöner kleiner Ort und ich fahre nur einmal kurz durch und beschließe, mir dafür mehr Zeit zu nehmen und an einem anderen Tag wiederzukommen. Die Strecke nach St. Ives führt an der Küste entlang und ich komme an alten Minen vorbei. Mir wird klar, dass ich die kürzere Strecke nehmen muss über Penzance, da ich es ansonsten keinesfalls zum Poetry Slam schaffen werde und so biege ich ab und bin etwa 20 Minuten später auf einem Parkplatz in St. Ives, der mir entsetzlich weit vom Geschehen weg erscheint. Und so frage ich ein Ehepaar, das gerade ins Auto steigt und einen Plan in Händen hält, ob sie wüssten, wo das Norwegerviertel sei. Sie wissen es nicht genau aber vermuten, es sei auf der anderen Seite in der Nähe von der Tate St.Ives. Und ich müsste den Hügel runter und wieder hinauf und ich könnte aber auch einen der Busse nehmen. Das erscheint mir alles zu knapp in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit und so frage ich zwei junge Männer nach einem Parkplatz näher am Zentrum und sie empfehlen mir die Trainstation und ich erinnere mich, dass ich vor zwei Tagen , als ich mit der Küsteneisenbahn gekommen bin über einen großen Parkplatz gelaufen bin.Ich bedanke mich und fahre wieder los in Richtung Town Centre und entdecke dort auch gleich einen versteckten Parkplatz und finde tatsächlich auch noch einen freien Platz. Das Wetter ist traumhaft und so eilen Menschenmengen in das Künstlerparadies und die Parkplätze sind an den bekannten Plätzen regelrecht überlastet, dafür an anderen Stellen vergleichsweise leer.
Es braucht eine Weile, bis ich jemanden finde, der mir wirklich den richtigen Weg weisen kann. Doch dann nach dem dritten Anlauf beim Visitor’s shop der Tates Gallery St.Ives finde ich endlich den Norway Square und auch die Poeten vor Ort Ort. Es ist ein lauschiger kleiner Platz zwischen den Häusern, im Rücken finde ich die St.Ives School of Painting und vor mir eine Gallery, die Artists United of St. Ives oder ähnliches. In der Mitte also ein kleiner quadratischer Platz von kleinen Bäumen und Blumenkästen umsäumt und dort stehen einige Reihen mit Stühlen und ich sehe eine Frau mit langen grauen Haaren, einem weiten orangefarbenen Hemd d sie wirkt ein wenig wie jemand aus der Studentenbewegung aus den 1968ern. Das ist mir sympathisch, denn bis auf die Touristen, die ich an dem Staunen vor den Schaufenstern und in den Gassen zu erkennen meine oder weil sie wie ich eine Kamera um den Hals tragen, sind hier eigentlich die meisten sehr lässig gekleidet – eine Künstlerstädtchen eben.
Da sehe ich auch Bob Devereaux, den Veranstalter des jährlichen Literaturfestivals in St. Ives. Ich traf ihn schon vor zwei Tagen im St.Ives Arts Club und er rezitierte mir einige seiner Kunstwerke und erklärte mir deren Hintergründe. Er ist so voller Freude und Stolz auf dieses kleine Festival, das er mich im Vorbeigehen gar nicht bemerkt, doch das ist nicht schlimm. Er hatte mir vorgestern schon so viel über St.Ives und die Geschichte der Künstler erzählt und das war sehr sehr spannend – doch das krieg ich nicht mehr alles zusammen., denn es führte bis Ende des 19. Jh zurück und dauerte mindestens zwei Stunden.
Die Autoren scheinen sich aus Amateuren und bekannteren Dichtern und Autoren zusammenzusetzen. Es ist ein wahrer Genuss, manchen zu lauschen, die Betonung im Englischen ist irgendwie ähnlich doch auch wieder ganz anders. Man könnte sagen, es ist als zögen sie ihrer Intonation mit weichen Bleistiften klare Linien und auch Kurven, doch alles wirkt glasklar und dennoch zart und berührend.
Das Gedicht einer blonden Frau weit in ihren Fünfzigern berührt mich besonders. Sie beginnt damit, dass es eine wahre Geschichte ist und dann spricht sie von der Bucht in Sennen, über der ich letzte Woche auch gesessen und bitterlich um Zora weinte, und sie erzählt vom Meer und von den Wellen und der Kraft und wie sich sich hineinstürzt und taucht und wie plötzlich die Delfine um sie herum schwimmen und tanzen, als hörten sie Musik, die sie nicht wahrnehmen kann. Und wie sie das erzählt und in Worte kleidet, ist so wunderschön, das ich eine Gänsehaut bekomme.
Zwischen den Dichtern spielt immer jemand Gitarre und singt oder ein Duo tritt nach vorne, das Klarinette und Ukulele spielt und singt. Es ist alles sehr entspannt, sehr freundlich und wohlwollend und die Sonne scheint dazu. Ich fühle mich wohl und bin erneut dankbar, dabei sein zu können.

Die kleine Veranstaltung neigt sich schon etwas dem Ende zu, als ich das Bedürfnis verspüre, mir die St.Ives School of Painting genauer anzusehen. Ich gehe hinein und sehe, dass sie eine kleine Stelle offen haben und dass sie Leute suchen für geführte Touren durch St.Ives. Da ist ein kleines Büro und ich gehe einfach durch die Tür daneben und nach oben zu den Ateliers, wie ich herausfinde. Schon immer hab ich es genossen, in Ateliers herumzustöbern, einfach den Geruch der Kreativität und Weite wahrzunehmen, der Farben und das Licht in den Räumen aufzusaugen. Wie oft habe ich mir gewünscht, malen zu können und habe mich nie getraut. Erst vor gut dreieinhalb Jahren führten mich günstige Umstände zu der Entdeckung, dass das Arbeiten mit Farben viel ursprünglicher, näher an den Gefühlen dran als viele meiner Worte, mithilfe derer ich seit meinem 13. Lebensjahr immer wieder versucht hatte, Bilder mit Worten zu malen.
Was ich mache, würde ich jedoch nicht malen nennen, sondern eher experimentieren mit Farben und das mache ich eher selten, doch es bringt mich stets zu einer tiefen inneren Ruhe.
Ich hatte großes Glück, eine befreundete Grafikerin zu treffen, die mich darin bestärkt und mich sehr unterstützt hat d mich mit Farben und Pinseln,Leinwänden,Papier, Kartons – kurz sämtlichen Utensilien ausgestattet hat, die man dafür so braucht, um sich mal auszuprobieren.

Das Atelier zu meiner Rechten ist leer und ich trau mich nicht wirklich, es in Ruhe zu inspizieren. Es ist ein mittelgroßer Raum ganz in weiss und mit Fenstern, die einen unmittelbaren Blick aufs Meer gewähren. Wieder so ein Moment, in dem ich das Gefühl habe, Generationen von Malern in diesem Raum zu spüren, die von dieser Aussicht inspiriert worden sind.

Zu meiner Linken findet sich ein Atelier mit ein paar Leuten darin, die an Leinwänden oder an Tischen konzentriert und in Stille arbeiten und ich möchte mich am liebsten dazu setzen und auch mit Farben etwas machen, mich ausdrücken, genießen und zur Ruhe kommen. Doch es ist ein Kurs, wie mir eine dr Anwesenden mit starkem deutschen Akzent auf englisch erklärt und ich könnte unten im Büro mal nachfragen. Einige Momente später tue ich genau das und die Lady im Office erklärt mir, dass man als Kursteilnehmer alles nutzen darf und dass am Montag ein Kurs startet, der irgendwie draußen stattfindet und experimentiert in der Natur und als ich sage, ich wüsste nicht, ob ich mir das zutraue, ermuntert sie mich. Die Kurse scheinen mir mit mindestens 240£ nicht preiswert zu sein, andererseits habe ich keinen wirklichen Vergleich und wenn ich an die Materialkosten denke und an das Honorar für den Lehrer ist es vielleicht doch nicht so viel. Ich rechne die Preise häufig in Übernachtungen um und überlege, bevor ich das Geld ausgebe, wie viele Übernachtungen ich damit vergeuden könnte, die ich lieber hier verbringen würde. Darüberhinaus hängt es natürlich sehr vom Wetter ab, doch es ließe sich wohl nötigenfalls auch spontan einrichten, soweit ich es richtig verstehe.
Ich verlasse die St.Ives School und gehe nochmal über die kleine Straße zum Norway Square, wo eine andere sympathische Frau gerade ihr Gedicht vorträgt. Das macht sie ganz wunderbar und sie ist so aufgeregt, dass das Papier in ihren Händen mit ihnen gemeinsam zittert und das rührt mich so sehr, dass ich mich kaum auf das gesprochene Wort konzentrieren kann. Sie bekommt einen ebenfalls wohlwollenden Applaus und Bob lädt noch einmal zum anschließenden Cafe auf der anderen Seite im Arts Club ein. Doch ich bekomme Hunger und so mache ich mich auf den Weg in Richtung town centre und halte Ausschau nach Leckereien.
Ich finde mein Feinkostgeschäft von vergangener Woche wieder und so kaufe ich dort wieder das letzte Vollkornbrot und nehme noch ein Stück Walnusskuchen dazu. Weiter unten am Strand tummeln sich die Touristen, sitzen in Cafes und da low tide (Ebbe) ist, kann man wunderbar am Strand entlang laufen und sich die vorübergehend gestrandeten Boote ansehen.

Die Sonne scheint, es ist herrlich warm und einige Menschen liegen am Strand, lesen, plaudern oder sonnen sich und scheinen infolge der leichten erfrischen Meeresbrise nicht zu bemerken, dass ihre Haut schon stark gerötet ist von der Sonne. Ich entferne mich weiter vom Trubel der umliegenden Cafes und klettere an einer Leiter über die Brücke und gehe auf die andere Seite, wo es zwar etwas windiger, dafür jedoch menschenleerer ist. Das herrliche klare blaugrüne Wasser lädt mich ein, meine Füße darin zu baden und so ziehe ich meine Schuhe aus und kremple die Hosenbeine hoch und geh schnurstracks ins kalte Wasser bis zu den Knien. Die Sonne meint es so gut, da ist es egal, dass die Jeans trotzdem nass wird und ich suche mir ein stilleres geschützteres Plätzchen und lege mich auf meine Weste und meinen Rucksack und genieße das Treiben der Wellen und des leichten Windes und falle in einen leichten Dämmerschlaf, so gleichmäßig und beruhigend sind all diese Geräusche für mich. Ich erinnere mich an die Ostsee mit Zora und Kathrin und wie mich jedesmal als erstes hingelegt und diese tiefe Entspannung gespürt habe und gleichsam in einen Dämmerschlaf versank, während Zora und Kathrin spielten. Und ich bin ein bißchen traurig wegen Zora, ein Mann ist gleich neben mir mit seinen Hunden am Strand und spielt mit ihnen und sie kläffen. Ich blinzle mit den Augen, um sie zu sehen und freue mich an dem Spaß, den sie haben, ins Wasser zu springen und Phantomsteinen nachzujagen.
Ich mache die Augen wieder zu und lausche dem immer näher kommendem Wasser und erkenne, dass mein Pläuschchen am Wasser gleich beendet ist, wenn ich nicht nass werden möchte. Ich erinnere mich, wie ich einmal nach Hamburg fuhr und mit Zora direkt an die Elbe ging und mich dort ebenfalls hinlegte in den Sand und Zora spielte und ich tatsächlich einschlief und erst von den Wellen, die nach und nach zurückkamen und mich umspülten geweckt wurde.

ich gehe nochmal durch town centre und besorge ein paar Kleinigkeiten und sehe die fortgeschrittene Zeit und eile zurück zum Auto. Das Parkticket ist schon abgelaufen und ich habe noch einen Besichtigungstermin für ein möbliertes Zimmer für den Fall, dass ich tatsächlich länger hierbleiben könnte.

ich habe nur eine Postleitzahl und nur den Namen von dem Cottage, das sie bewohnen.Jen und ihr Mann leben in Hendra Cottage in einer Art Wohnpark in der Nähe von Penzance aber es ist etwas anders als wir es in Deutschland kennen. Man stelle sich ein von bepflanzten Mauern umwachsenes Gelände vor, das eigentlich den Eindruck macht, als würde man die Zufahrt zu einem herrschaftlichen Landsitz hinauffahren. Vielleicht war es das früher auch einmal so. Vereinzelt stehen umsäumt von riesigen alten Bäumen und Wiesen mit Langgras alte stone cottages, das sind diese typischen alten englischen Häuser, die aus riesigen Steinen gebaut wurden, die aussehen,als wären sie mit Stroh vermengt. Nach etwa 100 Metern finde ich Hendra Cottage und sehe Jen und ihren Mann imm Garten werkeln. Ein nettes Ehepaar in ihren Fünfzigern, wir begrüßen uns und sie zeigt mir das Haus. Es ist alles sehr eng und im Vergleich zu meinem Standort in Porthcurno eher eng und das Zimmer, das sie mir zeigt, ist freundlich und hat jeweils ein Fenster an der linken Wand und gegenüber vom Bett auch noch eines. Wir kommen ins Gespräch und sie erzählt von dem alten Haus und dass sie aus der Nähe von London kommen und nachdem ihre Kinder erwachsen waren und sie neu geheiratet hat, sie hier aufs Land gezogen sind und dass sie nichts vermisst. Es ist sehr abgelegen und sehr ruhig hier und ihr Schlafzimmer ist gleich nebenan und das kleine Bad auf der anderen Seite. Wir sprechen über die Feuchtigkeit hier in der Nähe des Meeres und dass leider auch ihr Haus ein wenig betroffen wäre und ja tatsächlich, gleich neben dem Fenster die Wand sieht ziemlich mitgenommen aus. Schade, denke ich, doch so wohne ich ja gerade schon, mit sehr viel Feuchtigkeit und Schimmel und wir sind nicht mal einen Kilometer vom Meer entfernt.
Wir reden noch eine Weile und ich erkläre, dass ich abwarten müsste, wie sich das Telegraph Museum entscheidet und mich dann sofort bei ihr melden würde. Ihr Mann erklärt noch etwas von einer Anzahlung, sollten sie das Zimmer für mich bereithalten und sie sagt, das wäre nicht nötig und er möchte aber darauf bestehen. Und als ich mich bedanke und mich freundlich verabschiede und ins Auto steige, denke ich, ich müsste ihnen gleich am nächsten Tag schreiben, dass es mit dem Museumsjob nicht klappt, denn so wie die Räume dort aufgeteilt sind, ist es mir schlichtweg zu eng beieinander.

Ich fahre nach Porthcurno entschlossen, meine Sachen abzuholen und ins kleine Cottage bei Chris zu ziehen. Doch als ich hier ankomme, kommt Tiffany nach unten und strahlt mich an mit der Unschuld eines kleinen Mädchens und ist so bemüht, freundlich zu sein und fragt, ob ich einen guten Tag hatte und dass ich Glück hätte mit dem Wetter. Und ich lege die Sachen aus dem Kühlschrank zurück, als sie die Küche verlassen hat, weil ich mich ganz schrecklich fühle bei dem Gedanken, diese freundlichen Bemühungen abzulehnen. Ich sehe, dass sie alles geputzt hat und fahre mit hängenden Schultern und mich zwischen den Stühlen fühlend zu Chris. Leider treffe ich sie nicht an und so warte ich eine Weile , gehe ins Cottage, das sie doch für mich vorbereitet hat und wo Zoras Asche bereits am Nachttisch auf mich wartet.Ich fühle mich beschämt und warte im Auto auf Chris, die nach etwa 20 Minuten mit dem Auto von wo immer zurückkehrt. Wir sprechen eine Weile und sie erklärt, ich solle mir wegen ihnen keinen weiteren Gedanken machen, ich könnte jederzeit kommen und dort einziehen. Alles gar kein Problem und sie sagt, sie hätte den Ring nicht weiter bearbeitet, ob es mir etwas ausmachen würde, am Samstag wiederzukommen und sie ist so freundlich und wir verabschieden uns und verbleiben wie besprochen.

Als ich zurückkomme zum Bodellan Farmhouse – das ist das Haus, in dem ich wohne – ist niemand da, es liegt ein Zettel auf dem Tisch ‚David and Tiffany at the Minack‘ und ich mache mir etwas zu essen und dann kommt Sam und ich erzähle noch von der Begegnung mit Tiffany und dass ich eigentlich fahren wollte, aber dass sie so freundlich gewesen sei. Und Sam lacht, als ich ihr das erzähle, aber sie findet es gut, dass ich nicht weg bin und so geh ich ins Bett, denn es ist schon fast 22.30 h und ich bin so erschlagen von dem Tag und den Ereignissen, dass ich tief und fest einschlafe.

So sieht hier eine Möbellieferung aus in den engen Gassen

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Ein weiterer aufmerksamer Besucher des Norway Square

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Bob Devereaux
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St.Ives Arts Club
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Wartende Piratin vor dem Cafe
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13. Mai. The Last Journey Post Scriptum

An diesem Morgen hielt ich die rote Kiste mit Zoras Asche in Händen und da sie versiegelt ist, schüttelte ich sie, um am Geräusch herauszufinden, ob sie wohl klein genug sei, dass Chris etwas in den Ring einfüllen könnte.
Mich schauderte plötzlich bei dem Gedanken daran, die Kiste zu öffnen und ich brach in Tränen aus. Eine kindliche Angst überfiel mich, dass ich mich mit dem Öffnen der Kiste nun für immer von ihr trennen muss, dass ihr Geist mich verlassen könnte.
Es brauchte mindestens eine halbe Stunde, bis ich mich wieder beruhigt hatte und laut zu mir selbst sprechend erklärte, dass sie doch schon längst tot sei und dass ihr Geist doch ohnehin immer in mir weiterleben würde.
Ich kann das kaum schreiben, ohne wieder zu weinen. es ist eine Mischung aus diesem Gefühl von diesem Gefühl der unendlichen Sehnsucht, sie bei mir haben zu wollen, sie anzufassen und mit ihr zu sprechen und dem Glück, dass ich sie so lange bei mir haben durfte.
Es trägt jedoch auch die Verzweiflung in sich über die Einsicht von der Endlichkeit der Dinge, des Lebens an sich.
Abwechselnd ergreift und verlässt mich dann dieses Gefühl von
,Wenn nicht jetzt, wann dann?‘

14. Mai The Last Journey Tiffany, Telegraph Museum and Coast path Treen

Tiffany, the motorbiking Lady is back . Ich liege noch im Bett und hab schlecht geschlafen und höre seit 7.00h die Neuseeländer mit Sam plappern und noch jemanden mit einer mir unbekannten Stimme. Das wird wohl Tiffany sein, denke ich mir und gegen 8.00h geh ich noch etwas verschlafen nach unten. Good Morning everybody, sage ich und Tiffany steht auf, will mir sie Hand geben, aber meine ist noch nass vom Hönde waschen und ich entschuldige mich. Sie ilächelt freundlich und sagt sowas wie ‚kein Problem‘ . Nachdem ich mein Teewasser aufgesetzt und meine Hönde getrocknet sind, mach ich einen zweiten Anlauf und sage ihr meinen Namen und Strecke ihr die Hand entgegen und wir begrüßen uns.
Sie plaudern immer noch angeregt mit Jeff und Kathy, die jeden Moment von Scott abgeholt und zum Zug gebracht werden – jetzt grad über die Europawahl, für die Tiffany die Briefwahl beantragt hat, wie sie erzählt. Dann müssen Jeff und Kathy los und auch Sam. Ich nehme den freigewordenen Platz und setze mich mit meinem Tee an den Tisch. Es lässt sich nicht begründen, aber ich fühle mich plötzlich dabei, als würde ich etwas verbotenes tun und widerstehe dem Impuls, mich aus dem Raum zu begeben. Das kennt man ja manchmal, dass man sich irgendwie unwohl fühlt in Gegenwart eines anderen Menschen, doch so intensiv und ohne ersichtlichen Anlass habe ich das noch nicht erlebt.
Alle sind jetzt weg und sie sichtet ihre Post und sieht mich weder an noch spricht sie mit mir. Ich fühle mich hilflos, ich bin doch sonst nicht auf den Mund gefallen, doch mir will nichts einfallen, doch diese Stille mit einer fremden Person im Raum, das halte ich gar nicht gut aus.
– leider!
Ich versuche irgendeine Art der Konversation über die Partei auf dem Zettel, die doppelt erscheint. Das wüsste sie auch nicht, knapp und distanziert, das bilde ich mir doch nicht ein. Ich sage noch was wegen ihres Motorrads, völlig nebensächlich und habe das Gefühl, das wäre auch schon zuviel des Guten, Schließlich geh ich mit meinem Frühstück an die frische Luft, so viel Unwohlsein am Morgen kann ich gar nicht gebrauchen. Die Terrasse vom Nachbarhaus hat schon am Morgen die Sonne gepachtet und so setze ich mich mit meinem Tee, meiner Polenta und meinem Mini-Ipad bewaffnet dorthin und schreibe meinen Blog weiter.
Trotz der Beschäftigung mit dem Blog will das Unwohlsein einfach nicht vergehen. Inhaltlich bewegt es mich durch das Thema Zora natürlich eher noch mehr und ich finde mich an einem eigentlich wunderbaren Morgen in Tränen aufgelöst auf der Terrasse des Nachbarn wieder. Minutenlang ergießen sich Sturzbäche aus meinen Augen und am liebsten wäre ich gerade woanders, nur wo?
Obwohl ich mir die ganze Zeit sage, dass es keinen Sinn macht und mit mir nichts zu tun hat, versuche ich die Situation aufzulösen, in dem ich sie frage, ob alles ok ist und ob sie einfach busy ist oder keine Lust hat mit mir zu sprechen. Das hätte ich mir eigentlich auch verkneifen können, denke ich sogleich, denn es kommt natürlich nichts dabei heraus. Auch egal, ist für meinen Seelenfrieden wichtig gewesen, das anzusprechen und einige Momente später fährt sie weg und ich atme erleichtert auf. Was für ein schlechter Start heute in den Tag, vermutlich hat es heute morgen mit uns einfach nicht gepasst, denke ich bei mir, auch wenn ein Beigeschmack bleibt.
Momentan habe ich häufiger das Gefühl, das es kein richtiges Zurück gibt. Ich lebe in Berlin in einem Haus, in dem die leider auch über mir lebende Eigentümerin danach giert, mit Airbnb aus unseren Wohnungen das bestmögliche Kapital zu schlagen. Ihr ist jedes Mittel recht, uns möglichst alle aus dem Haus zu vertreiben das wissen wir nun auch von der aktuellen Hausverwaltung. Zora ist tot, alles zuhause erinnert mich an sie, die Vorstellung dorthin grad zurückzukehren, schnürt mir schier die Kehle zu. Meinen Job mag ich, aber da alle gekündigt haben, kann ich mir bildhaft vorstellen, wie es dort sein wird. Das alles fühlt sich eher nach Neuanfang an, auch das macht mir Angst und macht mir Mut. Ich fühle mich wie in einer Sackgasse und brauche mehr Zeit, denn ich bin noch lange nicht fertig mit meinem Abschied, meiner Trauer, meiner Suche nach einem Ort, der mir Ruhe gibt und dieser muss da irgendwo in mir sein. Doch ich fühle mich getrieben, auf der Flucht vor meinen eigenen Gefühlen, die mich doch immer wieder einholen. Etwas mehr Ruhe täte mir gut, aber die traue ich mir nicht zu und jede Ablenkung scheint mir so verlockend und auch willkommen.
Aus diesem Gefühl heraus taste ich mich vor und eruiere die Möglichkeiten, die ich habe. Da ich aufgrund meiner vielen Erlebnisse das Gefühl habe,seit Wochen hier zu sein und die Gegend nicht zuletzt wegen der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die mir hier im ländlichen Bereich begegnet, hier so ins Herz geschlossen, dass ich eigentlich länger bleiben möchte. atüurlich auch in der Hoffnung, mehr Abstand zu Zoras Tod zu bekommen. Ich bin voller Träume und Ideen, die ich in mir trage und selten realisiere ich die Dinge. Ich baue Luftschlösser, so wie ich es schon tat, bevor ich losgefahren bin und Zora noch lebte und ich davon träumte, hier in England zu leben mit ihr, einfach weil ich diese Sehnsucht, in einem anderen Land zu leben schon seit meiner Jugend in mir trage und es nie getan habe. Es ist nicht so, dass ich das Gefühl habe, hier würden die Uhren anders ticken. Wie schon erwähnt, sind die Sorgen und Nöte die gleichen, die Menschen unterscheiden sich vielleicht etwas und es bleibt mehr auf Distanz, weil es eine andere Sprache ist. Und das obwohl ich beim Sprechen nur bei Fachbegriffen nachdenken muss und ansonsten einfach genauso viel und oft schnell rede wie auf deutsch. Das macht vieles auch einfacher für mich., allein der Weg der Kontaktaufnahme wird dadurch erheblich erleichtert – wenn ich mal von heute morgen absehe.

So fragte ich vergangene Woche Sam einmal, wie das eigentlich wäre, wenn ich mir einen kleinen Job suchte, ob ich dann eine Weile bei ihnen wohnen könnte. Und ich hatte ein bisschen Sorge vor der Frage, weil ich mich trotz all ihrer Freundlichkeit nicht wirklich richtig wohl fühle hier. Ja sagte sie, da müsste man mal über eine Miete reden, wenn Tiffany wieder da ist. Und nach einer Weile fügt sie hinzu, dass es mir natürlich freisteht, auch woanders zu gucken. Und als ich nachfrage, ob ihr das lieber sei, verneint sie dies und sagt, sie dachte einfach nur, dass sie mich vielleicht falsch verstanden hätte und daher wollte sie das noch hinzufügen. Was war an meiner Frage falsch zu verstehen? Doch ich schiebe auch dieses Gefühl wieder weg.
Ich frage sie noch etwas über die Bedingungen mit den Jobs und sie sagt, auch bei Ihnen im Office würde eine Stelle frei werden, die kurzfristig mit einer Aushilfe besetzt werden soll bis klar ist, wie weiter verfahren wird und dass sie im Telegraph Museum jemanden suchen.

Ich sehe mir das Profil der Stellenausschreibungen an und entscheide mich für den Visitor-Service. Kurzerhand rufe ich an und spreche mit einem zuständigen Sachbearbeiter.Nach einigen Erklärungen bittet er mich, meinen Lebenslauf (CV) zu schicken, denn die Bewerbungsgespräche würden kommende Woche Mittwoch stattfinden und je eher meine Unterlagen vorlägen, desto eher könnte er mir Bescheid geben, ob ich in Frage käme.
Es dauert fast 3 Stunden, meinen Lebenslauf auf Englisch zu schreiben, ich muss noch eine Bekannte in Berlin kontaktieren, die viel mehr Erfahrung hat im Übersetzen als ich weil ich einige Begriffe einfach nicht direkt übersetzen möchte schon aus der Sorge heraus, nicht professionell genug zu erscheinen. Die Sonne scheint draußen, das Wetter ist ein Traum und ich haben inneren Stress, diesen Lebenslauf ohne Textprogramm fertigzustellen, finde eine Alternative und gegen 15h bin ich fertig und will die Datei speichern, da ist sie weg. Ich finde sie nicht mehr, das kann jetzt nicht wahr sein, denke ich, doch nach weiteren 10 Minuten suche gebe ich ärgerlich auf und denke, dass ich jetzt lieber an die frische Luft möchte.

Ich laufe los zum Porthcurno Beach und kurz davor am Telegraph Museum vorbei führt linksseitig ein Pfad nach oben auf die Klippen und zum SouthWest Coast Path . Ich bin auf dem Weg nach Treen, wo ich mit Sam vergangene Woche einen Kaffee trinken war. Das würde ich gern zu Fuß machen dieses Mal und ich freue mich über die Sonne und den unbeschreiblich schönen Blick übers Meer. Es ist praktisch windstill und die Sonne meint es sehr gut heute. Nach 10 Minuten und weil ich kein Hinweisschild sehe weit und breit, sehe ich etwas weiter entfernt ein Tipi stehen und bin neugierig. Ein kurzer Blick auf die Karte genügt, um den dort befindlichen Zeltplatz auszumachen und Treen ist nicht weit entfernt von dort. Ich schlage den Weg quer übers Feld ein, lauf an den Campern vorbei, tue es den Briten gleich und sage zu einem freundlichen grüssenden Ehepaar, dass es das beste Wetter zum Campen sei, nicht wahr. Und sie pflichten mir bei und das ist nett und macht das Leben einfach mal für den Moment wieder leichter.
Fünf Minuten später erreiche ich das kleine Cafe in Treen und begrüss Adele mit ihrem Vornamen, sie hat meinen schon längst vergessen, falls sie ihn Uberhaupt je kannte und sie schließen gerade. Doch da sie mein Gesicht kennt sagt sie, bekomme ich noch einen Kaffee und den nehme ich außer Haus an einem ihrer Tische, die sie erst etwas später wegräumen will.Es ist schön, dort in der Sonne zu sitzen in einem winzig kleinen Dorf , aus dem Garten vor mir tritt ein älterer Herr hinaus und grüßt freundlich und ich schreibe den Lebenslauf erneut aus der Erinnerung heraus – zur Sicherheit jedoch in einem anderen Programm.
Nach einer Weile kommt Wanderer mit einer Frau aus dem Dorf vorbei, die auch am Wochenende im Cafe war und sie zeigt ihnen das Cafe, das jedoch gerade geschlossen hat und Adele ist auch schon fast weg, da bietet die junge Frau ihnen einen Tee bei sich zuhause an. Das ist glaube ich wirklich die britische Teekultur. Man trinkt hier bis in den späten Abend eine Tasse schwarzen Tee mit der obligatorischen Milch darin und ich finde es äußerst freundlich, dass sie den Wanderern eine solche Tasse nach ihrem langen Spaziergang von -wie ich vernehmen kann- geschlagenen 5 Stunden gönnt.
Die Wanderer sitzen eine Weile hinter mir auf den Stühlen, als Adele kommt und die Tische wegräumt und uns die Stühle mit der Bitte, diese später an der Wand zu stapeln überlässt.
Dann fährt sie weg und auch die Wanderer verlassen nach einer Weile ihren Platz und spazieren weiter. Ich sitze auf meinem Stuhl und lese noch einmal den Lebenslauf durch, als sich eine wirklich alte Dame wimmernd nähert und um Hilfe bittet. Sie braucht Lebensmittel aus einem Supermarkt und ob ich die Leute dort zuhause wären und da sie ziemlich wacklig auf den Beinen ist, verspreche ich ihr Hilfe und gehe durch den Garten neben mir zum Haus und rufe hinein. Eine Frau um die sechzig kommt heraus und ich erkläre ihr die Lage, sie scheint nicht sonderlich begeistert zu sein ob der überraschenden Besucherin und versucht sie zu beruhigen und erklärt ihr, dass der Lieferant vom Supermarkt in St. Buryan erst am folgenden Tag kommt – er käme immer Donnerstags. Die alte Dame heisst Joan, wie ich mitbekomme und weint, als die Frau aus dem Haus ihr sagt,sie solle dort einfach anrufen und dem Händler telefonisch durchgeben, was sie braucht, doch Joan laufen die Tränen herunter als sie mit zitternder Stimme versichert, dass sie das heute nicht gut hinkriegt mit dem Telefonieren. Diese kleine Gestalt ist so herzzerreissend mit ihrer offenen Unsicherheit und ihren Hilfebitten, dass ich beinahe losheule. Die Frau nimmt Joan nach einer weiteren Tränenkaskade den Zettel aus der zittrigen Hand und verspricht, dort für sie anzurufen und die Dinge zu bestellen und liest zur Sicherheit nochmal alles laut vor. Joan verlässt immer noch klapprig und wimmernd das Geschehen und ich frage die Frau mit dem Garten, ob Joan ganz alleine sei. Sie hätte einen Sohn, erwidert sie und der sei jedoch nach Frankreich gegangen und hätte sie hier allein gelassen und sie hätte eine Pflegerin, die einige Male die Woche käme. Wie ich erfahre, ist Joan bereits 91 und ich sage, das sei ein stolzes Alter, als mein Hund so alt war, musste ich sie einschläfern lassen. Doch sie sagt, so ginge das nicht weiter, denn Joan würde mehrmals täglich rüberkommen oder sie nachts wecken.Und sie verneint meine Frage nach einer Demenz oder Orientierungslosigkeit. Es verhielte sich jedoch so, dass ihr Mann selbst nicht bei bester Gesundheit sei und so würden sie die häufigen Besuche von Joan eher sehr belasten.

Ich setze mich wieder auf meinen Stuhl und sehe Joan, wie sie langsam die Straße runter wackelt, lange nach. Als sie auf einen Hof abbiegt, kann ich sie nicht mehr sehen und nach einigen Minuten höre ich bestürzt, wie sie um Hilfe ruft und ein Mann in meinem Alter geht ruhigen Schrittes zu ihr hinüber und mir wird klar, dass das ein normales Procedere ist und dennoch hab ich ihre herzzerreissende flehende Stimme immer noch im Ohr und mir schießen die Tränen in die Augen und ich spüre ihre Einsamkeit und Verzweiflung bis tief in meine Knochen, denn es soiegelt einen Teil meiner selbst und ich laufe los zurück an die Küste und spüre erneut diese Ausweglosigkeit in mir und denke nur, so möchte ich nicht enden.

Mit diesen verzweifelten Gefühlen beschwert, gelange ich auf einem weiteren verschlungenen Pfad in einen Dschungel aus Farnen und Blumen, es ist so wunderschön, doch ich kann es beim besten Willen nicht genießen. Ich weine und weine um Zora, die zwar um mich herumspringt aber irgendwie ernst aussieht. Ich sehe sie in alt, ich seh sie in jung, ich seh sie krank kurz vor ihrem Ende. Auf eine Begegnung mit Joan war ich nicht vorbereitet und da ich die Dinge die geschehen so oft es geht und sinnvoll erscheint als Hinweise, die mir das Leben oder das Universum gibt, zu verstehen suche, scheint es wohl wieder an der Zeit zu sein, mich der Trauer zuzuwenden, ob es mir passt oder nicht.

So erreiche ich nach einer Weile eine kleine Bucht und dort droht mich die Trostlosigkeit der entsetzlich langweiligen Architektur zu erdrücken und so wende ich mich den wenigen Lichtblicken, sprich der Bucht zu und dem klaren blauen Meer und nachdem ich noch einige Fotos mache, beschreite ich wieder den Coast Path aufwärts in Richtung der Klippen und auf zur nächsten Bucht. Ich drehe mich um und sehe nach unten und merke, dass Zora diese Strecke überhaupt nicht schafft und erneut schießen mir Tränen in die Augen, als ich weiter gehe. Oben angekommen eröffnen sich neue schönere Aussichten und Wege und ich erreiche einen Stile mit dem Hinweis auf dort grasende Ponys, die zur Rekultivierung bestimmter Pflanzenarten beitragen sollen. Ich gehe weiter und erreiche erneut die Küste mit meinen immer noch trüben Gedanken und frage mich, ob das denn mit meiner Traurigkeit heute gar kein Ende mehr nimmt, als mir ein Pony entgegen scheinbar aus dem Nichts entgegenkommt. Und dieser Anblick tröstet mich so sehr, dass ich meine Trauer fast völlig vergesse und wieder an einen Hinweis glaube und einfach die Richtung einschlage, aus der das Pony mir entgegenkam und zwar direkt auf die Klippe zu. Dort ist es wunderschön, es gibt ein Hinweisschild auf ein die Überreste eines Schlosses auf den Klippen aus der Eisenzeit und als bei dem Versuch zu ergründen, welche Felsen wohl das Schloss gewesen sein könnten, entdecke ich einen versteckten schmalen Weg zu einer riesigen Felsenformation.Ich bin enzückt und mache mich auf den Weg zu meinem kleinen Abenteuer, als noch drei weitere Ponys auftauchen und dort grasen und fühle mich bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein. Auf weiteren schmalen Pfaden klettere ich abwechselnd zwischen oder auf den Felsen entlang, mache Fotos, sehe nach unten und nach oben und in die Bucht und genieße es, als wäre ich nochmal Kind, dort herumzuklettern. Es macht solchen Spaß und ich muss mich konzentrieren und aufpassen, weil die Wege nicht ungefährlich sind. Doch eigentlich ist es zu spät, die Abenteurerin aus Kindertagen, die einst auf Baustellen herumturnte und Höhlen unsicher machte, ist längst wieder zum Leben erwacht und führt mich in schwindelnde Höhen und an versteckte Orte, die sich mir als optische Schätze erschließen, denn sie eröffnen mir Einblicke in eine in meiner Vorstellung sehr frühzeitliche Bucht, die einst die Schneise für heimkehrende Schiffe gewesen sein könnte. Und wenn ich die Augen schließe und mit ein wenig Phantasie sehe ich eine Art Wikingerschiffe dort einlaufen und höre Menschen in einer mir fremden Sprache rufen und sehe andere in den Felsen arbeiten und höre so etwas wie Hammer auf Ambosse einschlagen – ohne zu wissen, ob diese Dinge jemals existiert haben könnten, doch ich bin seit meiner Kindheit fest davon überzeugt, von den Kelten abzustammen – meine Schwester glaubt das von sich im Übrigen auch, obwohl wir praktisch keinen Kontakt hatten, nachdem sie in die USA gegangen ist und wir uns eigentlich gar nicht mehr kennen, außer aus frühen Kindertagen,konnten wir wenigstens einmal am Telefon diese Erkenntnis austauschen – und so macht es mir einfach nur Spaß hineinzuspüren in die Geschichte dieses Ortes, überzeugt davon, dass Energie immer ihre Spuren hinterlässt.

Gestärkt verlasse ich diesen mystischen Ort und kehre zurück auf dem herrlichen Coast Path bis zu meiner Unterkunft, schicke meine Bewerbung ab und esse zu Abend. Ich fühle mich wieder unwohl bei dem Gedanken, dass Tiffany und am selben Ort sein würden und so schaue ich, was im Kino läuft, als Sam nach Hause kommt. Und sie ist freundlich wie immer, doch als ich ihr von dem Telefonat und der Bewerbung beim Telegraph Museum erzähle, wird sie still und ich merke, dass etwas nicht stimmt. Und als ich nachfrage, erklärt sie, dass wir vielleicht etwas zu optimistisch waren, denn sie hätte mit Tiffany gesprochen und das würde dann doch zu eng werden mit all den Airbnb Besuchen und einer festen dritten Person hier im Haus. Ich hatte mich zwar schon nach anderen Zimemrn erkundigt und war auch bereits mit einer Familie in Kontakt getreten und hatte füur den folgenden Tag einen Besichtigungstermin vereinbart, aber das wusste Sam alles nicht. Und trotzdem traf mich diese Information heftiger als ich angenommen hatte, wobei mich die Information an sich nicht wunderte, denn sie entsprach meinem Gefühl, dass ich seit Tagen in mir trug und dass sich am Morgen mit Tiffanys Gesellschaft sehr verstärkt hatte. Aber ich war auch in einer empfindsamen Situation und so wollte ich nicht alles vermischen und hatte versucht, den Ball flach zu halten. Und ich sagte, dass mich das nicht wundert und dass ich bereits vor einigen Tagen daran gedacht hatte, dass wir vielleicht erstmal mit Tiffany sprechen müssten und dass es vielleicht nicht gut laufen könnte mit uns beiden und dass der Morgen ja schon etwas schwierig war. In diesem Moment kam auch schon Tiffany nach Hause und ich konnte es mir nicht verkneifen , ihr so in einem Nebensatz freundlich aber bestimmt ‚ ..und um dich zu beruhigen, Tiffany, ich werde nicht bleiben…‘ vor die Füße warf,um dann mit Sam weiter zu sprechen und zu fragen, ob ich es noch ins Kino schaffen würde und überließ die beiden sich selbst und fuhr los.
Ich ärgerte mich auf dem Weg, über mich und über die unklare Situation und spürte wieder diesen Fluchtinstinkt in mir und ich war froh, als ich das Kino fand und eine leichte Liebeskomödie mit Pierce Brosnan und Emma Thomson ansehen konnte und das Kino relativ leer war. Ich lachte an vielen Stellen und genoss diese Ablenkung von meinem anstrengenden Tag sehr und freute mich nach meiner Rückkehr über den Zettel von Sam mit einem freundlichen ‚Good night,hope you enjoyed the film, see you in the morning‘ und ging zu Bett.

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13. Mai. The Last Journey Farmers Market Sennen and Carn Euny

Heute morgen soll ich spontan bei Chris vorbeikommen, um mir anzusehen, wie weit die Umsetzung unserer Idee gediehen ist und ob sie so weitermachen soll. Es macht mir den Eindruck, dass sie wirklich von innen heraus das Bedürfnis hat, dieses Schmuckstück mit Liebe zu gestalten. Sie scheint ähnlich wie ich Dinge, die sie berühren, nahe an sich heran zu lassen. Schließlich haben wir uns ja auch sehr lange über sehr persönliche Dinge unterhalten und so ist sie irgendwie auch ein bisschen mitten im Geschehen.
Doch zuerst möchte ich unbedingt nochmal zum Farmers Market, der diesmal in Sennen stattfindet und doch etwas größer sein soll als neulich in St.Buryan. Es liegt auf dem Weg und ich sage Chris bescheid, dass es etwas später werden könnte. Alles kein Problem, sie müsste auch beim Farmers Market jemanden treffen, womöglich würden wir uns dort ja sehen.

Ich bin schon beinahe auf dem Weg in die Bucht nach unten, als mir ein Mann mit Taschen und Tüten entgegen kommt und ich halte kurz und frage ihn nach dem Farmers Market. Er weist mir freundlich die Richtung und schon bin ich nach ein paar Metern angekommen.
Schon als ich aussteige und zum Eingang rübergehe, bin ich begeistert, denn vor mir laufen drei alte Ladies, die Joggingschuhe tragen. Mir ist so, als hätte sich das in Deutschland noch nicht durchgesetzt, ich erinnere das aus den USA schon Ende der 1970er Jahre.
Vor dem Eingang ist ein Gemüsestand und rechts davon ein Stand, der in schwarz gehüllt ist und auch der junge Mann dort trägt ein interessantes schwarzes Outfit und lächelt mich mit einem freundlichen ‚Hello‘ an. Auf seiner Speisekarte stehen kornische Begriffe, wie ich später erfahren werde.
Drinnen sitzt im Eingang eine alte Lady und zählt die Besucher mit einem freundlichen Lächeln und eine weitere fragt, ob man schon mal da war und erläutert kurz, wo sich was befindet.
Schon entdecke ich mein zahnloses Wolle verkaufendes Ehepaar vom Wochenende und wir begrüßen uns und er führt mich nach oben und zeigt mir die Aussicht auf die Halle. Er scheint richtig stolz zu sein, wie er mir von da oben die Aussicht auf die Halle präsentiert. Ich pflichte ihm freundlich bei und dann geht er wieder nach unten und überlässt mich meinen Eindrücken.

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Zunächst bleibe ich begeistert an einem Stand mit kleinen Tischkreiseln aus Holz stehen. Sie sehen ein bisschen aus, als wären sie aus einem Wurzelholz gefräst, denn sie sind ganz hell und haben dann diese dunklen verschlungenen Maserungen wie es bei Olivenholz der Fall ist.
Ich beginne sie auszuprobieren. Nach dem fünften Kreisel fragt mich der grauhaarige etwas ältere Herr, ob ich sie alle ausprobieren möchte und hat einen leicht schmunzelnden Ausdruck im Gesicht. Natürlich‘, erwidere ich, denn ich müsste doch wissen, wie sie aussehen beim Drehen, wie sollte ich mich sonst entscheiden. Ich erzähle ihm, dass mich Kreisel seit meinem zweiten Lebensjahr immer wieder faszinieren und begleiten und dann zieht er einen dunklen mit schwarzen Ringen darauf hervor und dreht diesen. Ja der ist es, denn er strahlt eine solche Ruhe aus, dass ich ihn nehmen muss.
Wir verabschieden uns und ich gehe weiter und entdecke einen Stand mit Skateboardzubehör und nehme einen Satz knallgrüner Räder lachend in die Hand. Da stehen auch schöne Longboards für die Montage bereit und ich sage zu dem Verkäufer in meiner Erinnerung schwelgend, dass ich das letzte Mal mit 12 Jahren solche Räder in den Händen gehalten habe und der Mann, steht auf und sagt, dass sie damals sicher schwer zu bekommen waren und dass die Qualität sich heute deutlich verbessert hätte. Er hat kurze dunkle Haare und ist unrasiert, aber nicht der typische 3-Tage -Bart Typ und etwas jünger als ich. Heute bin ich manchmal versucht, sage ich zu ihm, wenn ich Jugendliche damit fahren sehe zu fragen, ob Ichs mal versuchen darf, doch meistens habe ich zu viel Angst um meine Beine und da ich lieber Tango tanze als mich beim Skateboard fahren zu verletzten, lasse ich es dann doch. Und er erwidert, dass er heute auch nicht mehr fährt und dass er seinem Sohn kaum dabei zusehen kann und wirklich Schwierigkeiten hat, dabei still zu bleiben. Wir plaudern noch eine Weile über frühere Zeiten und wie schwierig es war, die Teile zu bekommen . Er bietet mir noch ein wirklich schönes Longboard an, die seien ja nicht zu gefährlich, doch ich lehne dankend ab und er bedankt sich ehrlich lächelnd für das schöne Gespräch.
Solch einen kurzen Plausch genieße ich sehr, wenn mir die Menschen sympathisch sind und sich das Gespräch so angenehm ergibt. Ich erinnere mich, wie ich als Kind oft daneben stand, wenn meine Mutter sich mir den Verkäuferinnen am Wurst- oder Käsestand unterhielt und sie anstrahlte und diese zurückstrahlten und ich mochte das immer sehr, wie sie das machte, so charmant und freundlich. Und heute mache ich das selbst so und vor allem so gerne.
Ich mache ein paar Fotos, bleibe hier und da an einem Stand stehen, entdecke ein paar schön Dinge und finde schließlich noch Mike, the cheese Guy , meinen Käseverkäufer vom Wochenende wieder und kaufe erneut ein größeres Stück von dem Ziegenkäse. Der Preis lässt mich meine Kauf fast bereuen.

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Ich nehme noch ein Brot mit an einem anderen Stand und dann bin ich fertig beim Farmers Market und gehe nach draußen nicht ohne mich von meinen Wollverkäufern zu verabschieden.
Draussen lächelt mich wieder der hübsche junge Mann im schwarzen Anzug mit Pagenkappe an und ich sage ihm, dass ich leider grad kein Fleisch mehr esse, sonst würde ich sein Bracken sofort probieren.
Und da erfahre ich eben, dass es der kornische Name für warmes Schinkensandwich ist, soweit ich das verstehe. Eigentlich kommt er aus Kanada und lebt seit 12 Jahren hier, kommt ursprünglich aus einem ganz anderen Berufszweig und macht das mit dem Stand erst seit 5 Wochen. Seine Mutter kommt aus Cornwall und so hat er auch Verwandte hier und findet es wunderschön hier unten.
Ich wünsche ihm Glück und mache mich nun wirklich auf den Weg zu Chris. Dort gibt es erstmal einen Tee und dazu. habe ich Kekse mitgebracht. Ihre Werkstatt hat etwas von einem Wohnzimmer, in dem wir persönliche Erlebnisse teilen. Es dauert gar nicht lange, da muss sie nach ihrer Enkeltochter sehen und ich kümmere mich so lange um die Hunde im Garten. Sie sind beide etwa so groß wie Cockerspaniel scheinen aber irgendwas aus der Jack Russel Familie zu haben oder sind eine Variante davon, denn sie können genau so gut hoch springen – vielleicht sind ja auch Känguruhs mit drin,wer weiß.
In jedem Fall freuen sie sich unglaublich, dass ich bei Ihnen bin, die jüngere von beiden ist 1 Jahr alt und springt nicht nur an mir hoch sondern vor allem auf Mitch( das ist der schwarze Hund von Chris)rauf und die beiden tollen herum. Das macht mir großen Spaß.
Chris nimmt gerettete Tiere auf und so hat sie Eulen, einen Uhu, diverse Gänse, eine davon ist blind und total süß, weil sie ähnlich wie Zora den Kopf in alle Richtungen schief legt, um zu hören, was dort vor sich geht an ihrem Käfig. Dann hat sie eine Ziege, die zu klein war und mit Futter für Schafe nicht wachsen wollte und so sollte sie eigentlich getötet wessen, da hat Chris einen Aneuf von ihrer Tochter bekommen und sie gleich genommen. Die Ziege sieht sehr lustig aus, schwarz, bis zum Bauch völlig schmal und dann kommt ein birnenförmiger unglaublich aufgeblasen wirkender Körper undden läuft sie wackelnd durch die Gegend und Stunts mit den Hörnwr gegen die Gonne mit dem Schweinefutter, bis der Deckel aufgeht. Und Christ erlaubt ihr, mal zuzulangen und dann hüpft die Ziege mit den vorderen Hufen auf den Rand der Tonne und steckt den Kopf rein. Das sieht wirklich allerliebst aus.

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Da kommt Chris wieder mit Olivia, ihrer zweijährigen Enkelin mit blonden Locken, noch etwas verschlafen, mit müden Augen, die sie dauernd reibt und so langen Wimpern, wie sie sich nicht nur Models wünschen würden. Sie ist wirklich bezaubernd und nach einer Weile kann ich sie mit einem Keks locken, allerdings muss Chris ihr den Keks geben und in kleinere Stücke brechen, von mir nimmt sie ihn nicht an – gut so!
Nachdem wir alles besprochen haben, kommt ihr Mann Keith noch dazu und bringt zwei Wanderkarten mit, da ich heute alles vergessen habe. Er erklärt mir den Weg nach Carn Euny , einem etwa 2000 Jahre alten Dorf aus der Eisenzeit, das 500 Jahre vor Christi Geburt und 400 Jahre danach bewohnt war und zu einem Wunschbaum. Das wäre ein magischer Ort und davon scheint es hier in Cornwall ja einige zu geben.

Ich finde den Abzweig sofort und bin am Parkplatz angekommen ein wenig enttäuscht, dass noch andere den Weg hierhin gefunden haben. Ich glaube magisch setzt für mich auch immer eine gewisse Einsamkeit voraus.
Das Dorf aus der Eisenzeit hat trotz der spärlichen Besucher, von denen eigentlich nur der Hundebesitzer auffällt, eine sehr anziehende Ausstrahlung.

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Am interessantesten ist das sogenannte Fogou, eine kreisförmig angeordnete Höhle unterhalb des Dorfes, über dessen Nutzung man uneinig ist. Es könnte eine Art Versteck gewesen sein oder auch eine Art kühlende Speisekammer oder aber ein Raum für Rituale.

Eingang zum Fogou

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Gebeugt und mit eingezogenem Kopf zwänge ich mich durch den sehr kleinen Eingang. Es ist so still in diesem Raum und friedlich, es fühlt sich unweigerlich an wie ein Ort der Inneren Einkehr und ich verharre dort einige Minuten und genieße.

Fogou

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Blick vom Fogou in Richtung alternativer Ausgang

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Als ich das Dorf wieder verlasse, finde ich den von Keith beschriebenen Weg wirklich ganz zufällig und ohne danach zu suchen und ein Stück weiter auch den beschriebenen Wunschbaum. Unzählige Bänder sind daran befestigt, Stofftiere hängen kopfüber an Ästen, Münzen sind unter die Wurzeln von Efeu geschoben, der sich um den Stamm rankt, Schon lange müssen ein paar Baybsocken an den Enden zweier Äste hängen, denn die Spur der vermutlich früheren roten Farbe ist in ein verwaschenes Rosa verblasst. Alte Railway Tickets finden sich auf die Spitzen der Äste gesteckt, , ein kleiner Weihnachtsmann aus Plastik baumelt munter über mir, Schnürsenkel in verschiedenen Brauntönen, umwickelt und verknotet. Das ist wahrlich ein beschaulicher und auch magischer Ort. Man sagt, dass wenn man zu einer bestimmten Zeit zu dem Baum geht und etwas persönliches dort anhängt, würde der Baum die Sorge, den Schmerz, sogar Krankheiten von einem nehmen. Bezaubert von diesem Ort suche ich fieberhaft nach etwas, das ich dort lassen könnte und finde ein Trolley Coin für den Einkaufswagen mit einem Kleeblatt und schiebe dieses hinter die Efeuranken am Baumstamm. Aber irgendwie scheint es mir nicht persönlich genug, also nehme ich noch ein paar farbige Armbänder, von denen ich mich nur sehr schweren Herzens trennen kann und hänge diese zusammen an einen kleinen Ast in der Hoffnung, dass der Wind diese nicht davonträgt und wünsche mir für alle Menschen, die mir nahestehen, dass sie gesund und glücklich sein mögen und dieser Wunsch kommt von ganz tief innen und dabei denke ich an Euch da draußen, die ihr mich begleitet Tag um Tag und auf meinem Weg mit mir seid. Danke dafür!

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12. Mai The Last Journey The Silversmith and Newlyn Art Gallery

Heute ist der Termin bei Chris, der Silberschmiedin ( Silversmith). Wir sind zwischen 11h und 12h verabredet und ich trödel ein wenig herum, unterhalte mich freundlich mit den Gästen aus Neuseeland, die erst vor 6 Monaten mit Mitte 50 von Auckland nach Wakefield gezogen sind, um Farmer zu werden. Ich glaube, er war so etwas wie ein Konstrukteur am Bau oder Statiker und sie ist eine pensionierte Lehrerin. Sie sind beide sehr freundlich und sie strahlt die ganze Zeit, ich bin inzwischen ein bisschen vorsichtig mit den Leuten hier, die immer strahlen.
La Parisienne Aurelie hat auch immer gestrahlt wie Sandra Bullock und dann haben sie außer meinen Scones, die ich ihnen freundlichst vermacht habe, auch meinen Ziegenfrischkäse noch aus Berlin und meinen sündhaft teuren Goats-Cheese vom Farmers Market verputzt. Wie das in einer temporären Wohngemeinschaft so passieren kann. Die Neuseeländer haben nur meine Dinkelflocken genommen und die Butter, sie wussten ja nicht, was zum Haus gehört und die Dinkelflocken vom Alnatura sind deutsch beschriftet und waren auch separat in einem Schrank – was soll ich sagen? Andere Länder, andere Sitten!
Dennoch finde ich es mutig, dass sie ihr gesamtes soziales Umfeld verlassen haben, um eine Farm mit Kühen zu führen. Sie sagen, es ist befriedigender und das glaube ich ihnen zweifellos.
Natürlich bin ich wieder spät dran und muss mich beeilen, denn ich weiß noch nicht einmal genau, wo Chris wohnt. Sam hat mir den Weg so ungefähr beschrieben.

Da das Licht grad so schön ist und da ich nur eine 3/4 Meile vor Lands End abbiegen muss, nutze ich die Gelegenheit, noch ein paar Fotos zu machen.

Ich erreiche Chris‘ Haus gegen kurz vor zwölf und ein freundlicher Herr kommt aus dem Haus und weist mir den Weg in eine Art ehemaligen Schuppen. Chris bietet mir einen Tee an und wir reden erstmal über dies und jenes und sie erzählt mir davon, wie sie hier nach Cornwall gezogen sind und dass sie früher in South oder North London gelebt haben und selbständig waren und irgendwann alles verkauft und sich hier niedergelassen haben. Mir fällt auf, dass ich eigentlich überhaupt nur Menschen treffe, die von irgendwo anders kommen und die sind alle sehr freundlich. Sie haben zwei Töchter und eine Enkeltochter. Die ältere Tochter ist mit einem Farmer aus der Gegend verheiratet, dessen Familie seit Generationen hier als Farmer lebt. Die jüngere Tochter lebt mit ihrem Partner auf dem Grundstück. Sie vermieten die alten Schweineställe, die sie zu wirklich wunderschönen Cottages umgebaut haben, wie ich finde.
Ich erzähle von Berlin und von meinem Job und dass alle gekündigt haben, weil sie sich mit der Chefin nicht wohlfühlen und von Airbnb und von der Situation mit den Immobilien in Deutschland, speziell in Berlin. Und es ist wirklich egal, mit wem ich bisher darüber spreche, ob es Mitfahrer waren oder andere, jeder bestätigt die gleiche Entwicklung aus den großen Städten Europas. Auch eine große Auswirkung der Globalisierung nach meiner Auffassung.
Plötzlich schauen wir auf die Uhr und es sind schon 3 Stunden vergangen und wir haben noch nicht einmal überlegt, was für ein Ring es werden könnte, sie zeigt mir den Ring, den sie für ihre Tochter gemacht hat. Er ist bezaubernd schön, aber wäre für mich einfach nicht erschwinglich , weil so viel Gold darin verarbeitet ist.
Nach einer weiteren halben Stunde einigen wir uns auf ein sehr schönes Modell und besprechen noch einige Details. Sie fragt mich auch nach der Größe der Asche, ob es feiner Staub ist oder eher grob. Überrascht sage ich, dass ich keine Ahnung hätte, ich fahre ja nur mit der roten Kiste spazieren bzw. hierher, geöffnet hätte ich sie noch nicht. Doch natürlich leuchtet mir ein, dass in so einen Ring keine großen Krümel eingearbeitet werden können. Womöglich muss die Asche noch mit einem Mörser bearbeitet werden, mir wird ganz anders, als wir darüber reden. Sie ist sehr einfühlsam und bietet mir an, dass wir das alles zusammen machen könnten oder dass ich ihr die Asche einfach bringe und sie das dann tun würde. Zora hierherbringen und hier lassen? Der Gedanke scheint mir unvorstellbar. Wir entscheiden, dass ich am Donnerstag mit der Asche wiederkomme und wir dann sehen, wie es sein wird. Ich befürchte, ich könnte dann weinen und sie beruhigt mich und sagt, dass sie dann einfach auch weinen muss, das wäre alles ok.
Chris Wells Silversmith

Wir verabschieden uns sehr freundlich und ich fahre los in Richtung Penzance, denn gleich daneben liegt Newlyn und eine Galerie, die ich mir ansehen möchte.
Ich fahr ohne Navi und finde die Gegend so schön und verfahre mich offenbar doch etwas und lande dann kurz nach 16h erstmal bei einem Lidl. Sam hat mir versichert, dass man hier keine Plastikflaschen zurückgeben kann – ich hatte für die Fahrt einen Sixpack Wasserflaschen dabei und fahre diese seitdem spazieren. Der Lidl sieht aus wie in Deutschland, die Teesorten sind andere und die Kekse auch, ansonsten gibt es auch gleich am Eingang Croissants und andere Brötchen, nur dass diese offen herumliegen. Am Ende meines Einkaufs stelle ich fest, dass es tatsächlich keine Möglichkeit der Rückgabe gibt und dass ich die Flaschen wohl einfach in einem entsprechenden Recycling-Container entsorgen muss.

Ich fahre wieder nach Newlyn rein und finde einen Parkplatz vor einem Haus mit Hinweis auf eine Parkdauer von 20 Minuten und darunter steht
‚ no return within an hour‘ und ich verstehe nicht wirklich, was das bedeutet und lege einfach die Parkscheibe ins Fenster und hoffe das beste.
Die Galerie ist nur wenige Meter entfernt und ich habe Glück, denn sie schließen zwar um 17h aber ich darf noch hinein, nur das Cafe hätte schon geschlossen.
Es ist eine Ausstellung von jungen Künstlern – überwiegend Kunststudenten oder gerade fertigen Absolventen-, die entweder aus Cornwall kommen und ihr Gefühl und ihre Erfahrungen in Cornwall künstlerisch darzustellen versuchen.
Gleich im Erdgeschoss finde ich einige beeindruckende Arbeiten und bleibe fasziniert vor einer Videoinstallation stehen, deren Künstlerin Ellie Swingler heisst und sich von Daphne du Mauriers historischem Roman “ Frenchmans Creek“(1941) inspirieren ließ.
Dieser handelt von dem überraschenden Besuch von Dona, Lady St.Columb, mit ihren Töchtern auf dem Landsitz ihres Mannes in Cornwall. Sie findet heraus, dass dort ein französischer Pirat sein Unwesen treibt und mischt sich als Mann verkleidet unter die Piraten und findet heraus, dass dieser Pirat kein verzweifelter Räuber sondern stattdessen ein sehr gebildeter und kultivierter Mann ist- ganz im Gegensatz zu ihrem Ehemann – und verliebt sich in ihn. Das habe ich alles erst später nachgelesen, als ich Scott und Sam von der Ausstellung erzählte und Scott meinte, dass unglaublich sei, wie die Deutschen auf Daphne du Mauriers Romane fliegen und dass sie die englische Ausgabe unserer Rosamunde Pilcher ist, was allem Anschein nach nicht ganz so abwegig scheint.
Auf die Installation zurückkommend: die junge Künstlerin hat diverse Dias auf unterschiedliche Gegenstände projiziert und dazu aus dem Off passende Sätze aus dem Roman mit geheimnisvoll wispernder Stimme gesprochen.

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Auch in der oberen Etage finden sich einige interessante Arbeiten, doch am meisten beeindruckt mich das geschlossene Café, deren Rollos leider schon unten sind, aber das dennoch eine sehr schöne Sicht aufs Meer bietet.

Vor dem Café liegt ein Block und ein paar Filzstifte stehen in einem Glas bereit. Ich bin neugierig. Da steht ein offenes Buch und man sieht ein Foto von Elton John in jungen Jahren und daneben ist ein Brief abgedruckt. Ich begreife es zunächst nicht, doch dann sehe ich den Hinweis, einen Brief an sein 16jähriges ICH zu schreiben und den Umschlag zu tun und wenn man möchte, diesen offen zu lassen, damit auch andere ihn lesen könnten.
Das spricht mich sehr an und ich lese zunächst den Brief von Sir Elton John an sich selbst und dann die con anderen Besuchern und ich schaue auf die Uhr und habe noch 5 Minuten. Nach kurzem Zögern schnapp ich mir ein Blatt Papier und einen orangenen Filzstift und schreibe mir einen kurzen Brief. Und ich schreibe das, von dem ich gebraucht hätte damals, das es mir jemand sagt und ich freue mich, während ich mir in die Vergangenheit hinein diesen Gefallen tun kann und lese noch einmal nach und dann falte ich den Brief und lege ihn in den offenen Umschlag und tue es den anderen gleich und beschrifte diesen mit : Dear Patricia….

Newlyn Art Gallery

Beschwingt von der schönen Ausstellung und dem Gebäude verlasse ich die Galerie und spaziere noch ein bisschen herum, mache einige Fotos, esse ein original Cornish Ice und entdecke einen freistehenden Laden. Und der ist etwas heruntergekommen, total verglast, daneben verläuft ein kleiner Bach und es erinnert mich etwas an Hamburg an den Pölchaukamp, wo es auch wunderbares Eis gibt und ich glaube ein kleines Stück eines Seitenarms der Binnenalster verläuft. Und ich schaue durchs Fenster, sehe die ziemlich mitgenommene Küchenzeile und fange an zu träumen, was ich daraus machen könnte. Vielleicht ein kleines Cafe mit Galerie.Ich könnte Scones und Suppen anbieten. Könnte man den Raum vielleicht unterteilen und ich wohne einfach darin und werde Künstlerin und stelle meine Fotos aus? Und ich lese nochmal das Schild, auf dem steht „for sale“ und denke, schade, dass ich es nicht kaufen kann.

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11.Mai The Last Journey Zora

Am Morgen nach dem täglichen Nase streicheln auf dem Foto musste ich wieder weinen und war so unendlich traurig. (Ich tat das ganz leise, die andern schliefen noch im Haus und es ist hier sehr hellhörig und ich teile diesen Schmerz am liebsten mit mir selbst. )
Die Erkenntnis trifft mich zwischendurch immer wieder wie ein Schlag, dass ich sie außer auf Fotos nicht wiedersehen werde noch sie jemals wieder werde streicheln können.

Es ist einfach immer noch so unfassbar. Dennoch ist es ganz oft so, als hörte ich dann eine helle sanfte Männerstimme in mir, die für sie zu mir spricht und dann auf meine Klagen antwortet und mir sagt, dass sie bei mir ist. Mich stimmt das weder nachdenklich noch bekomme ich Angst. Ich nehme das einfach nur so hin. Ich wundere mich nur jedesmal ein wenig , weil ich denke, Zora war doch weiblich,seltsam dass sie eine Männerstimme hat.

Ganz ehrlich: Ist das Leben nicht wunderschön, dass es mich am Morgen noch so verzweifelt sein lässt und mir dann einen so schönen Tag schenkt? Das ist einfach unbeschreiblich. Allein schon die Begegnung mit Jeanne Moreau alias Margret zeigt eine ebenso unerwartete Entwicklung.
Ich bin so unendlich dankbar für all diese Erfahrungen.

11.Mai The Last Journey The Lizard – Cadgwith

Heute geht es zu den Eltern von Sam nach Cadgwith auf der im Südwesten liegenden Halbinsel The Lizard – der Name stammt aus dem Kornischen (Cornish english in Cornwall) „Lys Ardh“ und bedeutet so viel wie Hohes Gericht. Das Interessante an dieser Halbinsel ist, dass sie überwiegend aus Serpentingestein besteht, welches offenbar eine Art Granitgestein ist und vor allem in Architektur und auch bei der Fertigung von Skulpturen und Gefäßen Anwendung findet.
The Lizard liegt ungefähr eine Autostunde entfernt und wir nehmen das Auto von Sams Nachbarn, der offenbar verreist ist. Eigentlich bin ich eine eher miserable Beifahrerin, aber ich bin so neugierig, einmal in einem britischen Wagen mitzufahren, dass ich einfach einsteige. Das Witzige ist, dass es ein VW Golf ist und eben in britischer Ausführung mit dem Lenkrad auf der rechten statt wie bei uns auf der linken Seite. Ich war wirklich neugierig,ob die Schaltung und die Pedalführung wohl auch seitenverkehrt sein würde, aber es ist wirklich nur das Lenkrad, das irgendwie vertauscht wirkt, wenn man daneben sitzt. Es ist auch nur am Anfang ein komisches Gefühl, nach einigen Kilometern fühlt es sich beinahe gewohnt an.
Wie bei jeder bisherigen Fahrt hält Sam auch dieses Mal wieder auf der Strecke an, um irgendwo Bioprodukte mitten an der Landstraße zu kaufen. Wenn sie auch sonst eher unglaublich chaotisch ist, ist sie dennoch sehr bemüht,alles ‚organic‘ zu besorgen, auch wenn der Kühlschrank und das Haus an sich schon ein ‚real organic‘ Eigenleben haben, aber das fällt offenbar nur mir auf.
Wir erreichen den Ort Cadgwith bzw. die Zufahrt zum Haus der Eltern eher unerwartet, fahren plötzlich auf einem schier endlosen Grünstreifen entlang, als Sam plötzlich mitten im Nirgendwo meint ’so here is my parents‘ place‘ . Ich seh mich um und außer wildem Grün kann ich nichts entdecken. Noch bevor wir um eine Biegung fahren, rumpelt der Wagen plötzlich unter uns und Sam ist aufgeregt und sagt, die Bremse funktioniert nicht mehr. Wir stehen aber bereits. Und sie versucht und tritt und sagt, sie fährt keinen Meter weiter mit dem Auto, wenn die Bremse defekt ist – absolut verständlich. Ich kann leider nicht aussteigen, da wir neben einer Hecke stehen und zwar so nah, dass sich meine Tür nicht öffnen lässt. Und so rutsche ich rüber und frage, ob ich es nochmal versuchen darf und einmal starten und vorwärts fahren zeigt mir, die Bremse funktioniert doch einwandfrei. Sie hatte einfach den Wagen abgewürgt und dann funktioniert der Bremskraftverstärker nicht mehr. Aber das musste ihr Freund Scott später nochmal versuchen, sonst hätte sie es nicht glauben können.

Es ist nicht so, dass Sam eine typische Frau wäre, die Männer alles checken lässt. Sie ist eher der sportliche Typ Frau, der sich so gar nicht ums Äußere kümmernd stets wenn nicht barfuß in jedem Fall mit zwei verschiedenen Socken rumläuft, sie könnte auch ein bißchen die Schwester von Pippi Langstrumpf sein. Aber worum ich sie wirklich auf eine Art beneide, ist ihre extreme Gelassenheit, dass sie sich um keinerlei Haushaltsdinge oder unnötige Verpflichtungen gesellschaftlicher Natur zu kümmern scheint, sondern nur um das, was ihr gerade wichtig erscheint oder was sie erledigen will.

Wie dem auch sei, ich fahre den Wagen vor nun wirklich bis zum Haus der Eltern und da steht eine Frau mit einem Gesicht ein bißchen vom Typ Jeanne Moreau allerdings mit unglaublich tiefen Furchen und scheinbar schlecht gelaunt, denn ich kann nicht einmal eine Spur von einem Lächeln entdecken, als sie mich sieht. Eine kleine Staffordshire-Hündin kommt mir entgegen und begrüßt mich aufs Freundlichste und läuft dann an uns vorbei den Weg hinunter und Jeanne Moreau ruft Sam über den Zaun hinweg zu, wo denn Pearl (offensichtlich der Hund) wäre und Sam läuft den ganzen Weg zurück,bis sie ihn wiedergefunden hat. In der Zwischenzeit und da Jeanne Moreau, obwohl sie inzwischen auch zu uns rüber gekommen ist, keinerlei britische Anstalten einer Vorstellungszeremonie unternimmt, gehe ich ihr freundlich lächelnd in der Absicht, den Bann zu brechen, mit ausgestreckter Hand entgegen und sage ihr meinen Namen und das mir bekannte obligatorische ‚Nice to meet you‘ und sie erwidert mit verrauchter eher genervter Stimme, dass Sam doch eigentlich einen Freund mitbringen wollte und zwar Scott. Trotz der nahenden 49 steige ich immer noch auf die Eltern-Kind-Nummer ein und erkläre sogleich entschuldigend, dass er zusammen mit dem Enkelsohn nachkäme , und dann gibt sie mir doch die Hand und ich erfahre, dass sie Margret heisst.
Das fängt ja schon mal gut an, aber irgendwoher muss ja diese unendliche Gelassenheit herrühren. Also gehen alle in den Vorgarten und dann ins Haus. Plötzlich tritt ein älterer Herr mit gebrochenem Deutsch ein und sagt: ‚Guten Tag, ich bin Charlie, ein bißchen dumm und ein bißchen taub‘ und strahlt mich freundlich an, während er mir die Hand reicht. Ein sehr sympathischer alter Mann steht da, der wesentlich jünger aussieht als sein Pendant. Er verwickelt mich indes sofort ins Gespräch und wir gehen in den Garten und er beginnt zu erzählen, wie er als Ingenieur der AirForce in Fallingbostel stationiert war und dort mit seiner Frau 2 Jahre 1964 lebte. Und da falle ich gleich ein und lache, weil ich in Erdkunde in der 10.Klasse ein Planspiel machen musste, bei dem wir Argumente aufbringen mussten, warum Fallingbostel ein Schwimmbad braucht. Und er pflichtet mir lachend bei, denn tatsächlich brauchte Fallingbostel ein Schwimmbad damals, da es nur eine Grube hatte, in die Wasser aus dem benachbarten Fluss eingeleitet wurde und das war alles eher wie ein Tümpel. Und so machte er sich eines Tages mit ein paar anderen an die Arbeit und trommelte die Leute zusammen, dass sie ein echtes Schwimmbad bauen sollten. Und tatsächlich kriegten sie genug zusammen und bauten einen riesigen Pool, der bis vor 2 Jahren dort auch noch stand und inzwischen durch ein riesiges Spaßbad ersetzt wurde. Inzwischen kommt Scott mit dem Enkelsohn von Charlie und Margret an. Die 3 Schwestern und 2 Brüder, also die Kinder von Charlie und Margret haben bis auf die eine Tochter alle keine Kinder. Obwohl sie alle eine tolle Kindheit hatten, wollte offenbar niemand von ihnen eine Familie gründen. Und die eine Schwester ist offenbar sehr jung von einem Portugiesen schwanger geworden und bekam eben Claudio, den einzigen Enkelsohn. Da taut selbst Margret etwas auf und kommt mit einer Zigarette in den Garten und lächelt ihren Enkel an. Und irgendwann, während Charlie so erzählt, kommt sie rüber und bremst ihn etwas, was sicher freundlich gemeint ist und doch für mich unnötig, weil ich seine Art, die Geschichten zu erzählen, so angenehm finde. Er sprüht trotz seines Alters so vor Lebensfreude und an irgendeiner Stelle frage ich mich, was er wohl für ein Sternzeichen sein könnte und tippe so gefühlt auf Zwilling. Er plappert nämlich offensichtlich genauso gern wie ich. Und Sam meinte außerdem gleich zu Beginn, dass ihr Vater gern Gesellschaft hat.
Wir gehen schon bald auf unsere erste kleine Runde zu dem Grünstreifen, auf dem wir herkamen. Und er beginnt noch im Garten, mir Schnittlauch zu zeigen, dass ich nicht erkannt hätte, weil er mir die Blume daran zeigte. Dann ging es weiter mit einer Pflanze namens ‚Campion‘, der Licht- oder auch Feuernelke genannt, die es in rosa und weiss gibt und am Meer die sogenannte Sea Campion, die aufgrund der Wetterverhältnisse am Meer ihre Stengel entsprechend verkürzt hätte, wie er mir erklärt.

Charlie führte mich noch in den Garten hinter dem Haus, als Margret ihm gleich zurief, wir sollten nicht zu lange bleiben, ‚dinner will be ready in a minute‘ . Er führte mich über einen kleine Stile in einen viel größeren Garten als den Vorgarten, ehrlich gesagt, konnte ich überhaupt nicht einschätzen, wo er beginnt und wo er endet. Ich hatte ihn schon auf dem Grünstreifen vor dem Haus gefragt, ob das zu seinem Garten gehört und er sagte, das sei nur der Anfang, sie hätten 1 Hektar. Und auch das, was ich oberhalb des Weges sehen würde, gehört dazu. Da waren überall Bäume und Sträucher und alles sah herrlich wild und überhaupt nicht nach gepflegter britischer Gartenkultur aus.

Wir passieren Salatbeete, noch etwas mickrige Rhabarberbeete,diverse Apfelbäume, Walnuss-und Kastanienbäume u Eichen und Birken-alle Bäume haben sie selbst vor 20 Jahren gepflanzt . Und dann ertönt die Glocke, mit der uns Margret zu Tisch ruft.

Nach dem wirklich überraschend leckeren britischen Essen mit Yorkshire Pudding, diesen kleinen runden Blätterteigförmchen, die aussehen, als würde ihnen die Füllung fehlen, gibts noch einen Tee und Margret schaltet den Fernseher ein , weil sie das Autorennen sehen will. Ich bin angenehm überrascht , denn sie ist die erste Frau in dem Alter, die ich treffe, die auf Car-Racing steht, das macht sie schon wieder etwas sympathischer und sie scheint sich auch ein wenig daran gewöhnt zu haben , dass ich da bin.
Denn bevor wir alle zusammen losgehen , sehe ich mir noch ein Bild der Familie aus der Zeit an, als Sam und ihre Schwestern und Brüder noch Kinder waren, als Margret die Treppe herunterkommt und mir unvermittelt ihr Beileid ausspricht über den Verlust von Zora und ich verliere beinahe die Fassung und fange mich dann jedoch rasch wieder u bedanke mich für ihre Anteilnahme. Und sie fragt mich nach Zoras Rasse und ich zeige ihr ein Foto und als sie erklärt, dass es jedesmal furchtbar ist,wenn man sie gehen lassen muss, erkläre ich ihr, dass es mein erstes Mal war und dass ich Zora kannte, seit sie 5 Tage war bis zu ihrem Ende und sie schaut mich kurz betroffen an.

Wir gehen dann alle zusammen mit dem Hund spazieren und runter ins Dorf und Charlie erzählt und wir halten hier und dort und er weiß so viel über die Geschichte des Ortes, das es überaus spannend ist, ihm zuzuhören. Er erzählt von den Lotsenbooten, die die großen Schiffe sicher in den Hafen geleiten-ich erinnere das gut aus Hamburg-und er fährt fort, dass die Lotsen sehr viel früher im 19. Jh um diesen Job sehr stark konkurrieren mussten. Es verhielt sich folgendermaßen: oben auf der Klippe befindet sich eine Hütte. Von dort hielt eine Art Späher mit einem Fernrohr Ausschau nach sich nähernden Schiffen und sobald er eins sah, rief er hinunter zum Hafen und die Lotsen brachten in aller Eile ihre Boote zu Wasser, denn wer das eintreffende Schiff zuerst erreichte, bekam den Job und verdiente so manches Mal vielleicht das Geld für die nächsten Tage, um die Familie zu ernähren. Und Charlie’s Augen strahlen und er lächelt so schön bei jeder einzelnen Geschichte und bei allen Pflanzen, die er mir zeigt und es macht solch einen Spaß, einfach weil es ihm auch so eine Freude bereitet, dass ich mich für ihn und für mich freue, dass ich an dieser sehr persönlichen Führung teilhaben darf.
Unser Pfad führt uns weiter bergauf zu ‚The Devil’s Frying Pan‘ und oberhalb der Küste entlang, wo sich uns ein abermals wunderschönes Panorama eröffnet. Und Charlie zeigt auf die alte Satellitenstation der British Telecom, die 1962 als eine der größten der Welt dort installiert wurde. Und weiter vor uns sieht man auf der nächsten Klippe eine Art Wärterhäuschen, dass in 1990 er Jahren wieder in Betrieb genommen wurde von Freiwilligen – auch Margret hat dort schon ihre 4 Stunden-Schicht auf Beobachtungsposten geschoben. Die Bevölkerung hatte diese Initiative zur Reaktivierung der Lifeboats Services ins Leben gerufen, nachdem zwei Fischerboote gekentert und ihre Mannschaft ertrunken waren. Die Regierung hatte diese Lifeboats schon vor Jahren eingespart, da alle Boote inzwischen mit Funk ausgestattet waren. Aber manche von den kleinen Booten eben nicht und so kam es zu dem Unglück.
Wir kehrten landeinwärts ein und kamen an eine mittelalterliche Kirche, zu der kein richtiger Weg führte. Sie stand quasi mitten auf der Wiese und niemand hat je herausgefunden, warum das so ist. Und er erzählte mir von der Erdstrahlung und dass ein Freund von Sam das mit einer Wünschelroute abgelaufen wäre und herausgefunden habe, dass diese Kirche und eine kleine Kapelle und auch Charlie’s und Margret’s Grundstück auf dieser Linie gebaut wäre und auch dafür gäbe es bis heute keine wirkliche Erklärung.

Ich werde jetzt nicht alle Pflanzen wiedergeben können, aber nur so viel dazu. ich habe etwa 20 englische Pflanzennamen bzw. auch Unkrautarten kennengelernt und auf so eine charmante und nette Art und Weise, dass ich sie mir alle von Charlie habe aufschreiben lassen und sie mir auch gleich übersetzt habe. Ich fand das einfach so schön, wieviel Zeit sich Charlie genommen und wieviel Mühe er sich gemacht hat und immer noch ein kleines Blumenbuch bei sich hatte und auch noch Margret nach der einen oder anderen fragte, dass ich mich ihm gegenüber einfach gern verpflichtet fühle, mir die Namen einzuprägen.

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Inzwischen begann ich nun zu frieren, ich hatte mich ja schon am Tag zuvor am Meer etwas verkühlt und so drängte ich auf unsere Rückkehr.

Die anderen sind auch grad zurück, als wir ankommen und wir trinken noch einen Tee und Margret macht ein Feuer , während die Familie eine TV Show ansieht, was irgendwie zu dem ganzen Procedere vorher gar nicht richtig passen will. Wieder streichle ich den Hund und spreche lieb mit ihr und lobe sie und frage Margret, wie es denn mit den Spaziergängen mit Pearl so geht, seit sie ihr Bein verloren hat. Bei Pearl wurde vor zwei Monaten Knochenkrebs festgestellt und so mussten sie das linke Hinterbein komplett amputieren.

Eine Weile später brechen Sam und ich auf und als wir uns verabschieden und ich mich zum dritten Mal bei Charlie für seine Mühe und die schöne Führung bedanke, will ich Margret die Hand geben und sie zieht mich etwas näher und gibt mir einen Kuss auf die Wange und wünscht mir einen schönen Aufenthalt und wir fahren davon.

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10. Mai The last Journey St.Buryan, Porthgwarra und die Seehunde

Heute ist Farmersmarket im Nachbardorf. Ich frage Sam, ob es sich lohnt. Eigentlich redet sie es mir beinahe aus und als ich sage, ich fahr da kurz vorbei, um nach Käse zu schauen, will sie plötzlich auch mit. Wir kommen in ein kleines Gemeindehaus, man begrüßt sich sehr freundlich schon am Eingang. Alle lächeln einen an, ein sehr angenehmer Empfang. Gleich neben dem Eingang befindet sich ein Stand mit englischen Delikatessen, natürlich auch Scotch Eggs, diversen Pies mit Fleisch und Fisch. Der Käsestand ist gleich daneben -kein Vergleich zu meinem Lieblingskäsestand in der Markthalle am Marheinekeplatz- aber der Herr mit pinkfarbenem Hut und kleiner Blume daran ist irgendwie witzig und verhält sich eigentlich überhaupt nicht wie ein Verkäufer. Nachdem ich alle Sorten – vielleicht 5 an der Zahl – probiert habe, entscheide ich mich für den einzigen Ziegenkäse. Tatsächlich schmeckt er mit Brot wirklich gut, wie sich später herausstellt.

In einem hinteren Raum ist ein Stand mit Wolle und einem wirklich kruden älteren Ehepaar. Ihm fehlen die mittleren Schneidezähne im Oberkiefer, als er mir die verschiedenen Strickvarianten der synthetischen Wollarten präsentiert und ich mir die schrillsten Färben an verdrehten Schals ansehen darf. Leider sind sie alle so gar nicht nach meinem Geschmack, so dass ich Ihnen nicht einmal aus Nächstenliebe ein Modell abkaufen möchte.
Dennoch frage ich, ob ich das herrlich bunte Bild verewigen darf und so ergibt sich natürlich gleich die Frage, woher ich komme und ob ich schon in St.Ives war. Und die Frau empfiehlt mir mit nur noch verbliebenen zwei Schneidezähnen im Unterkiefer in aller Freundlichkeit eine Route von einem Park and Ride Parkplatz aus, da man dort einen wunderbaren Bummelzug nehmen kann und eine wunderbare Aussicht auf die Küste haben soll. Und dann beginnt sie zu erzählen, dass sie aus St.Ives kommt, aber dort nichts mehr sei wie früher und sie wegziehen mussten, weil sie sich dort kein Haus mehr leisten konnten. Und sie beschwert sich über den zunehmenden Tourismus dort und klagt, dass es ursprünglich ein so wunderschönes kleines Fischerdorf gewesen sei und durch die Neubauten um die Tate Gallery herum und die ganzen Touristen alles völlig verdorben sei. Sie sei kürzlich mal dort gewesen und sie würde niemanden mehr kennen, obwohl sie dort ihr ganzes Leben verbracht hätte und da hätte ihr doch jemand gesagt, er sei von dort und sie erwiderte nur „. Ach tatsächlich?Wielange Leben Sie denn schon hier?“ und die andere Person:“ schon seit 10 Jahren..“ Ich kenne diese Art der Dialoge aus eigener Erfahrung in Berlin und sie hat mein Mitgefühl. Wir reden ein bisschen über Globalisierung und ich versuche ihr die Vorzüge aufzuzeigen. Als sie so spricht und ich sie beobachte beim Sprechen, nehme ich die unerwartete Würde wahr, mit der sie alles erzählt. Ich bin sehr berührt. Sam kommt noch zum Gespräch dazu und nach einer Weile verabschiede ich uns nicht ohne meinen aufrichtigen Dank für alle ihre Empfehlungen auszusprechen und gehe mit Sam wieder in den Hauptraum zurück. Dort sehe ich mir die Ringe an einem Schmuckstand an und die Silberschmiedin spricht mich an und erinnert mich so sehr an eine Bekannte, dass sie mir gleich sympathisch ist.
Überhaupt stelle ich mit zunehmendem Alter fest, dass ich häufiger auf Menschen treffe, die mich manches Mal an angenehme frühere Begegnungen oder Bekannte, Freunde ja sogar Verwandte erinnern und somit von vornherein gleich mein Herz öffnen – sicher ist das nicht immer ungefährlich, wenn ich dieses dann auch noch auf der Zunge trage . Doch glücklicherweise bin ich mit dieser dann unbegründeten Vertrauensseligkeit auch meistens gut gefahren.

Ich frage sie nach einer Art Kettenanhänger, in den man etwas einfüllen könnte- und denke an einen Teil von Zoras Asche. Wir kommen natürlich irgendwie doch auf dieses Thema und Chris, die Silberschmiedin erzählt von ihrer Tochter und dass sie ihr als deren Pferd gestorben ist, einen speziellen Ring angefertigt hat, einen Teil der Asche dort eingefüllt und die Öffnung mit einem Schmuckstein versiegelt hätte. Das klingt sehr interessant und da sie wirklich einige außergewöhnlichen Schmuckstücke dabei hat, schlage ich ihr vor, dass wir uns verabreden und ich mir ein paar Vorschläge von ihr machen lassen würde. Wer selbst mal schauen möchte: http://www.millstonesilverworks.co.uk

Wir verabschieden uns und der Markt ist vorbei und so helfen wir noch ein paar Leuten beim Abbauen und Einladen, weil Sam manche kennt und weil das hier einfach so funktioniert – wie eine Gemeinschaft eben, das macht es hier so attraktiv für mich, dieses Gefühl des Miteinanders kommt hier irgendwie stärker durch als in der Großstadt.

Wir halten noch in Treen, dem Nachbardorf, in dem nicht nur das Künstlerpaar aus St. Ives ( die Ausstellung der 4 Frauen in St.Ives) lebt, sondern wie sich gleich herausstellt, auch ein Komponist (Graham Fitkin) und eine Harfenistin (Ruth Wall). Wir gehen kurz ins Cafe zu Adele ein Brot kaufen und ich trinke dort kurz einen Kaffee und lausche dem Klatsch und Tratsch- es ist einfach wie überall nur alles in Englisch, aber ansonsten kein Unterschied. Sam holt vom einen Hof noch Milch, vom anderen die Möhren und nachdem wir Scott, der auch dort wohnt, beim Abladen des Kajaks geholfen haben, fahren wir zurück und waren ganz plötzlich 3 Stunden unterwegs, ohne es bemerkt zu haben. Das macht alles sehr viel Spaß with a local at my side.

Das Wetter schlägt Kapriolen wie im April: es wechselt zwischen Regen und Sonne und ist unglaublich stürmisch und kalt. Aber dieses wilde Wetter ist eben auch schön mit seiner Dynamik und Kraft und ich mag es sehr.

Irgendwann am Nachmittag schlägt Sam einen Spaziergang vor und ich gehe kurzentschlossen mit. Sie führt mich über Hügel und Felder auf Pfaden, die ich nicht kenne und entlang der Küste und das Licht ist so schön und die See so rau. Es ist einfach nur herrlich hier zu sein. Wir blicken über Porthcurno Beach, wo ich am ersten Tag war, lassen Porthcurno Chapel links unter uns liegen und wandern weiter durch unendlich viele Blue Bells up and down Richtung Pothgwarra. In dieser Bucht werden häufig Seehunde gesehen und Sam bleibt einen Moment stehen und beobachtet das Meer und dann die Bucht und plötzlich zeigt sie auf die Seals – die Seehunde unten im Meer in Strandnähe. Ich jauchze auf vor Freude, denn ich habe noch nie welche gesehen und wir gehen noch weiter runter und klettern bei absolut hohen Windstärken über Felsen und Steine und gelangen so nah heran, dass uns nicht nur der Wind sondern auch die Wellen beinahe umzuwerfen drohen. Und ich bin so glücklich über die Seehunde und wir machen Geräusche, weil sie dann neugierig werden, sagt Sam und dann strecken sie ihre Köpfe aus dem Wasser und ich mache Fotos und freu mich wie ein Kind das erste Mal über einen Weihnachtsbaum.

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Wir versuchen es trotz des Sturms fast eine halbe Stunde und es ist zwar etwas weniger Wind in der Bucht als oben auf dem Hügel, aber dennoch gehts weiter dem Wind und der bald untergehenden Sonne entgegen.
Es gibt so viele schöne Dinge neben den Blumen und dem Meer zu sehen, der Wind ist so stark, dass wir uns an einigen Stellen einfach mit dem Rücken zu ihm hinstellen und uns ihm entgegenlehnen. Wir sehen Höhlen mit in Felsen, Kraterförmige Öffnungen mitten auf einer Wiese, die wiederum ins Meer führen und hören das Meer und die Gischt, wie sie gegen die Felsen peitscht.

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Dazwischen taucht am Himmel weit draußen auf dem Meer im Wechsel zwischen Wolken und Sonne sich stets wiederholend die Ahnung eines Regenbogens auf und verschwindet im nächsten Moment wieder.
Alles zusammen genommen, der Weg, die verschiedenen Küstenabschnitte, die Wellen, die in jeder Bucht anders aussehen, der stürmische Wind – all das ist ein Naturerlebnis ohnegleichen.

Auf dem Rückweg gehen wir einen etwas anderen Küstenweg entlang und wir sehen Lands End in der Ferne, die hintere Landzunge auf dem Titelbild oben stellt den wirklich westlichsten Zipfel Cornwalls und somit Englands dar.
Und irgendwo da auf dem Weg durch den Sturm an der See entlang auf einer Klippe ist sie wieder da bei mir und ich muss gegen den Wind und den Lärm der brechenden Wellen kurz ganz bitterlich weinen und bin froh, dass Sam schon weiter weg ist und mich nicht hört.
Und dann geht es wieder weiter – wie jeden Tag.

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9. Mai The Last Journey St. Ives

Der Wind bläst hier jeden Tag ums Haus. Wenn er nachts von der Küste heraufweht, dann könnte ich schwören, ich höre die Wellenwie sie kommen und gehen. Auch wenn die Unterkunft gewöhnungsbedürftig ist, möchte ich diese kleinen Details nicht missen. Abgesehen davon, dass es hier wirklich super relaxed und locker zugeht. Das Haus steht immer offen, wurde noch nie abgeschlossen, seit die Schwestern hier wohnen. Obwohl Zora mich nicht mehr beschützen kann, bereitet mir das vom ersten Tag an keinerlei Sorgen.

Heute scheint die Sonne und es ist blauer Himmel. Das Wetter ändert sich so nah am Meer -es sind ja keine 10 Minuten downhill zum Porthcurno Beach- oft sehr schnell. Auch das fühlt sich sehr stimmig für mich an, ich glaube, deshalb kann ich es hier noch gut eine Weile aushalten. Meine Stimmungswechsel verhalten sich gottlob nicht wirklich proportional zum Wetter.
Auf dem Weg fort von hier und egal wohin fährt man im Grunde immer dieselbe serpentinenartige Straße über Penzance. Die Straßen sind hier von riesigen blumenbewachsenen Hecken umsäumt, das ist so schön, dass es mir inzwischen beinahe heimatliche Gefühle bereitet.

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Irgendwo auf dieser Strecke taucht scheinbar mitten aus einer dieser Hecken ein selbstgemachtes Schild auf mit folgendem Hinweis :
“ Craft Works, Fresh Mushrooms, OPEN“
Ich erkundige mich bei Sam, meiner Gastgeberin, ob sie wüsste, was sich dahinter verbirgt. Sie meinte, ich solle es einmal herausfinden und ihr davon berichten.
Und als ich auf meinem Weg über Penzance Richtung St. Ives war, kam ich wieder an diesem Hinweisschild vorbei und bog kurzerhand auf die Einfahrt ab. Nachdem es aussah, als handelte sich einfach um eine Zufahrt zu verschiedenen Grundstücken parkte ich den Wagen und sah mich um. Es war kein weiterer Hinweis zu finden und so schaute ich weiter und stand vor einem sehr sympathischen kleinen Vorgarten mit einem Buddha und einem kleinen Schild, auf dem stand : „Welcome to my garden“. Und schon kam eine Frau aus der Tür heraus und begrüßte mich und ich erzählte, dass ich das Schild gesehen hatte und sie war sehr freundlich und führte mich zu einem Schuppen neben dem Haus und zeigte auf dem Weg auf große Champignons aus verschiedenen Hölzern, die geradezu als Hocker im Garten dienen konnten. Dann kam noch ein Mann mit für diese Gegend auffallend über die Schultern hinausgewachsenen gepflegten langen Haaren dazu, der etwas verschlafen aber ebenso freundlich wirkte und in den Plastikkisten im Schuppen nach weiteren, filigraneren Holzpilzen suchte. Sie kamen mir zwar nicht wie ein Ehepaar vor, doch das waren sie und nachdem ich auf ihre Fragen hin erzählte, woher ich kam und wieso ich die Reise machte und was geschehen war, hatte ich eine verwandte Seele getroffen, denn auch sie hatten vor einiger Zeit ihren Hund verloren, der einen Hirntumor hatte. Die Frau und ich vergossen ein paar Tränen zusammen – eigentlich unabsichtlich, aber das verbindet ebenso schön wie gemeinsam zu lachen – und sie erzählte von ihrer deutschen Freundin Rosie, die vor vielen Jahren aus Aachen gekommen war und kaum Englisch sprach und dass sie beide in London studierten und sie immer noch eine innige Freundschaft verbindet. Lorraine und Rob waren vor etwa 5 Jahren von London hier runter gezogen und sie fand, das müsste ich auch unbedingt tun und zeigte mir gleich den Ausblick hinterm Haus und meinte, ihr Nachbar würde verkaufen und sie würden auch etwas größeres suchen, da sie gern Meditationsworkshops geben würde mit Übernachtungsmöglichkeit.
Allein von ihren Holzarbeiten (www.craftsworkltd.co.uk), die sie auf verschiedenen Märkten im Land anboten, konnten sie nicht leben. Die Jobsituation wäre hier nicht so gut, allerdings würde man leicht etwas finden, wenn man ein Handwerk könnte und sie überlegte ein paar Minuten fieberhaft, wo man mich unterbringen könnte und dass man leider aber auch schlecht bezahlt wird.
Und ich solle mir unbedingt wieder einen Hund zulegen, die Tierärzte wären so freundlich hier unten und die Tiere hätten hier so viel Auslauf. Nur auf ‚Farmland‘ müsste ich aufpassen, da die Farmer die Hunde, sofern sie sich den Tieren dort nähern und für diese eine Gefahr darstellen konnten, von den Farmern erschossen werden. Da müsste ich sehr aufpassen.
Das war alles sehr liebenswürdig, wie sie mein Leben dort plante und es kam so von Herzen. Und nachdem sie mir noch einen sehr magischen Ort empfohlen hatten mit alten riesigen Wunschbäumen, luden sie mich ein, unbedingt wieder vorbei zu kommen und gaben mir ihre Karte. Es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten uns nach diesem langen Gespräch von gefühlten 3 Stunden (und tasächlich etwa 45 Minuten) umarmt. Stattdessen versicherten wir uns doppelt und dreifach, dass wir uns freuten, uns kennengelernt zu haben und das Gespräch sehr genossen hatten.Ich freute mich über die Wärme und ehrliche Herzlichkeit und versprach, nach dem Besuch des Wunschbaums nochmals vorbeizukommen.

Nun war es jedoch an der Zeit, schnell nach St.Ives aufzubrechen, denn wie überall hier, wurden die Bürgersteige bereits um 17.00h hochgeklappt und ab 21.h bekam man selbst im Pub nichts mehr auf den Tisch, was den Magen füllen konnte.

St. Ives ist nicht wirklich weit weg, vielleicht 30 Minuten entfernt von hier. Dort angekommen, bin ich zunächst damit beschäftigt, den Schildern zur Tate Gallery zu folgen. Es geht bergauf und bergab und irgendwann mündet die Straße direkt zur Tate Gallery und ein Schild sagt mir „Just turning point here“ – ok also wieder den ganzen Hügel steil nach oben auf der Suche nach einem Parkplatz, der vielleicht nicht so weit ist, das ich das Gefühl habe, von Penzance aus loslaufen zu müssen. Schließlich werde ich fündig und trabe einer scheinbar aus dem Nichts aufgetauchten Menge Touristen aus einem offenbar deutschen Reisebus hinterher und eine Treppe hinab in Richtung Town Centre. Ich mag kein deutsches Wort hören, merke ich und sehe zu, dass ich die Gruppe rasch überhole.

Nachdem ich die Northern Terrace erreiche, verzweigt sich downtown St.Ives ziemlich schnell in mehrere kleine Gassen, sog. Lanes und ich versuche weiter, dem auch dort vorherrschenden Touristenstrom zu entkommen, in dem ich erneut die Richtung ändere. Und da ist wieder ein Hinweisschild für die Tate Gallery und ich folge diesem und als ich nochmals abbiegen müsste, steh ich unvermittelt vor dem Barbara Hepworth Museum and Sculpture Garden, das mir von mehreren Leuten hier empfohlen wurde. Ich schaue kurz auf die Uhr und entschließe mich, zuerst die Skulpturen anzusehen bevor ich die Tate Gallery besuche. Ich entscheide mich für ein Kombiticket für beide Ausstellungen und erfahre, dass die Tate Gallery ( due to works ) bis nächsten Freitag geschlossen ist – super! In London hab ich es nicht geschafft hinzugehen und hier ist geschlossen.
Als ich eintrete, hab ich meine kurze Enttäuschung jedoch sofort vergessen und tauche ganz in die Atmosphäre des Hauses ein. Zunächst ohne zu wissen, dass dies ihr Atelier und ab 1950 bis zu ihrem Tod auch ihr Wohnhaus war. Ihre Lebensabschnitte, viele Kritiken und Bilder ihrer Werke sind dort zu sehen und am Ende ihre Todesanzeige von 1975. Sie war mit einer Zigarette eingeschlafen. http://barbarahepworth.org.uk
Sie kannte viele namhafte zeitgenössische Künstler wie Henry Moore oder Kandinski. Sie stellte auch mit Ben Nicholson, ihrem Ehemann Nr. 2 gemeinsam aus und hatte Drillinge mit ihm, die heute ungefähr 80 Jahre alt sind und die irgendwie alle Künstler geworden sein sollen ebenso wie deren Kinder und Enkel, wie mir eine Galeristin aus der benachbarten Galerie später erzählt und mir die Werke von Kate und Rachel Nicholson zeigt.

Das Haus hat eine so einnehmende offene Atmosphäre, man kann in diesem Haus atmen und hat das Gefühl, die kreative Energie dort förmlich zu spüren. Es ist unbeschreiblich schön dort zu sein und auch der Garten mit seinen Skulpturen ist überwältigend. Das Atelier ist von außen einsehbar und es wirkt so, als käme sie jeden Augenblick zurück und arbeitet weiter.
Hier ein paar Eindrücke :

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und hier noch der lebendige Ausdruck des Wohlbefindens in diesem Garten:

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Ich kehre in einen kleinen Lebensmittelladen ein und versuche meine ersten nicht von mir selbst gebackenen Original Scones with clotted cream, auch sehr gut auch wenn ich die clotted cream nicht wirklich vertrage, verstehe ich jetzt sehr gut, dass se eigentlich dazu gehört. Ich kaufe in einem anderen Geschäft noch ein Brot und mein erstes Scotch Egg

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– eine Art Frikadelle mit einem hartgekochten Ei im Bauch, das ganze von Brotkrumen ummantelt und sehr knusprig- und obwohl ich dem Fleisch vor einer Weile fast gänzlich abgeschworen habe, probiere ich es, als ich wieder am Auto bin, um doch meinen Parkschein zu verlängern – ich dachte nicht, dass ich so lange bleiben würde. Ich setze mich in den offenen Kofferraum und esse und dann ist da wieder ein kleiner Gedanke, die Erinnerung, wie ich ihre Pfote gehalten habe bis sie kalt wurde und wie sehr ich das immer geliebt habe, weil ihre Pfoten so schön groß und kuschelig waren, von klein auf an- wie sie sie jedesmal nach kurzer Zeit weggezogen hatte, weil sie das eigentlich nicht mochte. Ich breche in Tränen aus. Es ist nicht so schlimm wie am Vortag, aber ich bin einfach immer wieder geschüttelt von der Trauer auch um die Erinnerung. Den Strand wage ich später nicht entlangzugehen, einfach weil sie ihn so sehr gemocht und ich Sturzbäche zur Meereserweiterung beigetragen hätte. Erleichterung finde ich schließlich,als ich das folgende Schild später entdecke und froh bin, dass sie nicht mehr physisch dabei ist:

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Ich gehe weiter Richtung Hafen und gelange an den St. Ives‘ Arts Club (siehe Titelbild) und das sieht einladend aus und ich entdecke ein Schild, dass Kurzfilme gezeigt werden und gehe hinauf in die erste Etage. Ein schöner alter Raum mit einer Bühne zeigt sich mir, der mich an das Magazin-Kino in Hamburg erinnert. Einige Leute sitzen herum und füllen Zettel aus. Ein wenig wie früher beim Kurzfilmfestival der Berlinale.
Unten ist eine Galerie und freundliches Gelächter dringt an meine Ohren, ich sehe bunte Farben und nette grauhaarige Ladies, die nicht so alt sind wie sie allein aufgrund ihrer Haarfarbe scheinen. Der Raum ist vielleicht 25qm groß und es sind Kunst aus Keramik und aus Filz sowie Bilder befinden sich darin. Es ist in einzelne Abschnitte unterteilt, jeder Abschnitt enthält eine Seite mit einem Foto der jeweiligen Künstlerin und ihrem persönlichen Statement zu ihrer Kunst – äußerst sympathisch und feinsinnig, was ich da lese. Und ich nehme die angenehmen Stimmen der angeregten und doch leichten Unterhaltungen der Frauen wahr und es ist schön und ich fühle mich auch dort sehr wohl. Ich schleiche eine Weile um eine wunderschöne Keramikschüssel von Serena Gwynn, die ein symmetrisches eher archaisches Muster in sich trägt. ich frage mich, ob ma dieses wunderschöne Stück auch auch benutzen kann – leider nicht wie ich später von ihr erfahre. Dann sehe ich mir die Bilder an und erfreue mich sehr an den Farben und lese interessiert, was Jenny für einen Hintergrund hat und erfahre, dass sie eigentlich immer Galeristin war und irgendwann selbst begann, mit Farben zu experimentieren und dass ihre Bilder ihr die Möglichkeit geben, ihre Lebensreise besser zu begreifen. Das spricht mich sehr an und nicht dass ich wirklich malen könnte, aber wenn ich den Pinsel in die Hand nehme und genau wie sie dieses Gefühl bekomme, dass ich ruhig werde und hier bin und jetzt – dann spricht mir das Gesagte dort sehr aus der Seele und ich bedauere, dass ich wirklich alles im Überfluss nur keine Malsachen mitgenommen habe.
Irgendwie komme ich mit den Damen ins Gespräch und die eine, die Pat heisst fragt mich, woher ich komme. Und sie erwidert auf meine Antwort, dass sie sich dachte, dass ich von weiter weg käme. Und wir sprechen alle eine Weile und ich sage ihnen, wie ansprechend ihre Kunst sei und die persönlichen Statements dazu und ihre Anwesenheit die Ausstellung zu einem sehr familiären Event machen. Das nehmen sie dankend an und eröffnen mir, dass es ihre Finnissage sei und ich quasi die letzte, die ihre gemeinsame Ausstellung gesehen hätte. Ob ich über Nacht in St.Ives bliebe und ich erkläre, dass ich nicht weit weg wohne in Porthcurno und die Frau , die sich Pat nennt, freut sich und sagt, sie würde direkt gegenüber wohnen.

Als ich am Abend zuhause esse, kommen neue Gäste, ein Pärchen aus Paris; sie sind freundlich, er fragt mich aus, als wäre das ganz normal. Sie hat ein Lächeln ins Gesicht gemeißelt wie Sandra Bullock, man lächelt automatisch zurück auch wenn es glaube ich mehr freundliche Fassade ist- sie hat das Lächeln auch am nächsten Morgen direkt nach dem Aufstehen auf dem Weg ins Bad, so etwas irritiert mich immer etwas, auch wenn ich sofort animiert fühle, das Lächeln zu erwidern. Manche Menschen haben das einfach, sie lächeln einfach immer.

Meine Gastgeberin kommt sehr spät, als ich noch mit den Parisienne zusammensitze und ich erzähle von meinem Ausflug und den Begegnungen und der Galerie und den Frauen dort und plötzlich reißt sie die Augen auf und sagt, das seien Freunde von ihr und dass sie eine Einladung bekommen , es aber nicht geschafft hätte. Auch hier – what a small world it can be sometimes!

8. Mai The Last Journey Land’s End und Sennen Cove

Jeden Tag nach dem Aufstehen oder nach dem Frühstück spreche ich mit dem Foto von Zora. Ich begrüße sie oder sag was nettes oder erzähle etwas. Ich hab schon immer vor mich hin geplappert, nur dass Zora dann auch darauf reagierte, wenn ich sie ansprach und den Kopf zur Seite legte, als versuchte sie mich besser zu verstehen. Dann streichel ich die Nase auf dem Foto und es fühlt sich so an, als könnte ich ihre Nase wirklich noch spüren. Manchmal werde ich dann traurig, manchmal lache ich über mich, ein anderes Mal bin ich überrascht, dass es sich noch so echt anfühlt aus der Erinnerung.

Heut war kein so guter Tag. Ich habe schlecht geschlafen, weil ich nach 22.00h noch super leckere dunkle Ingwerschokolade in mich hineingeschlungen habe und dazu noch schöne dark-chocolate Cookies und dann war ich wach – sehr lange. Gegen 2.30h bin ich eingeschlafen und um 8.00h wieder aufgewacht. Meine Stimmung war entsprechend gedrückt und ich hatte den ganzen Tag Kopfschmerzen.
Das Wetter leistete passend seinen Beitrag dazu – erst gegen Nachmittag ab 16.00h hörte es auf zu regnen und ich ging los und fuhr nach Land’s End.

Dort war es einmal schön, glaube ich. Heute fährt man durch eine Art Tor wie bei einer Ranch, kann sich auf einen horrend teuren Parkplatz stellen und geht dann auf ein weiteres Tor zu, das wie aus einer Casino-Welt abkopiert wirkt. Es hat ein bißchen etwas von British-Disneyland, hatte ich in einem Forum gelesen, doch ich wollte mir selbst ein Bild machen.
Nach dem ersten Tor machte ich nur noch einen U-Turn und fuhr davon, hier wollte ich nicht sein. Eintritt zahlen, um das westlichste Ende von Cornwall zu sehen, das Verschandeln von Natur zu unterstützen – nein danke!
Ich fuhr weiter und kam an Sennen Cove vorbei, der Ausblick auf die Küste erschien mir abermals sehenswert und so parkte ich das Auto kurz in einer Haltebucht und überquerte die Straße, um eine bessere Aussicht zu haben.

Auf der anderen Seite angekommen brach ich heulend zusammen. Es war wohl schon sehr viel früher heute gekippt. Irgendwann als ich noch am Tisch saß und den Blog für gestern schrieb, wurde mir klar, dass ich trotz des Wetters nicht aus dem Haus musste, der Hund war ja nicht mehr da-Zora war weg.

Ich konnte fast eine Stunde nicht mehr aufhören zu weinen. Meine Gedanken kreisten nur um Zora und dass mir ohne sie nichts mehr Spaß macht und was das ganze eigentlich soll. Mir wurde schlagartig klar, dass es egal war, wo ich mich befand. Es machte keinen Sinn, mich nach Freunden zu sehnen, die mich stützten, denn am Ende des Tages war ich doch wieder allein mit mir und meinen Gedanken und meinem Schmerz. Da ist es eigentlich besser, dass ich hier bin und andere Dinge sehen kann, mich an der Natur in besseren Momenten erfreuen kann als zuhause die Tür aufzuschließen und einen kleinen Augenblick vorher noch innezuhalten und mich daran zu erinnern, dass da jetzt kein Schnurfel mehr ist, der mich begrüßt, wenn ich gleich die Tür öffnen würde.

Eine doppelte Menge an Notfalltropfen und ein paar Globuli machten mich ruhiger und dem anhaltenden Schluchzen ein Ende. Ich fuhr nach Penzance in den Supermarkt und kaufte ein. Das Vergleichen von Teepreisen kann eine ungemein angenehme Ablenkung sein.

Als ich fertig war mit meinen Einkäufen und zuhause (ich bezeichne das bewusst so, denn das ist es momentan irgendwie) ankam, funkte ich meine beste Freundin von allen an, ob sie mich mal anrufen könnte. Wir plauderten eine Weile und sie meinte irgendwann, dass sie überrascht sei, weil mein Blog sich so liest, als würde es mir viel besser gehen.

Das tut es auch meistens, aber diese Momente gibt es eben auch und zwar jeden Tag – mal sind sie kürzer, mal sind sie länger, je nachdem wie gut ich meine Gedanken im Griff habe, wie gut ich im Hier und Jetzt sein kann, ob ich früh genug ins Bett gegangen bin und wann ich gegessen habe – das spielt eine sehr große Rolle.
Wenn ich schreibe, lege ich den Fokus intuitiv auf das Gute des Tages, das stärkt mich und gibt mir vielleicht ein wenig mehr die Illusion, dass es am nächsten Tag weiter und womöglich besser geht.

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