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24. Mai The Last Journey Long way home

Und wieder wache ich nach einer sehr kurzen Nacht gerädert auf. Nach dem Aufstehen geht es meist etwas besser, dann kann ich die schweren Gedanken, die mir jetzt täglich noch stärker seit dem Beginn meiner Rückreise als erstes in den Sinn kommen, besser verdrängen.
Leise geh ich ins Bad und dusche als erstes und versuche Dominique nicht zu wecken, der mich bat, ihm in jedem Fall goodbye zu sagen, bevor ich fahre.
Am Abend zuvor hatte ich gottseidank schon alles vorbereitet an Verpflegung für die Fahrt und ich bin froh darum und auch dass Dominique noch schläft,da ich morgens auch immer eine Weile brauche, um richtig in die Gänge zu kommen und jede weitere Person meine Aufmerksamkeit unweigerlich von mir abzieht und ich stets fahrig werde. Kaum hab ich meinen Tee aufgegossen, höre ich ihn doch von oben herunterkommen und dann steht er ein freundliches ‚Good Morning‘ ausstoßend in Unterwäsche in der Küche. So distanzlos wie am gestrigen Morgen und als seien wir alte Freunde. Ich bin ganz offen für einen lockeren Umgang, doch frage ich mich jedesmal, wieso gerade Männer in meiner Gegenwart stets so ein Kumpelverhalten an den Tag legen, auch wenn sie mich wenig kennen.
Natürlich verliere ich meine Konzentration,weil ich mich mit ihm unterhalte und dann hektisch werde, weil ich vor 9.30h im Auto sitzen möchte – an Samstagen wird erst etwas später bestraft,wer falsch parkt.
Draußen regnet es in Strömen und Dominique sagt, das sei immer so in London, daher seien hier so viele Menschen depressiv,weil ihnen das Wetter so zu schaffen macht.
Schließlich ist es so weit und ich muss mich jetzt doch ein wenig beeilen und Dominique kommt zwar – inzwischen etwas bekleideter- mit bis an die Haustür unten doch drückt mir dann alles in die Hand ohne mir wenigstens die Vorgartentür zu öffnen, ganz offensichtlich weil er nicht nass werden möchte. Ich gebe ihm ein herzliches Dankeschön und eine flüchtige Tangoverabschiedung, die der üblichen französischen übrigens sehr ähnelt – bisou bisou gehaucht neben die die rechte und die linke Wange und geh zum Wagen, der gleich gegenüber parkt. Ich bin noch am Einladen, als Dominique mich in der Haustür stehend ruft und mir meine Tangokleidung auf meinem mitgebrachten Bügel entgegenwedelt. Mon dieu, beinahe hätte ich diese am Schrank vergessen, wo ich sie am Abend zuvor angehängt hatte.
Dann geht es wirklich los und ich habe wieder das Gefühl, es dauert Stunden, bis ich die Stadt hinter mir lassen kann.Ich muss einen großen Bogen fahren mit allen anderen, die von auswärts kommen, denn im inneren Kreis befindet sich Central London und das ist die sogenannte ‚charging zone‘, die mit Kamera überwacht wird und die mir fehlende Gebührenplakette einscannt beim Durchfahren der Stadt. Nachdem ich dann wirklich beinahe alle Umfahrungen hinter mir gelassen habe, entdecke ich unter dem Warnschild ‚charging zone‘ eine Beschränkung auf Montag-Freitag und bin nicht sicher, ob ich mich jetzt ärgern soll, weil ich womöglich doch mitten durch die Stadt hätte fahren können – auch ohne Strafzettel.
Schließlich erreiche ich endlich die Schnellstraße und dann eine Autobahn und dann geht es etwas schneller in Richtung Dover, das eigentlich nur gut 120km entfernt liegt, doch durch den Verkehr und die weite Ausdehnung Londons doch wesentlich aufwändiger und zeitintensiver zu erreichen ist als man es zunächst erwarten kann.
Auf der Autobahn höre ich wie beinahe die ganze Zeit in England BBC 2 und die alten Hits aus meiner Kindheit und Jugend begleiten mich wieder auf meiner inzwischen sich wieder sehr einsam anfühlenden Rückreise. Immer wieder sehe ich in Abständen einiger Kilometer eine Leuchtanzeige mit dem Hinweis auf ‚congestion after exit A236 und ich werde etwas unruhig, weil das womöglich auf meiner Strecke liegt. Auf einer der letzten Raststätten halte ich an und versuche herauszufinden,was es damit auf sich hat. Ich höre am Rande noch eine Verkehrsdurchsage im Radio mit Hinweis auf einen Stau irgendwo Folkestone/Dover und suche auf dem Parkplatz fieberhaft nach meiner Straßenkarte vom ADAC. Schließlich probiere ich das freie WLAN mit dem Handy aus und finde aber weder die passende Ausfahrt zur Meldung noch etwas auf der Karte und so frage ich den Tankwart, der zwar aus der Gegend um Dover kommt, doch außer dass es keinen anderen Weg zur Fähre gibt als den über die Autobahn, kann er mir nicht weiterhelfen. Also fahre ich weiter auf der Autobahn in der sicheren Annahme, als ich Folkestone passiert habe und die Autobahn jeden Moment endet und mich nach Dover zur Fähre führt, dass alle Stauwarnungen sich erübrigt hätten. Als ich nach Dover komme, sehe ich das Dilemma: Autoschlangen und kein Vorwärtskommen. Ich kann die Fähren schon sehen, es ist 12.15h und der Check In für meine Fähre ist um 13.00h. Fluchend stoße ich Hilfegesuche ins Universum aus und versichere, dass ich wirklich diese Fähre bekommen möchte. Ich erinnere mich an die Abfahrt aus Cornwall bei Chris, als mir die rote Kiste mit Zoras Asche aus der Hand auf den Boden krachte doch glücklicherweise heil blieb bis auf eine eingedrückte Ecke. Waren das auch alles Hinweise, lieber nicht nach Hause zu fahren? Doch das war mir jetzt egal, ich wollte die verdammte Fähre jetzt erreichen und abends irgendwo ankommen und meinen Geburtstag zuhause feiern – basta!
Ich schnappe mir also die Fährunterlagen und rufe die Nummer an, die preiswerter sein soll und erkundige mich bei der Dame, was passiert,wenn ich den Stau nicht rechtzeitig hinter mich bringen kann. Und sie bietet mir die spätere Fähre, die ich ja umgebucht hatte, um 16.40h an. Doch sie würde nichts unternehmen bis ich die eigentliche Fähre um 13.30h wirklich nicht geschafft haben sollte.
Stück für Stück geht es im Viertelstundentakt weiter und ich fluche, bin verzweifelt und beruhige mich dann irgendwann, als ich schließlich um 12.56h am Counter einchecken kann und schließlich auf der Fähre bin.
Es ist im Vergleich zur Hinfahrt wesentlich voller: Unzählige deutsche Familien mit schreienden, manchmal quietschenden Kindern, eilen an mir vorbei auf die oberen beiden Decks und ich suche nach einem Platz für mich, an dem ich noch ein wenig schreiben kann und etwas Ruhe finde. Der Fensterplatz neben den Rettungsbooten ist frei und so setze ich mich in einen Clubsessel, hole mir einen Tee und vergeude wiederholt wie bei der Hinfahrt kostbare Minuten mit dem Einloggen ins bordeigene WLAN, das in Anbetracht der inzwischen zunehmend unruhigen und regnerischen Wetterlage immer wieder auszufallen scheint und ärgere mich über dieses unnütze Bemühen. Überhaupt und das ist sicher unschwer zu erkennen, bin ich nicht bester Stimmung-wenngleich meine Fahrt kaum dass ich den östlichen Rand Londons erreicht hatte wieder in einen klaren blauen Himmel mündete und ich von strahlendem Sonnenschein begleitet wurde. Jetzt auf der Fähre war Deutschland wieder ein Stückchen näher gerückt und ich merkte, dass mir allein die Sprache schon Unwohlsein bereitete. Urlaubsblues nennt man das, hatte mir ein Freund noch kurz vor meiner Abreise geschrieben, ja da war etwas dran und ich hoffte, dass es nur bei diesem Blues bleiben würde.
Die französische Küste nähert sich und die Sonne scheint wieder und so eile ich an Deck, um noch einige Fotos zu schießen. Als ich danach zur Treppe nach unten gehe, bemerke ich das erste Mal, wie viele Menschen tatsächlich an Bord sind und habe eine winzige Ahnung, wie es sich auf der Titanic mit diesen Menschenmassen und der ausbrechenden Hysterie angefühlt haben könnte, als diese auf einen Eisberg lief. Natürlich ist mir bewusst, dass diese Fähre dagegen eine kleine Nussschale darstellt und der Vergleich absolut albern scheint, dennoch bin ich überrascht, wie wenig von meinen ursprünglichen klaustrophobischen Ängsten noch übrig geblieben scheinen oder befand ich mich noch immer in Schockstarre?
Ein Ruck und die Menge gerät in Bewegung und Schritt für Schritt kommen wir auf die verschiedenen unteren Decks und zu unseren Autos. Ich bin noch immer froh, den Zuschlag für das schnellere Befahren und Verlassen der Fähre gezahlt zu haben,denn so brauche ich nicht allzu lange warten, bis ich das Schiff verlassen kann. Vor mir steht ein Kombi aus Offenbach, der den Motor bereits anlässt, als die Brücke noch nicht einmal herabgelassen wurde und noch bevor ich aussteigen und ihn ansprechen kann, hat er den Motor wieder abgestellt.
Als ich den Fährhafen hinter mir gelassen habe, fällt es mir viel schwerer, mich wieder an den Rechstverkehr als hinwärts an den Linksverkehr zu gewöhnen und an einigen Stellen muss ich mir des öfteren laut aufsagen, wo ich fahren muss.
Ziemlich schnell erreiche ich dann doch Belgien und Deutschland und da ich keine Mitfahrer habe und auf dem Hinweg nach Cornwall mit der Geschwindigkeitsbeschränkung auf 110kmh so schön wenig Benzin verbraucht habe, beschließe ich, diesen reduzierten Fahrstil weiter beizubehalten. Für einige Kilometer drehe ich den Motor dann doch bis auf 190/20kmh, um die Ventile durchzupusten, doch das ist wahnsinnig anstrengend und ich entschleunige wieder und bleibe bei entspannenden 100-110kmh. Die Übernachtung ist noch nicht ganz geklärt, eigentlich sollte es Bonn werden, da bekam ich kurzfristig eine Absage und dann eine Zusage von der Eiffel, die dann aber doch irgendwie auch nicht das richtige schien, da ich mich tatsächlich nur sehr kurz aufgehalten hätte und man kaum ein Wort hätte wechseln können, um die nötigen alten Themen vom Tisch wischen zu können, also entschied ich mich etwas frustriert fürs Hotel, als mich plötzlich doch noch eine Zusage für Bonn erreichte und ich erleichtert in weiteren 45 Minuten gegen 21.00h meine freundliche Herberge bei einer guten Freundin erreichte. Es war schön, eine Freundin zu treffen und wir hatten uns auch lange nicht gesehen und so plauderten wir noch bis kurz vor Mitternacht auf ihrer Terrasse und gingen dann gelöst zu Bett.
Am Morgen fühle ich mich besser als an den anderen Tagen, was vielleicht daran liegt, dass ich am Vorabend beim Erzählen der letzten Atemzüge von Zora so sehr weinen musste, dass ich womöglich etwas von meiner Schwere loslassen konnte.
Wir frühstücken noch gemeinsam auf der Terrasse und ich versichere abermals, wie schön ich es bei meiner Freundin finde und dann wird es auch schon Zeit für die weitere Reise nach Berlin und so fahre ich gegen 10.30h los und erreiche nach 4 kurzen Pausen und mit allen sich wiederholenden Aufs und Abs gegen 16.30h Berlin. Dort werde ich von der besten Freundin von allen zusammen mit ihrem Freund herzlich in Empfang genommen und bin so erleichtert darüber, dass ich schon vor meiner Ankunft bei der Fahrt durch die Straßen vor Freude weinen muss. Wir setzen uns noch ins Cafe Atlantic bei mir im Haus zu den beiden Betreibern und ich erzähle munter und frei von der Rückfahrt und einigen witzigen Erlebnissen und bin wieder in meiner Rolle als unterhaltsame und witzige Person zuhause, wie es scheint.
Wir tragen noch mein Gepäck gemeinsam nach oben und gehen etwas essen und dann verabschieden wir uns und ich gehe allein zurück in meine Wohnung. Und um der nun drohenden Einsamkeit und dem erneuten Schmerz zu entkommen, flüchte ich ins Auspacken und Aufräumen und Wäsche waschen, ins geschäftige Treiben, das mich stets und ständig am Laufen ja oft eigentlich am Leben hält und falle gegen Mitternacht erschöpft ins Bett.

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