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11.Mai The Last Journey The Lizard – Cadgwith

Heute geht es zu den Eltern von Sam nach Cadgwith auf der im Südwesten liegenden Halbinsel The Lizard – der Name stammt aus dem Kornischen (Cornish english in Cornwall) „Lys Ardh“ und bedeutet so viel wie Hohes Gericht. Das Interessante an dieser Halbinsel ist, dass sie überwiegend aus Serpentingestein besteht, welches offenbar eine Art Granitgestein ist und vor allem in Architektur und auch bei der Fertigung von Skulpturen und Gefäßen Anwendung findet.
The Lizard liegt ungefähr eine Autostunde entfernt und wir nehmen das Auto von Sams Nachbarn, der offenbar verreist ist. Eigentlich bin ich eine eher miserable Beifahrerin, aber ich bin so neugierig, einmal in einem britischen Wagen mitzufahren, dass ich einfach einsteige. Das Witzige ist, dass es ein VW Golf ist und eben in britischer Ausführung mit dem Lenkrad auf der rechten statt wie bei uns auf der linken Seite. Ich war wirklich neugierig,ob die Schaltung und die Pedalführung wohl auch seitenverkehrt sein würde, aber es ist wirklich nur das Lenkrad, das irgendwie vertauscht wirkt, wenn man daneben sitzt. Es ist auch nur am Anfang ein komisches Gefühl, nach einigen Kilometern fühlt es sich beinahe gewohnt an.
Wie bei jeder bisherigen Fahrt hält Sam auch dieses Mal wieder auf der Strecke an, um irgendwo Bioprodukte mitten an der Landstraße zu kaufen. Wenn sie auch sonst eher unglaublich chaotisch ist, ist sie dennoch sehr bemüht,alles ‚organic‘ zu besorgen, auch wenn der Kühlschrank und das Haus an sich schon ein ‚real organic‘ Eigenleben haben, aber das fällt offenbar nur mir auf.
Wir erreichen den Ort Cadgwith bzw. die Zufahrt zum Haus der Eltern eher unerwartet, fahren plötzlich auf einem schier endlosen Grünstreifen entlang, als Sam plötzlich mitten im Nirgendwo meint ’so here is my parents‘ place‘ . Ich seh mich um und außer wildem Grün kann ich nichts entdecken. Noch bevor wir um eine Biegung fahren, rumpelt der Wagen plötzlich unter uns und Sam ist aufgeregt und sagt, die Bremse funktioniert nicht mehr. Wir stehen aber bereits. Und sie versucht und tritt und sagt, sie fährt keinen Meter weiter mit dem Auto, wenn die Bremse defekt ist – absolut verständlich. Ich kann leider nicht aussteigen, da wir neben einer Hecke stehen und zwar so nah, dass sich meine Tür nicht öffnen lässt. Und so rutsche ich rüber und frage, ob ich es nochmal versuchen darf und einmal starten und vorwärts fahren zeigt mir, die Bremse funktioniert doch einwandfrei. Sie hatte einfach den Wagen abgewürgt und dann funktioniert der Bremskraftverstärker nicht mehr. Aber das musste ihr Freund Scott später nochmal versuchen, sonst hätte sie es nicht glauben können.

Es ist nicht so, dass Sam eine typische Frau wäre, die Männer alles checken lässt. Sie ist eher der sportliche Typ Frau, der sich so gar nicht ums Äußere kümmernd stets wenn nicht barfuß in jedem Fall mit zwei verschiedenen Socken rumläuft, sie könnte auch ein bißchen die Schwester von Pippi Langstrumpf sein. Aber worum ich sie wirklich auf eine Art beneide, ist ihre extreme Gelassenheit, dass sie sich um keinerlei Haushaltsdinge oder unnötige Verpflichtungen gesellschaftlicher Natur zu kümmern scheint, sondern nur um das, was ihr gerade wichtig erscheint oder was sie erledigen will.

Wie dem auch sei, ich fahre den Wagen vor nun wirklich bis zum Haus der Eltern und da steht eine Frau mit einem Gesicht ein bißchen vom Typ Jeanne Moreau allerdings mit unglaublich tiefen Furchen und scheinbar schlecht gelaunt, denn ich kann nicht einmal eine Spur von einem Lächeln entdecken, als sie mich sieht. Eine kleine Staffordshire-Hündin kommt mir entgegen und begrüßt mich aufs Freundlichste und läuft dann an uns vorbei den Weg hinunter und Jeanne Moreau ruft Sam über den Zaun hinweg zu, wo denn Pearl (offensichtlich der Hund) wäre und Sam läuft den ganzen Weg zurück,bis sie ihn wiedergefunden hat. In der Zwischenzeit und da Jeanne Moreau, obwohl sie inzwischen auch zu uns rüber gekommen ist, keinerlei britische Anstalten einer Vorstellungszeremonie unternimmt, gehe ich ihr freundlich lächelnd in der Absicht, den Bann zu brechen, mit ausgestreckter Hand entgegen und sage ihr meinen Namen und das mir bekannte obligatorische ‚Nice to meet you‘ und sie erwidert mit verrauchter eher genervter Stimme, dass Sam doch eigentlich einen Freund mitbringen wollte und zwar Scott. Trotz der nahenden 49 steige ich immer noch auf die Eltern-Kind-Nummer ein und erkläre sogleich entschuldigend, dass er zusammen mit dem Enkelsohn nachkäme , und dann gibt sie mir doch die Hand und ich erfahre, dass sie Margret heisst.
Das fängt ja schon mal gut an, aber irgendwoher muss ja diese unendliche Gelassenheit herrühren. Also gehen alle in den Vorgarten und dann ins Haus. Plötzlich tritt ein älterer Herr mit gebrochenem Deutsch ein und sagt: ‚Guten Tag, ich bin Charlie, ein bißchen dumm und ein bißchen taub‘ und strahlt mich freundlich an, während er mir die Hand reicht. Ein sehr sympathischer alter Mann steht da, der wesentlich jünger aussieht als sein Pendant. Er verwickelt mich indes sofort ins Gespräch und wir gehen in den Garten und er beginnt zu erzählen, wie er als Ingenieur der AirForce in Fallingbostel stationiert war und dort mit seiner Frau 2 Jahre 1964 lebte. Und da falle ich gleich ein und lache, weil ich in Erdkunde in der 10.Klasse ein Planspiel machen musste, bei dem wir Argumente aufbringen mussten, warum Fallingbostel ein Schwimmbad braucht. Und er pflichtet mir lachend bei, denn tatsächlich brauchte Fallingbostel ein Schwimmbad damals, da es nur eine Grube hatte, in die Wasser aus dem benachbarten Fluss eingeleitet wurde und das war alles eher wie ein Tümpel. Und so machte er sich eines Tages mit ein paar anderen an die Arbeit und trommelte die Leute zusammen, dass sie ein echtes Schwimmbad bauen sollten. Und tatsächlich kriegten sie genug zusammen und bauten einen riesigen Pool, der bis vor 2 Jahren dort auch noch stand und inzwischen durch ein riesiges Spaßbad ersetzt wurde. Inzwischen kommt Scott mit dem Enkelsohn von Charlie und Margret an. Die 3 Schwestern und 2 Brüder, also die Kinder von Charlie und Margret haben bis auf die eine Tochter alle keine Kinder. Obwohl sie alle eine tolle Kindheit hatten, wollte offenbar niemand von ihnen eine Familie gründen. Und die eine Schwester ist offenbar sehr jung von einem Portugiesen schwanger geworden und bekam eben Claudio, den einzigen Enkelsohn. Da taut selbst Margret etwas auf und kommt mit einer Zigarette in den Garten und lächelt ihren Enkel an. Und irgendwann, während Charlie so erzählt, kommt sie rüber und bremst ihn etwas, was sicher freundlich gemeint ist und doch für mich unnötig, weil ich seine Art, die Geschichten zu erzählen, so angenehm finde. Er sprüht trotz seines Alters so vor Lebensfreude und an irgendeiner Stelle frage ich mich, was er wohl für ein Sternzeichen sein könnte und tippe so gefühlt auf Zwilling. Er plappert nämlich offensichtlich genauso gern wie ich. Und Sam meinte außerdem gleich zu Beginn, dass ihr Vater gern Gesellschaft hat.
Wir gehen schon bald auf unsere erste kleine Runde zu dem Grünstreifen, auf dem wir herkamen. Und er beginnt noch im Garten, mir Schnittlauch zu zeigen, dass ich nicht erkannt hätte, weil er mir die Blume daran zeigte. Dann ging es weiter mit einer Pflanze namens ‚Campion‘, der Licht- oder auch Feuernelke genannt, die es in rosa und weiss gibt und am Meer die sogenannte Sea Campion, die aufgrund der Wetterverhältnisse am Meer ihre Stengel entsprechend verkürzt hätte, wie er mir erklärt.

Charlie führte mich noch in den Garten hinter dem Haus, als Margret ihm gleich zurief, wir sollten nicht zu lange bleiben, ‚dinner will be ready in a minute‘ . Er führte mich über einen kleine Stile in einen viel größeren Garten als den Vorgarten, ehrlich gesagt, konnte ich überhaupt nicht einschätzen, wo er beginnt und wo er endet. Ich hatte ihn schon auf dem Grünstreifen vor dem Haus gefragt, ob das zu seinem Garten gehört und er sagte, das sei nur der Anfang, sie hätten 1 Hektar. Und auch das, was ich oberhalb des Weges sehen würde, gehört dazu. Da waren überall Bäume und Sträucher und alles sah herrlich wild und überhaupt nicht nach gepflegter britischer Gartenkultur aus.

Wir passieren Salatbeete, noch etwas mickrige Rhabarberbeete,diverse Apfelbäume, Walnuss-und Kastanienbäume u Eichen und Birken-alle Bäume haben sie selbst vor 20 Jahren gepflanzt . Und dann ertönt die Glocke, mit der uns Margret zu Tisch ruft.

Nach dem wirklich überraschend leckeren britischen Essen mit Yorkshire Pudding, diesen kleinen runden Blätterteigförmchen, die aussehen, als würde ihnen die Füllung fehlen, gibts noch einen Tee und Margret schaltet den Fernseher ein , weil sie das Autorennen sehen will. Ich bin angenehm überrascht , denn sie ist die erste Frau in dem Alter, die ich treffe, die auf Car-Racing steht, das macht sie schon wieder etwas sympathischer und sie scheint sich auch ein wenig daran gewöhnt zu haben , dass ich da bin.
Denn bevor wir alle zusammen losgehen , sehe ich mir noch ein Bild der Familie aus der Zeit an, als Sam und ihre Schwestern und Brüder noch Kinder waren, als Margret die Treppe herunterkommt und mir unvermittelt ihr Beileid ausspricht über den Verlust von Zora und ich verliere beinahe die Fassung und fange mich dann jedoch rasch wieder u bedanke mich für ihre Anteilnahme. Und sie fragt mich nach Zoras Rasse und ich zeige ihr ein Foto und als sie erklärt, dass es jedesmal furchtbar ist,wenn man sie gehen lassen muss, erkläre ich ihr, dass es mein erstes Mal war und dass ich Zora kannte, seit sie 5 Tage war bis zu ihrem Ende und sie schaut mich kurz betroffen an.

Wir gehen dann alle zusammen mit dem Hund spazieren und runter ins Dorf und Charlie erzählt und wir halten hier und dort und er weiß so viel über die Geschichte des Ortes, das es überaus spannend ist, ihm zuzuhören. Er erzählt von den Lotsenbooten, die die großen Schiffe sicher in den Hafen geleiten-ich erinnere das gut aus Hamburg-und er fährt fort, dass die Lotsen sehr viel früher im 19. Jh um diesen Job sehr stark konkurrieren mussten. Es verhielt sich folgendermaßen: oben auf der Klippe befindet sich eine Hütte. Von dort hielt eine Art Späher mit einem Fernrohr Ausschau nach sich nähernden Schiffen und sobald er eins sah, rief er hinunter zum Hafen und die Lotsen brachten in aller Eile ihre Boote zu Wasser, denn wer das eintreffende Schiff zuerst erreichte, bekam den Job und verdiente so manches Mal vielleicht das Geld für die nächsten Tage, um die Familie zu ernähren. Und Charlie’s Augen strahlen und er lächelt so schön bei jeder einzelnen Geschichte und bei allen Pflanzen, die er mir zeigt und es macht solch einen Spaß, einfach weil es ihm auch so eine Freude bereitet, dass ich mich für ihn und für mich freue, dass ich an dieser sehr persönlichen Führung teilhaben darf.
Unser Pfad führt uns weiter bergauf zu ‚The Devil’s Frying Pan‘ und oberhalb der Küste entlang, wo sich uns ein abermals wunderschönes Panorama eröffnet. Und Charlie zeigt auf die alte Satellitenstation der British Telecom, die 1962 als eine der größten der Welt dort installiert wurde. Und weiter vor uns sieht man auf der nächsten Klippe eine Art Wärterhäuschen, dass in 1990 er Jahren wieder in Betrieb genommen wurde von Freiwilligen – auch Margret hat dort schon ihre 4 Stunden-Schicht auf Beobachtungsposten geschoben. Die Bevölkerung hatte diese Initiative zur Reaktivierung der Lifeboats Services ins Leben gerufen, nachdem zwei Fischerboote gekentert und ihre Mannschaft ertrunken waren. Die Regierung hatte diese Lifeboats schon vor Jahren eingespart, da alle Boote inzwischen mit Funk ausgestattet waren. Aber manche von den kleinen Booten eben nicht und so kam es zu dem Unglück.
Wir kehrten landeinwärts ein und kamen an eine mittelalterliche Kirche, zu der kein richtiger Weg führte. Sie stand quasi mitten auf der Wiese und niemand hat je herausgefunden, warum das so ist. Und er erzählte mir von der Erdstrahlung und dass ein Freund von Sam das mit einer Wünschelroute abgelaufen wäre und herausgefunden habe, dass diese Kirche und eine kleine Kapelle und auch Charlie’s und Margret’s Grundstück auf dieser Linie gebaut wäre und auch dafür gäbe es bis heute keine wirkliche Erklärung.

Ich werde jetzt nicht alle Pflanzen wiedergeben können, aber nur so viel dazu. ich habe etwa 20 englische Pflanzennamen bzw. auch Unkrautarten kennengelernt und auf so eine charmante und nette Art und Weise, dass ich sie mir alle von Charlie habe aufschreiben lassen und sie mir auch gleich übersetzt habe. Ich fand das einfach so schön, wieviel Zeit sich Charlie genommen und wieviel Mühe er sich gemacht hat und immer noch ein kleines Blumenbuch bei sich hatte und auch noch Margret nach der einen oder anderen fragte, dass ich mich ihm gegenüber einfach gern verpflichtet fühle, mir die Namen einzuprägen.

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Inzwischen begann ich nun zu frieren, ich hatte mich ja schon am Tag zuvor am Meer etwas verkühlt und so drängte ich auf unsere Rückkehr.

Die anderen sind auch grad zurück, als wir ankommen und wir trinken noch einen Tee und Margret macht ein Feuer , während die Familie eine TV Show ansieht, was irgendwie zu dem ganzen Procedere vorher gar nicht richtig passen will. Wieder streichle ich den Hund und spreche lieb mit ihr und lobe sie und frage Margret, wie es denn mit den Spaziergängen mit Pearl so geht, seit sie ihr Bein verloren hat. Bei Pearl wurde vor zwei Monaten Knochenkrebs festgestellt und so mussten sie das linke Hinterbein komplett amputieren.

Eine Weile später brechen Sam und ich auf und als wir uns verabschieden und ich mich zum dritten Mal bei Charlie für seine Mühe und die schöne Führung bedanke, will ich Margret die Hand geben und sie zieht mich etwas näher und gibt mir einen Kuss auf die Wange und wünscht mir einen schönen Aufenthalt und wir fahren davon.

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10. Mai The last Journey St.Buryan, Porthgwarra und die Seehunde

Heute ist Farmersmarket im Nachbardorf. Ich frage Sam, ob es sich lohnt. Eigentlich redet sie es mir beinahe aus und als ich sage, ich fahr da kurz vorbei, um nach Käse zu schauen, will sie plötzlich auch mit. Wir kommen in ein kleines Gemeindehaus, man begrüßt sich sehr freundlich schon am Eingang. Alle lächeln einen an, ein sehr angenehmer Empfang. Gleich neben dem Eingang befindet sich ein Stand mit englischen Delikatessen, natürlich auch Scotch Eggs, diversen Pies mit Fleisch und Fisch. Der Käsestand ist gleich daneben -kein Vergleich zu meinem Lieblingskäsestand in der Markthalle am Marheinekeplatz- aber der Herr mit pinkfarbenem Hut und kleiner Blume daran ist irgendwie witzig und verhält sich eigentlich überhaupt nicht wie ein Verkäufer. Nachdem ich alle Sorten – vielleicht 5 an der Zahl – probiert habe, entscheide ich mich für den einzigen Ziegenkäse. Tatsächlich schmeckt er mit Brot wirklich gut, wie sich später herausstellt.

In einem hinteren Raum ist ein Stand mit Wolle und einem wirklich kruden älteren Ehepaar. Ihm fehlen die mittleren Schneidezähne im Oberkiefer, als er mir die verschiedenen Strickvarianten der synthetischen Wollarten präsentiert und ich mir die schrillsten Färben an verdrehten Schals ansehen darf. Leider sind sie alle so gar nicht nach meinem Geschmack, so dass ich Ihnen nicht einmal aus Nächstenliebe ein Modell abkaufen möchte.
Dennoch frage ich, ob ich das herrlich bunte Bild verewigen darf und so ergibt sich natürlich gleich die Frage, woher ich komme und ob ich schon in St.Ives war. Und die Frau empfiehlt mir mit nur noch verbliebenen zwei Schneidezähnen im Unterkiefer in aller Freundlichkeit eine Route von einem Park and Ride Parkplatz aus, da man dort einen wunderbaren Bummelzug nehmen kann und eine wunderbare Aussicht auf die Küste haben soll. Und dann beginnt sie zu erzählen, dass sie aus St.Ives kommt, aber dort nichts mehr sei wie früher und sie wegziehen mussten, weil sie sich dort kein Haus mehr leisten konnten. Und sie beschwert sich über den zunehmenden Tourismus dort und klagt, dass es ursprünglich ein so wunderschönes kleines Fischerdorf gewesen sei und durch die Neubauten um die Tate Gallery herum und die ganzen Touristen alles völlig verdorben sei. Sie sei kürzlich mal dort gewesen und sie würde niemanden mehr kennen, obwohl sie dort ihr ganzes Leben verbracht hätte und da hätte ihr doch jemand gesagt, er sei von dort und sie erwiderte nur „. Ach tatsächlich?Wielange Leben Sie denn schon hier?“ und die andere Person:“ schon seit 10 Jahren..“ Ich kenne diese Art der Dialoge aus eigener Erfahrung in Berlin und sie hat mein Mitgefühl. Wir reden ein bisschen über Globalisierung und ich versuche ihr die Vorzüge aufzuzeigen. Als sie so spricht und ich sie beobachte beim Sprechen, nehme ich die unerwartete Würde wahr, mit der sie alles erzählt. Ich bin sehr berührt. Sam kommt noch zum Gespräch dazu und nach einer Weile verabschiede ich uns nicht ohne meinen aufrichtigen Dank für alle ihre Empfehlungen auszusprechen und gehe mit Sam wieder in den Hauptraum zurück. Dort sehe ich mir die Ringe an einem Schmuckstand an und die Silberschmiedin spricht mich an und erinnert mich so sehr an eine Bekannte, dass sie mir gleich sympathisch ist.
Überhaupt stelle ich mit zunehmendem Alter fest, dass ich häufiger auf Menschen treffe, die mich manches Mal an angenehme frühere Begegnungen oder Bekannte, Freunde ja sogar Verwandte erinnern und somit von vornherein gleich mein Herz öffnen – sicher ist das nicht immer ungefährlich, wenn ich dieses dann auch noch auf der Zunge trage . Doch glücklicherweise bin ich mit dieser dann unbegründeten Vertrauensseligkeit auch meistens gut gefahren.

Ich frage sie nach einer Art Kettenanhänger, in den man etwas einfüllen könnte- und denke an einen Teil von Zoras Asche. Wir kommen natürlich irgendwie doch auf dieses Thema und Chris, die Silberschmiedin erzählt von ihrer Tochter und dass sie ihr als deren Pferd gestorben ist, einen speziellen Ring angefertigt hat, einen Teil der Asche dort eingefüllt und die Öffnung mit einem Schmuckstein versiegelt hätte. Das klingt sehr interessant und da sie wirklich einige außergewöhnlichen Schmuckstücke dabei hat, schlage ich ihr vor, dass wir uns verabreden und ich mir ein paar Vorschläge von ihr machen lassen würde. Wer selbst mal schauen möchte: http://www.millstonesilverworks.co.uk

Wir verabschieden uns und der Markt ist vorbei und so helfen wir noch ein paar Leuten beim Abbauen und Einladen, weil Sam manche kennt und weil das hier einfach so funktioniert – wie eine Gemeinschaft eben, das macht es hier so attraktiv für mich, dieses Gefühl des Miteinanders kommt hier irgendwie stärker durch als in der Großstadt.

Wir halten noch in Treen, dem Nachbardorf, in dem nicht nur das Künstlerpaar aus St. Ives ( die Ausstellung der 4 Frauen in St.Ives) lebt, sondern wie sich gleich herausstellt, auch ein Komponist (Graham Fitkin) und eine Harfenistin (Ruth Wall). Wir gehen kurz ins Cafe zu Adele ein Brot kaufen und ich trinke dort kurz einen Kaffee und lausche dem Klatsch und Tratsch- es ist einfach wie überall nur alles in Englisch, aber ansonsten kein Unterschied. Sam holt vom einen Hof noch Milch, vom anderen die Möhren und nachdem wir Scott, der auch dort wohnt, beim Abladen des Kajaks geholfen haben, fahren wir zurück und waren ganz plötzlich 3 Stunden unterwegs, ohne es bemerkt zu haben. Das macht alles sehr viel Spaß with a local at my side.

Das Wetter schlägt Kapriolen wie im April: es wechselt zwischen Regen und Sonne und ist unglaublich stürmisch und kalt. Aber dieses wilde Wetter ist eben auch schön mit seiner Dynamik und Kraft und ich mag es sehr.

Irgendwann am Nachmittag schlägt Sam einen Spaziergang vor und ich gehe kurzentschlossen mit. Sie führt mich über Hügel und Felder auf Pfaden, die ich nicht kenne und entlang der Küste und das Licht ist so schön und die See so rau. Es ist einfach nur herrlich hier zu sein. Wir blicken über Porthcurno Beach, wo ich am ersten Tag war, lassen Porthcurno Chapel links unter uns liegen und wandern weiter durch unendlich viele Blue Bells up and down Richtung Pothgwarra. In dieser Bucht werden häufig Seehunde gesehen und Sam bleibt einen Moment stehen und beobachtet das Meer und dann die Bucht und plötzlich zeigt sie auf die Seals – die Seehunde unten im Meer in Strandnähe. Ich jauchze auf vor Freude, denn ich habe noch nie welche gesehen und wir gehen noch weiter runter und klettern bei absolut hohen Windstärken über Felsen und Steine und gelangen so nah heran, dass uns nicht nur der Wind sondern auch die Wellen beinahe umzuwerfen drohen. Und ich bin so glücklich über die Seehunde und wir machen Geräusche, weil sie dann neugierig werden, sagt Sam und dann strecken sie ihre Köpfe aus dem Wasser und ich mache Fotos und freu mich wie ein Kind das erste Mal über einen Weihnachtsbaum.

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Wir versuchen es trotz des Sturms fast eine halbe Stunde und es ist zwar etwas weniger Wind in der Bucht als oben auf dem Hügel, aber dennoch gehts weiter dem Wind und der bald untergehenden Sonne entgegen.
Es gibt so viele schöne Dinge neben den Blumen und dem Meer zu sehen, der Wind ist so stark, dass wir uns an einigen Stellen einfach mit dem Rücken zu ihm hinstellen und uns ihm entgegenlehnen. Wir sehen Höhlen mit in Felsen, Kraterförmige Öffnungen mitten auf einer Wiese, die wiederum ins Meer führen und hören das Meer und die Gischt, wie sie gegen die Felsen peitscht.

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Dazwischen taucht am Himmel weit draußen auf dem Meer im Wechsel zwischen Wolken und Sonne sich stets wiederholend die Ahnung eines Regenbogens auf und verschwindet im nächsten Moment wieder.
Alles zusammen genommen, der Weg, die verschiedenen Küstenabschnitte, die Wellen, die in jeder Bucht anders aussehen, der stürmische Wind – all das ist ein Naturerlebnis ohnegleichen.

Auf dem Rückweg gehen wir einen etwas anderen Küstenweg entlang und wir sehen Lands End in der Ferne, die hintere Landzunge auf dem Titelbild oben stellt den wirklich westlichsten Zipfel Cornwalls und somit Englands dar.
Und irgendwo da auf dem Weg durch den Sturm an der See entlang auf einer Klippe ist sie wieder da bei mir und ich muss gegen den Wind und den Lärm der brechenden Wellen kurz ganz bitterlich weinen und bin froh, dass Sam schon weiter weg ist und mich nicht hört.
Und dann geht es wieder weiter – wie jeden Tag.

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9. Mai The Last Journey St. Ives

Der Wind bläst hier jeden Tag ums Haus. Wenn er nachts von der Küste heraufweht, dann könnte ich schwören, ich höre die Wellenwie sie kommen und gehen. Auch wenn die Unterkunft gewöhnungsbedürftig ist, möchte ich diese kleinen Details nicht missen. Abgesehen davon, dass es hier wirklich super relaxed und locker zugeht. Das Haus steht immer offen, wurde noch nie abgeschlossen, seit die Schwestern hier wohnen. Obwohl Zora mich nicht mehr beschützen kann, bereitet mir das vom ersten Tag an keinerlei Sorgen.

Heute scheint die Sonne und es ist blauer Himmel. Das Wetter ändert sich so nah am Meer -es sind ja keine 10 Minuten downhill zum Porthcurno Beach- oft sehr schnell. Auch das fühlt sich sehr stimmig für mich an, ich glaube, deshalb kann ich es hier noch gut eine Weile aushalten. Meine Stimmungswechsel verhalten sich gottlob nicht wirklich proportional zum Wetter.
Auf dem Weg fort von hier und egal wohin fährt man im Grunde immer dieselbe serpentinenartige Straße über Penzance. Die Straßen sind hier von riesigen blumenbewachsenen Hecken umsäumt, das ist so schön, dass es mir inzwischen beinahe heimatliche Gefühle bereitet.

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Irgendwo auf dieser Strecke taucht scheinbar mitten aus einer dieser Hecken ein selbstgemachtes Schild auf mit folgendem Hinweis :
“ Craft Works, Fresh Mushrooms, OPEN“
Ich erkundige mich bei Sam, meiner Gastgeberin, ob sie wüsste, was sich dahinter verbirgt. Sie meinte, ich solle es einmal herausfinden und ihr davon berichten.
Und als ich auf meinem Weg über Penzance Richtung St. Ives war, kam ich wieder an diesem Hinweisschild vorbei und bog kurzerhand auf die Einfahrt ab. Nachdem es aussah, als handelte sich einfach um eine Zufahrt zu verschiedenen Grundstücken parkte ich den Wagen und sah mich um. Es war kein weiterer Hinweis zu finden und so schaute ich weiter und stand vor einem sehr sympathischen kleinen Vorgarten mit einem Buddha und einem kleinen Schild, auf dem stand : „Welcome to my garden“. Und schon kam eine Frau aus der Tür heraus und begrüßte mich und ich erzählte, dass ich das Schild gesehen hatte und sie war sehr freundlich und führte mich zu einem Schuppen neben dem Haus und zeigte auf dem Weg auf große Champignons aus verschiedenen Hölzern, die geradezu als Hocker im Garten dienen konnten. Dann kam noch ein Mann mit für diese Gegend auffallend über die Schultern hinausgewachsenen gepflegten langen Haaren dazu, der etwas verschlafen aber ebenso freundlich wirkte und in den Plastikkisten im Schuppen nach weiteren, filigraneren Holzpilzen suchte. Sie kamen mir zwar nicht wie ein Ehepaar vor, doch das waren sie und nachdem ich auf ihre Fragen hin erzählte, woher ich kam und wieso ich die Reise machte und was geschehen war, hatte ich eine verwandte Seele getroffen, denn auch sie hatten vor einiger Zeit ihren Hund verloren, der einen Hirntumor hatte. Die Frau und ich vergossen ein paar Tränen zusammen – eigentlich unabsichtlich, aber das verbindet ebenso schön wie gemeinsam zu lachen – und sie erzählte von ihrer deutschen Freundin Rosie, die vor vielen Jahren aus Aachen gekommen war und kaum Englisch sprach und dass sie beide in London studierten und sie immer noch eine innige Freundschaft verbindet. Lorraine und Rob waren vor etwa 5 Jahren von London hier runter gezogen und sie fand, das müsste ich auch unbedingt tun und zeigte mir gleich den Ausblick hinterm Haus und meinte, ihr Nachbar würde verkaufen und sie würden auch etwas größeres suchen, da sie gern Meditationsworkshops geben würde mit Übernachtungsmöglichkeit.
Allein von ihren Holzarbeiten (www.craftsworkltd.co.uk), die sie auf verschiedenen Märkten im Land anboten, konnten sie nicht leben. Die Jobsituation wäre hier nicht so gut, allerdings würde man leicht etwas finden, wenn man ein Handwerk könnte und sie überlegte ein paar Minuten fieberhaft, wo man mich unterbringen könnte und dass man leider aber auch schlecht bezahlt wird.
Und ich solle mir unbedingt wieder einen Hund zulegen, die Tierärzte wären so freundlich hier unten und die Tiere hätten hier so viel Auslauf. Nur auf ‚Farmland‘ müsste ich aufpassen, da die Farmer die Hunde, sofern sie sich den Tieren dort nähern und für diese eine Gefahr darstellen konnten, von den Farmern erschossen werden. Da müsste ich sehr aufpassen.
Das war alles sehr liebenswürdig, wie sie mein Leben dort plante und es kam so von Herzen. Und nachdem sie mir noch einen sehr magischen Ort empfohlen hatten mit alten riesigen Wunschbäumen, luden sie mich ein, unbedingt wieder vorbei zu kommen und gaben mir ihre Karte. Es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten uns nach diesem langen Gespräch von gefühlten 3 Stunden (und tasächlich etwa 45 Minuten) umarmt. Stattdessen versicherten wir uns doppelt und dreifach, dass wir uns freuten, uns kennengelernt zu haben und das Gespräch sehr genossen hatten.Ich freute mich über die Wärme und ehrliche Herzlichkeit und versprach, nach dem Besuch des Wunschbaums nochmals vorbeizukommen.

Nun war es jedoch an der Zeit, schnell nach St.Ives aufzubrechen, denn wie überall hier, wurden die Bürgersteige bereits um 17.00h hochgeklappt und ab 21.h bekam man selbst im Pub nichts mehr auf den Tisch, was den Magen füllen konnte.

St. Ives ist nicht wirklich weit weg, vielleicht 30 Minuten entfernt von hier. Dort angekommen, bin ich zunächst damit beschäftigt, den Schildern zur Tate Gallery zu folgen. Es geht bergauf und bergab und irgendwann mündet die Straße direkt zur Tate Gallery und ein Schild sagt mir „Just turning point here“ – ok also wieder den ganzen Hügel steil nach oben auf der Suche nach einem Parkplatz, der vielleicht nicht so weit ist, das ich das Gefühl habe, von Penzance aus loslaufen zu müssen. Schließlich werde ich fündig und trabe einer scheinbar aus dem Nichts aufgetauchten Menge Touristen aus einem offenbar deutschen Reisebus hinterher und eine Treppe hinab in Richtung Town Centre. Ich mag kein deutsches Wort hören, merke ich und sehe zu, dass ich die Gruppe rasch überhole.

Nachdem ich die Northern Terrace erreiche, verzweigt sich downtown St.Ives ziemlich schnell in mehrere kleine Gassen, sog. Lanes und ich versuche weiter, dem auch dort vorherrschenden Touristenstrom zu entkommen, in dem ich erneut die Richtung ändere. Und da ist wieder ein Hinweisschild für die Tate Gallery und ich folge diesem und als ich nochmals abbiegen müsste, steh ich unvermittelt vor dem Barbara Hepworth Museum and Sculpture Garden, das mir von mehreren Leuten hier empfohlen wurde. Ich schaue kurz auf die Uhr und entschließe mich, zuerst die Skulpturen anzusehen bevor ich die Tate Gallery besuche. Ich entscheide mich für ein Kombiticket für beide Ausstellungen und erfahre, dass die Tate Gallery ( due to works ) bis nächsten Freitag geschlossen ist – super! In London hab ich es nicht geschafft hinzugehen und hier ist geschlossen.
Als ich eintrete, hab ich meine kurze Enttäuschung jedoch sofort vergessen und tauche ganz in die Atmosphäre des Hauses ein. Zunächst ohne zu wissen, dass dies ihr Atelier und ab 1950 bis zu ihrem Tod auch ihr Wohnhaus war. Ihre Lebensabschnitte, viele Kritiken und Bilder ihrer Werke sind dort zu sehen und am Ende ihre Todesanzeige von 1975. Sie war mit einer Zigarette eingeschlafen. http://barbarahepworth.org.uk
Sie kannte viele namhafte zeitgenössische Künstler wie Henry Moore oder Kandinski. Sie stellte auch mit Ben Nicholson, ihrem Ehemann Nr. 2 gemeinsam aus und hatte Drillinge mit ihm, die heute ungefähr 80 Jahre alt sind und die irgendwie alle Künstler geworden sein sollen ebenso wie deren Kinder und Enkel, wie mir eine Galeristin aus der benachbarten Galerie später erzählt und mir die Werke von Kate und Rachel Nicholson zeigt.

Das Haus hat eine so einnehmende offene Atmosphäre, man kann in diesem Haus atmen und hat das Gefühl, die kreative Energie dort förmlich zu spüren. Es ist unbeschreiblich schön dort zu sein und auch der Garten mit seinen Skulpturen ist überwältigend. Das Atelier ist von außen einsehbar und es wirkt so, als käme sie jeden Augenblick zurück und arbeitet weiter.
Hier ein paar Eindrücke :

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und hier noch der lebendige Ausdruck des Wohlbefindens in diesem Garten:

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Ich kehre in einen kleinen Lebensmittelladen ein und versuche meine ersten nicht von mir selbst gebackenen Original Scones with clotted cream, auch sehr gut auch wenn ich die clotted cream nicht wirklich vertrage, verstehe ich jetzt sehr gut, dass se eigentlich dazu gehört. Ich kaufe in einem anderen Geschäft noch ein Brot und mein erstes Scotch Egg

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– eine Art Frikadelle mit einem hartgekochten Ei im Bauch, das ganze von Brotkrumen ummantelt und sehr knusprig- und obwohl ich dem Fleisch vor einer Weile fast gänzlich abgeschworen habe, probiere ich es, als ich wieder am Auto bin, um doch meinen Parkschein zu verlängern – ich dachte nicht, dass ich so lange bleiben würde. Ich setze mich in den offenen Kofferraum und esse und dann ist da wieder ein kleiner Gedanke, die Erinnerung, wie ich ihre Pfote gehalten habe bis sie kalt wurde und wie sehr ich das immer geliebt habe, weil ihre Pfoten so schön groß und kuschelig waren, von klein auf an- wie sie sie jedesmal nach kurzer Zeit weggezogen hatte, weil sie das eigentlich nicht mochte. Ich breche in Tränen aus. Es ist nicht so schlimm wie am Vortag, aber ich bin einfach immer wieder geschüttelt von der Trauer auch um die Erinnerung. Den Strand wage ich später nicht entlangzugehen, einfach weil sie ihn so sehr gemocht und ich Sturzbäche zur Meereserweiterung beigetragen hätte. Erleichterung finde ich schließlich,als ich das folgende Schild später entdecke und froh bin, dass sie nicht mehr physisch dabei ist:

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Ich gehe weiter Richtung Hafen und gelange an den St. Ives‘ Arts Club (siehe Titelbild) und das sieht einladend aus und ich entdecke ein Schild, dass Kurzfilme gezeigt werden und gehe hinauf in die erste Etage. Ein schöner alter Raum mit einer Bühne zeigt sich mir, der mich an das Magazin-Kino in Hamburg erinnert. Einige Leute sitzen herum und füllen Zettel aus. Ein wenig wie früher beim Kurzfilmfestival der Berlinale.
Unten ist eine Galerie und freundliches Gelächter dringt an meine Ohren, ich sehe bunte Farben und nette grauhaarige Ladies, die nicht so alt sind wie sie allein aufgrund ihrer Haarfarbe scheinen. Der Raum ist vielleicht 25qm groß und es sind Kunst aus Keramik und aus Filz sowie Bilder befinden sich darin. Es ist in einzelne Abschnitte unterteilt, jeder Abschnitt enthält eine Seite mit einem Foto der jeweiligen Künstlerin und ihrem persönlichen Statement zu ihrer Kunst – äußerst sympathisch und feinsinnig, was ich da lese. Und ich nehme die angenehmen Stimmen der angeregten und doch leichten Unterhaltungen der Frauen wahr und es ist schön und ich fühle mich auch dort sehr wohl. Ich schleiche eine Weile um eine wunderschöne Keramikschüssel von Serena Gwynn, die ein symmetrisches eher archaisches Muster in sich trägt. ich frage mich, ob ma dieses wunderschöne Stück auch auch benutzen kann – leider nicht wie ich später von ihr erfahre. Dann sehe ich mir die Bilder an und erfreue mich sehr an den Farben und lese interessiert, was Jenny für einen Hintergrund hat und erfahre, dass sie eigentlich immer Galeristin war und irgendwann selbst begann, mit Farben zu experimentieren und dass ihre Bilder ihr die Möglichkeit geben, ihre Lebensreise besser zu begreifen. Das spricht mich sehr an und nicht dass ich wirklich malen könnte, aber wenn ich den Pinsel in die Hand nehme und genau wie sie dieses Gefühl bekomme, dass ich ruhig werde und hier bin und jetzt – dann spricht mir das Gesagte dort sehr aus der Seele und ich bedauere, dass ich wirklich alles im Überfluss nur keine Malsachen mitgenommen habe.
Irgendwie komme ich mit den Damen ins Gespräch und die eine, die Pat heisst fragt mich, woher ich komme. Und sie erwidert auf meine Antwort, dass sie sich dachte, dass ich von weiter weg käme. Und wir sprechen alle eine Weile und ich sage ihnen, wie ansprechend ihre Kunst sei und die persönlichen Statements dazu und ihre Anwesenheit die Ausstellung zu einem sehr familiären Event machen. Das nehmen sie dankend an und eröffnen mir, dass es ihre Finnissage sei und ich quasi die letzte, die ihre gemeinsame Ausstellung gesehen hätte. Ob ich über Nacht in St.Ives bliebe und ich erkläre, dass ich nicht weit weg wohne in Porthcurno und die Frau , die sich Pat nennt, freut sich und sagt, sie würde direkt gegenüber wohnen.

Als ich am Abend zuhause esse, kommen neue Gäste, ein Pärchen aus Paris; sie sind freundlich, er fragt mich aus, als wäre das ganz normal. Sie hat ein Lächeln ins Gesicht gemeißelt wie Sandra Bullock, man lächelt automatisch zurück auch wenn es glaube ich mehr freundliche Fassade ist- sie hat das Lächeln auch am nächsten Morgen direkt nach dem Aufstehen auf dem Weg ins Bad, so etwas irritiert mich immer etwas, auch wenn ich sofort animiert fühle, das Lächeln zu erwidern. Manche Menschen haben das einfach, sie lächeln einfach immer.

Meine Gastgeberin kommt sehr spät, als ich noch mit den Parisienne zusammensitze und ich erzähle von meinem Ausflug und den Begegnungen und der Galerie und den Frauen dort und plötzlich reißt sie die Augen auf und sagt, das seien Freunde von ihr und dass sie eine Einladung bekommen , es aber nicht geschafft hätte. Auch hier – what a small world it can be sometimes!

8. Mai The Last Journey Land’s End und Sennen Cove

Jeden Tag nach dem Aufstehen oder nach dem Frühstück spreche ich mit dem Foto von Zora. Ich begrüße sie oder sag was nettes oder erzähle etwas. Ich hab schon immer vor mich hin geplappert, nur dass Zora dann auch darauf reagierte, wenn ich sie ansprach und den Kopf zur Seite legte, als versuchte sie mich besser zu verstehen. Dann streichel ich die Nase auf dem Foto und es fühlt sich so an, als könnte ich ihre Nase wirklich noch spüren. Manchmal werde ich dann traurig, manchmal lache ich über mich, ein anderes Mal bin ich überrascht, dass es sich noch so echt anfühlt aus der Erinnerung.

Heut war kein so guter Tag. Ich habe schlecht geschlafen, weil ich nach 22.00h noch super leckere dunkle Ingwerschokolade in mich hineingeschlungen habe und dazu noch schöne dark-chocolate Cookies und dann war ich wach – sehr lange. Gegen 2.30h bin ich eingeschlafen und um 8.00h wieder aufgewacht. Meine Stimmung war entsprechend gedrückt und ich hatte den ganzen Tag Kopfschmerzen.
Das Wetter leistete passend seinen Beitrag dazu – erst gegen Nachmittag ab 16.00h hörte es auf zu regnen und ich ging los und fuhr nach Land’s End.

Dort war es einmal schön, glaube ich. Heute fährt man durch eine Art Tor wie bei einer Ranch, kann sich auf einen horrend teuren Parkplatz stellen und geht dann auf ein weiteres Tor zu, das wie aus einer Casino-Welt abkopiert wirkt. Es hat ein bißchen etwas von British-Disneyland, hatte ich in einem Forum gelesen, doch ich wollte mir selbst ein Bild machen.
Nach dem ersten Tor machte ich nur noch einen U-Turn und fuhr davon, hier wollte ich nicht sein. Eintritt zahlen, um das westlichste Ende von Cornwall zu sehen, das Verschandeln von Natur zu unterstützen – nein danke!
Ich fuhr weiter und kam an Sennen Cove vorbei, der Ausblick auf die Küste erschien mir abermals sehenswert und so parkte ich das Auto kurz in einer Haltebucht und überquerte die Straße, um eine bessere Aussicht zu haben.

Auf der anderen Seite angekommen brach ich heulend zusammen. Es war wohl schon sehr viel früher heute gekippt. Irgendwann als ich noch am Tisch saß und den Blog für gestern schrieb, wurde mir klar, dass ich trotz des Wetters nicht aus dem Haus musste, der Hund war ja nicht mehr da-Zora war weg.

Ich konnte fast eine Stunde nicht mehr aufhören zu weinen. Meine Gedanken kreisten nur um Zora und dass mir ohne sie nichts mehr Spaß macht und was das ganze eigentlich soll. Mir wurde schlagartig klar, dass es egal war, wo ich mich befand. Es machte keinen Sinn, mich nach Freunden zu sehnen, die mich stützten, denn am Ende des Tages war ich doch wieder allein mit mir und meinen Gedanken und meinem Schmerz. Da ist es eigentlich besser, dass ich hier bin und andere Dinge sehen kann, mich an der Natur in besseren Momenten erfreuen kann als zuhause die Tür aufzuschließen und einen kleinen Augenblick vorher noch innezuhalten und mich daran zu erinnern, dass da jetzt kein Schnurfel mehr ist, der mich begrüßt, wenn ich gleich die Tür öffnen würde.

Eine doppelte Menge an Notfalltropfen und ein paar Globuli machten mich ruhiger und dem anhaltenden Schluchzen ein Ende. Ich fuhr nach Penzance in den Supermarkt und kaufte ein. Das Vergleichen von Teepreisen kann eine ungemein angenehme Ablenkung sein.

Als ich fertig war mit meinen Einkäufen und zuhause (ich bezeichne das bewusst so, denn das ist es momentan irgendwie) ankam, funkte ich meine beste Freundin von allen an, ob sie mich mal anrufen könnte. Wir plauderten eine Weile und sie meinte irgendwann, dass sie überrascht sei, weil mein Blog sich so liest, als würde es mir viel besser gehen.

Das tut es auch meistens, aber diese Momente gibt es eben auch und zwar jeden Tag – mal sind sie kürzer, mal sind sie länger, je nachdem wie gut ich meine Gedanken im Griff habe, wie gut ich im Hier und Jetzt sein kann, ob ich früh genug ins Bett gegangen bin und wann ich gegessen habe – das spielt eine sehr große Rolle.
Wenn ich schreibe, lege ich den Fokus intuitiv auf das Gute des Tages, das stärkt mich und gibt mir vielleicht ein wenig mehr die Illusion, dass es am nächsten Tag weiter und womöglich besser geht.

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7.Mai The Last Journey Prussia Cove to St.Michaels‘ Mount

Etwa 15 Minuten mit dem Auto entfernt gibt es einen wunderbaren Küstenpfad entlang der alten Schmugglerbuchten von Penwith, der Region um Penzance. Man fährt in Rosudgeon eine kleine Sackgasse entlang bis zu ihrem wirklichen Ende, das sich in dem Fall wirklich endlos lang nach hinten ausdehnte. Das Verrückte ist, dass hier tatsächlich auch Menschen leben, obwohl man den Eindruck hat, das hier eigentlich nichts mehr kommen kann.
Am Ende befindet sich ein wilder kostenfreier Parkplatz und gleich daneben startet auch schon der Public Footpath-der offizielle Wanderweg.

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Wie schon gestern erwähnt, sind die Wege hier ziemlich verwunschen und verschlungen und ich bin oft an Überwege gekommen, den sog. Stiles, an denen ich zunächst den Eindruck hatte, jetzt wäre ich am Ende oder der Weg wäre gesperrt, wie das an der Küste infolge der Unterspülungen oft der Fall ist.

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Mein erster aufregender Ausblick fällt nach einem wiederum märchenhaften kleinen Durchgang auf Bessies Cove, eine idyllische kleine Fischerbucht komplett mit Fischerhütte. Bei Ebbe wurden diese Buchten im 18. und 19. Jahrhundert von den Schmugglern genutzt und man kann deren Wege an manchen Stellen noch wunderschön nachziehen. Man erzählt sich hier die Geschichte der Familie Carter, die hier im 18.Jh unzählige Waren geschmuggelt hat. Einer der Brüder trug den Spitznamen „King of Prussia“(König von Preußen), nach dem diese Gegend benannt worden ist. Sie nutzten diese 3 Buchten für ihr Schmuggelgut: King’s Cove im Osten, Bessies Cove und Piskies Cove.

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Sehr stürmisch geht es weiter an malerischen Klippen vorbei mit unglaublich beeindruckenden Felsen und Schluchten. Ich konnte leider nicht ganz so nah an den Rand, wie ich es mir gewünscht hätte, weil dann der Blog womöglich ein jähes Ende gefunden hätte. Andererseits bin ich mit zunehmendem Alter auch immer anfälliger für Schwindel in entsprechenden Höhen geworden.

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Der Weg ist gesäumt von unzähligen sogenannten Blue Bells (Atlantisches Hasenglöckchen, eine Hyazinthenart-ich musste das nachschlagen, die Botaniker unter Euch kennen diese hübschen blauen Blümchen ganz sicher)

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Diesen Namen weiss ich auch nur, weil ich unterwegs kurz vor St. Michaels Mount am Strand eine reizende ältere Dame mit ihrem ebenfalls älteren Cockerspaniel traf und wir anlässlich des doch recht stürmischen kalten Wetters ins Gespräch kamen. Man muss wissen, dass die Briten einen unterwegs auf den Footpaths zum Beispiel mit einem ‚It turned pretty cold‘ -so als wäre man ohnehin mitten im Gespräch gewesen auf einer großen Wiese, in deren Mitte man sich zufällig begegnet ist. Mit dieser Lady kam ich etwas länger ins Gespräch, weil das mit Hundebesitzern manchmal so sein kann und sie erzählte dann als ich sagte, dass ich in Prussia Cove losgelaufen sei, dass sie mit ihren Eltern und Geschwistern als Kind ab Penzance losgelaufen sind bis Prussia Cova und unterwegs hätte man dann ein Feuer gemacht und sich das Essen zubereitet und wäre dann wieder zurückgewandert. Da war man den ganzen Tag unterwegs. Heute wäre das unvorstellbar, dass ihre Enkelkinder wenigstens die Hälfte der Wanderung zu Fuß zurücklegen würden. Natürlich sprachen wir auch über ihren Hund und das Gespräch kam auch auf Zora. Sie legte voller Anteilnahme ihre Hand auf meinen Arm und strich darüber und ich musste mich zusammenreißen, nicht sofort loszuheulen. Sie erzähle, dass sie Lungenkrebs hatte und dass ihr Hund während der Chemotherapie nicht von ihrer Seite gewichen sei. Ja so sind sie unsere vierbeinigen Freunde, sie spüren immer genau, was los ist.

Mein Weg führt mich die ganze Küste entlang bis St.Michaels Mount, den man zu Fuß nur bei Ebbe erreichen kann, andernfalls mit einer kleinen Fähre. Doch dieser Fußweg ist eben das ganz besondere Happening, das man einfach gern mitnimmt. Und nach meinem wirklich für mich langen Weg von etwa 6-8 km bin ich nur um es auch gesehen zu haben auf dem Wasserweg zu Fuß langgegangen. Ich war offenbar zu spät dran, denn als ich gegen 17.00h St.Michaels Mount erreichte, war eigentlich schon alles geschlossen auf der Insel. Ich sah noch die Fußstapfen von Prinz Charles und Camilla, die anlässlich ihres Besuchs in 2010 dort genommen worden waren. Sehr aufregend! Da sieht man eine große und eine kleinere zierlichere Schuhsohle in Kupfer gegossen am Boden und fragt sich, was das soll. Auch das ist Großbritannien!´

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Der Weg im ganzen war wirklich so unbeschreiblich schön und abwechslungsreich und natürlich kam Zora wieder irgendwann dazu, machte Schabernack in den Wiesen, war beleidigt , wenn ich andere Hunde streichelte, alles ganz so wie im echten Leben. Und das Gute war, dass es an der Küste nicht nur relativ leer ob des Wetters war, sondern auch so stürmisch und laut, dass ich meinen immer wieder kurzen aber heftigen Impulsen zu weinen hemmungslos nachgehen und meinem in manchen Momenten unerträglichen Vermissen lauthals Ausdruck verleihen konnte.

An einer Stelle, an welcher der Weg ein wenig abknickte, so dass ich den weiteren Verlauf nicht einsehen konnte, riss mich plötzlich ein scheinbar ganz allein in der Gegend sitzend älterer Gold Retriever aus meinen Gedanken, der mich ansah, als hätte er dort nur auf mich gewartet. Auf meine Ansprache kam er auch sogleich rüber zu mir, ließ sich streicheln und starrte immer hinter mich und lief zweimal kurz um mich herum und kam zurück, als käme da gleich jemand und er müsste dort auch jemanden begrüßen. Vielleicht hat er ja Zora gesehen…. Dann kam eine ebenfalls sehr nette Lady und meinte ‚er scheint immer zu glauben, er sei allein unterwegs obwohl er es ja nicht ist, aber er denkt einfach, er sei ziemlich unabhängig.Ich lasse ihm das‘. Ich traf mindestens 5 Hunde auf meinem Weg und ausnahmslos jeder hat mich von sich aus freundlichst begrüßt, als würden wir uns schon lange kennen. Ob Zora Ihnen Bescheid gesagt hat, dass mir das Streicheln so sehr fehlt?

Auf dem Rückweg schmerzen meine Füße so sehr, dass ich überlege, den Bus zu nehmen-der kommt leider nur 3 mal am Tag und führt mich nicht wirklich an meinen Ausgangspunkt zurück. Ich mache mitten auf dem Weg eine kleine Pause, esse und trinke etwas und stapfe wirklich mit der Ausdauer einer Frau, die überleben möchte – als sei ich irgendwo verloren in der Wüste, doch ich war wirklich k.o. – mit Blasen an den Füßen (vielleicht hätte ich doch die Wanderschuhe aus dem Keller mitnehmen sollen) so rasch es geht zurück nur noch mit dem Ziel im Kopf, endlich ins Auto zu steigen und in meiner Unterkunft ein Fußbad (daran hab ich allerdings gedacht ;-)) zu nehmen.
Der Weg über Land soll ganz klar ausgeschildert sein, sagt mein Wanderführer – naja, an irgendeinem Stile finde ich kein Hinweisschild und überquere ein Feld querbeet Richtung Acton Castle von 1775 – John Stackhouse lebte hier mit seiner Frau Susanna Acton of Scott, und nein, er hat es nicht für sie, sondern weil er die See so liebte direkt an der Küste bauen lassen. Von dort sind es nur noch schlappe 800 Meter bis zum Parkplatz und ich hab mich lange nicht mehr so auf mein Auto gefreut.

Als ich zurück bin, kommt auch Sam – meine Gastgeberin, die hier mit ihrer etwas bekannteren Schwester Tiffany Coates lebt
(Worlds Famoust Motorbike Guide- http://tiffanystravels.co.uk -liest sich wie ein Film, leider ist sie bis 19.5. in Nepal auf einer Tour in den Himalaya- keine Ahnung , ob ich bis zu ihrer Rückkehr noch hier sein werde -obwohl ich sehr neugierig bin auf sie)
nach Hause und bringt einen Freund mit. Scott ist sehr entspannt barfuß in seinen Bermudas – (während ich mit Fließjacke am Tisch sitze )- und witzig und sie erzählt ihm beim Essen, bei dem wir alles zusammen auf den Tisch tun, meinen Salat mit dem perfect balsamico dressing von Paul Newman , das man durchaus nehmen kann, wenn man mal keine Lust hat, selbst anzurichten – und sie haben gedünstetes Gemüse und Lachs und Vollkornpasta (die britische Küche hat sich gegenüber meinem Letzten Besuch vor 20 Jahren erheblich verbessert!)
über ihre Arbeit und es ist so sehr wie Musik in meinen Ohren, dieses British English und sie entschuldigen sich mehrmals, dass sie mich so langweilen mit ihrer Jobgeschichte, aber ich beruhige sie und sage, dass es mir ein Vergnügen ist, dabei zuhören zu dürfen, weil es doch auf englisch ist und ich Worte lerne wie ‚People Pleaser‘ – und ich erkenne, die Inhalte sind dieselben wie bei uns – es klingt nur viel schöner. Und dann mache ich mein Fußbad und höre den inzwischen heimgekehrten Gästen Tim und Emma from Edinburgh zu, wie sie von dem doch eher langweiligen Theaterstück oben im Minack Theatre berichten und ich bin froh, dass ich mich heute dagegen entschieden hatte.

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6.Mai The Last Journey Am Abend betrachtet

…war der Tag in sich gespalten. Nach der schönen Pause am Meer folgte ein ziemlich steiler Aufstieg zum legendären Minack Theatre, einem Theater mitten in den Felsen oben auf der Klippe sozusagen, von dem man zunächst vermutet, es sei von den Römern bereits erbaut worden. Weit gefehlt: eine einzige Frau hat es in den Jahren von 1931-1983, dem Jahr Ihres Todes entworfen, erbaut und finanziert. Eine tolle Sache, wenn es Mittwoch Abend nicht zu kalt und regnerisch wird, werde ich mir also am Abend mit Blick über den Atlantic ein Theaterstück ansehen können.
Oberhalb des Meeres befinden sich wunderschöne oft verschlungene und auch verwunschen anmutende Wanderwege durch eine heideartige Landschaft voller kleiner bunter Blumen und Farne. Dazwischen findet sich hier und da ein kleiner Wasserfall, der die Klippen hinunter bis zum Strand verläuft.
Irgendwo da auf meinem Weg holte mich der Verlust dann doch wieder ein und ich spürte ihn so schmerzlich, dass ich regelrecht in ein Loch fiel. Eine Schwere überkam mich, die bis heute abend andauerte und nur durch die kurzen Gespräche hier mit anderen Gästen oder meiner Gastgeberin zeitweilig unterbrochen wurden.
Der Spagat zwischen den Erinnerungen und den Bildern, die in meinem Kopf entstanden waren, machte mir zu schaffen. Es war den Tag über so , als wäre sie bei mir, würde alles miterleben. Dabei schwankte mein Bild von ihr zwischen Welpenalter, Jugend und Endstadium.
Seit meine Eltern vor inzwischen 9 bzw. 8 Jahren nacheinander gestorben sind, hat mich diese tiefe Einsamkeit, dieses Gefühl des Verlorenseins nicht mehr richtig losgelassen. Das ist mit dem Verlust von Zora, für den ich bei weitem mehr Vorbereitungszeit hatte, natürlich nicht wirklich anders – nur nicht so neu.
Ich habe in den letzten Jahren viel über den Tod nachgedacht, was das eigentlich ist, was da mit uns passiert. Gibt es eine Seele? Stirbt nur unsere irdische Hülle und der Geist lebt weiter? Ich verwarf all diese Gedanken und war fest überzeugt, wir haben einfach nur ein Zentrales Nervensystem und irgendwann ist die Batterie eben leer und damit sterben auch alle Gefühle, die ja auch nur chemische entstehen.
Vor zwei Jahren war ich in Italien in einem Museum und sah erstmals eine Übersicht der chemischen Bestandteile unseres Körpers. Alles findet sich auf der Erde und im Universum wieder. Ich war ehrlich verblüfft. Hätte ich in Chemie und Biologie besser zugehört, wäre mir diese Erleuchtung womöglich früher vergönnt gewesen, doch ich hatte mich nie mit solchen Dingen beschäftigen wollen.
Viel später ging ich einmal mit Zora im Grunewald spazieren und fand einen jungen Baum abgeknickt über den Weg hängen. Das rührte mich so an, dass ich nachsah, ob ich tote Stämme zum Abstützen finden könnte, damit sein junges Leben nicht schon vorbei sein musste. Unter Aufbringung aller körperlichen Kräfte,denn so ein junger umgeknickter Baum ist wirklich ganz schön schwer- schaffte ich es, ihn mit einem Arm aufzurichten und mit der anderen Hand die gefunden Stämme als Krücken gleichsam in Position zu bringen. Ich hab geweint dabei, weil es anstrengend war und weil ich stellvertretend ( vielleicht meine Eltern ) diesen Baum unbedingt retten wollte. Damals bekam ich eine Ahnung davon, was mit der buddhistischen Auffassung von unserer aller Verbundenheit gemeint sein könnte, was bei Beerdigungen Asche zu Asche bedeutete.
Der Tod meiner Oma war der erste große sehr schmerzhafte Verlust in meinem Leben und ich sah sie noch lange immer wieder in anderen Menschen und erschrak dann immer.
Als mein Vater gestorben war und meine Mutter schwer krank war, sah ich ihn ständig in anderen Menschen, die ihm ähnlich sahen, manchmal auch von hinten auf der Straße oder mir entgegenkommen. Ein Jahr nach seinem Tod an dem Abend vor Weihnachten ging ich mit Zora in absolut ländlicher Dunkelheit spazieren und hörte Tango mit dem Ipod, als ich plötzlich erschrak; ich drehte mich um und hatte das Gefühl,mein Vater sei dort irgendwo und rief ängstlich in die Stille „Papa“?
Am nächsten Tag rief mein Onkel an und sagte mir, dass meine Mutter gestorben war und zwar genau zu der Zeit, als ich in die Stille gerufen hatte. Ich hab meinen Vater danach nicht mehr gesehen.
Wie ist das also mit dem Tod und dem Geist? Ist es da tatsächlich so abwegig, dass Zora mich hier ab und an begleitet….

Den Baum von damals hab ich übrigens seitdem häufig besucht, er hat es mit aller Kraft überlebt und bekommt jedes Jahr neue Triebe. 😉

Noch einige schöne Eindrücke von meinen Spaziergängen.

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6. Mai The last Journey Das Meer

Ich habe weder Hemingway „Der alte Mann und das Meer “ gelesen noch den neuen Film von und mit Robert Redford gesehen, in dem er seine Zeit wortlos mit seinem Boot und dem Meer verbringt.
Doch ich habe eine gute Ahnung davon, wie sich das anfühlt. eben noch inmitten von verschlungenen Pfaden einer seltenen landschaftlichen Schönheit und meiner unendlichen Trauer ausgesetzt, finde ich mich im nächsten Moment einer der wie ich finde schönsten Naturgewalten der Welt gegenüber stehend, dass es mir den Mund vor Staunen offen stehen lässt. Dafür habe ich diese Reise gemacht. Keine Gedanken mehr, die mich weggehen lassen von diesem Augenblick, keine Sorgen mehr. Ich bin einfach nur hier und staune über dieses unendlich schöne Meer, diese Kraft, den Lärm der brechenden Wellen.
Nachdem ich mich wieder gefasst habe, zieh ich unversehens Schuhe und Strümpfe aus und laufe ihm einfach entgegen. Es ist so wunderbar, so unendlich schön , grad hier in diesem Moment zu sein, das kalte Meer an meinen Beinen zu spüren, den kiesartigen Sand unter meinen Füßen , den frischen Wind über mein Gesicht fahren zu lassen und mich von der Sonne wärmen zu lassen. Danke für dieses wunderschöne Glücksgefühl! Und nebenbei tauchen die schönsten Bilder von Zora in mir auf, die Jung und lachend sich im Sand wälzt, mich mit der Nase anstubst und sich zu mir legt und mir zeigt, es gibt eigentlich keinen echten Grund , grad traurig zu sein.

6. Mai The last Journey Ein neuer Tag

Jeder Tag ist ein neuer Tag – Morning has broken von Cat Stevens lief gestern auch im Radio. Ich glaub , ich hab mit 15 das erste Mal Cat Stevens auf der Gitarre nachgespielt und nur gesungen, wenn keiner dabei war. Gestern fiel mir wieder einmal auf, dass es doch einen sehr religiösen Hintergrund hat. Und das war schön!
Im Februar habe ich den ersten Reiki Grad gemacht, weil eine Freundin von mir Zora mit Reiki einige Male sehr helfen konnte und so wollte ich das auch gerne tun. Das hab ich auch – bis zu ihrem letzen Atemzug.

Warum ich das erwähne, ist eigentlich nur die Tatsache, dass ich mit Reiki wieder an etwas zu glauben begonnen hatte oder vielleicht dass ich es einfach bewusster tue seitdem. Es gab da noch die eine oder andere Begebenheit im Vorfeld, die mich wieder etwas mehr dem Glauben an etwas öffnete. Angefangen hat es irgendwann mit den Parkplatz- Wünschen, die in Kreuzberg bitter notwendig sein können.
Also mein erster Eindruck heut morgen war dieser hier und ich dachte, na prima, wenn was passiert dann bin ich gleich und sofort weg – aber das ist ja nicht mein Plan….

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Deshalb hab ich als Titelbild die schöne Sonne und damit die Vorteile gewählt als Begleitung für diesen Tag. Bevor sie weggeht, werde ich mich auf den Weg zum Strand machen, der soll nämlich ganz nah sein…….

5.Mai The Last Journey Porthcurno-Cornwall

Heute ist es genau eine Woche her. Ich trau mich kaum hinzuspüren. Heute morgen waren die Bilder wieder da:Zoras viel zu blasse Zunge, diese merkwürdigen Stellen darauf, wie sie sich nach dem Zwangsspaziergang sofort an den Teich legte und einfach nicht mehr wollte, nicht mehr konnte-keine Kraft mehr hatte und ich auch nicht. Als hätten wir das über Nacht nochmal genau abgesprochen und uns in stiller Übereinkunft dazu entschieden, nun loszulassen. Das haben wir auch getan über mehrere Tage-mit Blicken, Gesten, Gedanken.

Die Fahrt nach Cornwall war beschwerlich. Ich hab die Urne für diese Fahrt extra auf dem Rücksitz postiert, auch wenn das aussieht wie ein Schrein, das soll es eigentlich nicht, da ist auch immer ein gutes Quentchen Humor dabei – ein lachendes, ein weinendes Auge – wirklich gelungen ist der Schatten der Hundepfote – der Stoffhund liegt nur ersatzweise auf der Ablage bis ein Wackeldackel kommt.

Es gab einen Moment am Nachmittag, da brach der Schmerz einfach nur heraus und ich hab beinahe geschrien, weil es so weh tat. Danach war es etwas ruhiger in mir.
Ein Freund schrieb mir sinngemäß etwas wie „Weitermachen, doch wozu?“ Und es fühlte sich genau so an-wo war der Sinn im Weitermachen?
Die Tierärztin sagte bei all meiner Sorge um Zora vorletzte Woche, ich solle jetzt einfach nur von morgens bis mittags denken. Wenn man sich auf den Atem konzentriert, hält man automatisch inne und die Gedanken und damit auch die Sorgen verschwinden im Augenblick und man ist für den kleinen Moment tatsächlich im Hier und Jetzt.
Ich glaube, jedEr von uns kennt solche Momente und je älter und erfahrener wir werden, um so mehr können wir diese ertragen und einschätzen. So auch ich allein in der Erinnerung an den gestrigen Tag und die vielen unerwarteten Wendungen, die mich immer wieder von Sinnfragen abschweifen lassen, weil das Leben dann doch einfach passiert, wenn man es zulässt.
Ob es die Musik im Radio ist, die mich begleitet- und ich war reich beschenkt heute, denn ich konnte im Rahmen der Bankholidays (Feiertag in England) auf BBC 2 meine Kindheit und Jugend an mir vorüberziehen lassen, mitsingen, mich erinnern mit TRex‘ Children of the Revolution, The Sweets‘ Love is like Oxygene oder Supertramps Breakfast in America oder Hotel California. All diese Lieder bekommen dann plötzlich eine neue Bedeutung und machen Spaß oder manchmal auch wehmütig. Bei einigen hatte ich das Gefühl,-ich verstehe den Text zum ersten Mal. Wie kleine Geschenke,die ich auspacken kann, wenn ich nur möchte.

Schließlich kam ein Schild mit dem Hinweis „Stonehenge“ – und alle Sinnfragen waren völlig aus meiner eben noch schwermütigen Stimmung entwischt- vielleicht ist genau das mein Geschenk hier auf dieser Welt, dass ich es immer wieder schaffe, etwas neues zu finden, das meine Neugier aufs Leben wieder und wieder weckt. Genau so war Zora, immer wieder fand sie etwas, das ihre Aufmerksamkeit erregte und woraus sie ein Spiel machen konnte.

Heute bei meiner Ankunft in dieser nebligen Einöde am Ende Englands-einen Steinwurf von Lands End entfernt,fehlt sie mir ganz furchtbar. Bei meiner Ankunft sagte ich meiner Gastgeberin, ich versuche es genau 3 Tage, weil es hier so einsam ist und ich nicht sicher bin, ob ich mir selbst schon so hautnah begegnen kann.

Keine 10 Minuten später erzählte sie etwas von Baskin Sharks, die in der Bucht gesehen wurden und von Mini Stonehenge Stones in der Gegend….und wieder bin ich neugierig-neugierig auf morgen und wie es mir geht und was der Tag mir bescheren wird.

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4.Mai The Last journey Tango Balham La Mariposa at Excelsior Night Club

Da war ja noch der Tangonachmittag ….. nach meinem wunderbaren Nachmittag in Norwood kam ich gegen 16.45h in Balham an und fand auch schließlich den unscheinbaren schmalen Eingang ins Excelsior, wo in der 1. Etage die Milonga (Name für die Tangoveranstaltung an sich, man geht statt in die Disco zu einer Milonga) stattfand.
Freundliche Menschen empfangen mich am Eingang und da ich unsicher bin, frage ich, ob es hier auch möglich ist, als Frau zu führen-in Berlin keine Frage, aber auswärts…..nicht immer gern gesehen.
Natürlich , das wäre überhaupt kein Problem, es gibt da einige Frauen, die sich gern von einer Frau führen lassen und Alan-der Veranstalter zusammen mit Ros- würde ein announcement machen, dass ich da wäre und führen kann. Woher ich denn käme und als ich erwidere aus Berlin, kommt von jeder Seite eine Geschichte, wie toll und so viele Milongas Berlin.
Überhaupt scheint die Tatsache allein, dass ich aus Berlin komme und dann noch aus Kreuzberg, auszureichen, um mir unbesehen Sympathien entgegenzubringen. So als käme ich aus New York.
Anyway- beim public announcement war ich gerade auf die Toilette geflüchtet, ich hörte die Leute ein Willkomen klatschen und das war sehr nett, aber um die öffentliche Vorstellung kam ich nur halb herum.
Ich tanzte also nach ein paar Minuten mit Lucy, die keine wirklich enge Umarmung wünschte und mir stets etwas davon lief, aber wir meisterten unsere Tanda (3 Tänze hintereinander) würdevoll und doch so, dass niemand davon lief, wenn ich fragte.
Aber eigentlich musste ich niemanden fragen, alle kamen zu mir.
Nach Lucy kam ein anderer Alan mit weißem Weihnachtsmannbart, sehr freundlich, vom Typ, er kümmert sich mal um die Neulinge und zeigt mal, wie das geht. Meine führenden Tango-Freundinnen wissen, was ich hier meine….
Auch das überstand ich prima, dann tanzte ich mit Azusanna aus der Nähe von Galizien, ganz wunderbar, keine Kontaktscheu und sie organisierte die nächste Tänzerin für mich. Dann schlich immer eine sehr schlicht wirkende Dame um mich herum, blond etwas über 50 und sehr sympathisch und fragte mich irgendwann auch nach einem Tanz. Das war ganz wunderbar, Marianna aus Paris it einer Stimme von mindestens einer Schachtel Gauloises täglich-herrlich!!- alle leben in London. Und irgendwann kam Dominique aus Lyon, etwas kleiner als ich und es stellte sich heraus, dass er gerade vor 2 Wochen in Berlin im Café Dominguez war, wo ich an dem Tag an der Bar ausgeholfen hatte und ich erinnerte mich gut an ihn, weil er mir gleich sympathisch war. Noch nicht so verdorben wie die guten Tänzer manchmal sein können.
Es war ganz wunderbar mit ihm zu tanzen-ehrlich. Ich bat ihn gleich um die nächste Tanda und er fand es wie er sagte auch sehr schön mit mir zu tanzen.
Also um es abzukürzen , habe ich eigentlich bis auf einige Minuten am Anfang praktisch nur getanzt und schließlich ging ich noch mit einigen von ihnen in den Pub etwas essen und es war ein wunderbarer Ausklang des Tages und Abends mit sehr angenehmen Menschen um mich herum und vielen angeregten Diskussionen um die unterschiedliche Art der verschiedenen Kulturen, mit dem Tango umzugehen. Ein toller Tag!
Und abends noch ein schöner Austausch mit meiner Gastgeberin, das ich nicht wegfahren mag…..aber Cornwall must be wonderful!